Category: Traumtagebuch

Keine Angst vor Klischees

Als ich zu mir komme, finde ich mich, obgleich im Bett liegend, auf Reisen. Mike sitzt am Rechner, wendet seinen Blick nicht vom Monitor, als er mein Wachwerden bemerkt, sondern fragt interessiert nach, ob ich die Fotos noch habe. Die Fotos? Ach so … ja, verstehe … Während die Szenerie wie ein Film abläuft … – blicke ich in ein Tal mit sandfarbenen Häuschen und lausche. Reiter mit gewürzroten Turbanen, voller Sandstaub … Indien, Arabien? Oh, es ist faszinierend … „Ja, ich habe die Fotos noch, aber die waren ja nichts geworden, wegen der schlechten Kamera.“ – Mike: „Machst du wieder Fotos?“ – „Ja, ja das kann ich machen, aber … sag, fahren wir dort hin? Ja?“ – „Ja.“ sagt er und freut sich über die gelungene Überraschung. – Für mich ist es, als sei ich bereits dort, in dem Land, mittendrin … bemerke beiläufig etwas Wichtiges, das mir gerade erst bewusst wurde:
„Wir müssen Fotos machen, überall, ohne zu hinterfragen, sich nicht davon abhalten lassen, dass eines ein Klischee bestätigen könnte. Wenn ein Eiffelturm da ist, so muss man ihn auch fotografieren! Verstehst du? So ist das gemeint: keine voreilige Angst vor Klischees! Man bringt sich damit um die besten Chancen/ Motive.

~ Traum vom 27. Februar 2012 ~

Badewannencode

Das an die Küche angrenzende Speisezimmer liegt zwei Stufen tiefer in der Wohnung. Zwei Tische. Die Älteren sitzen dort und warten auf den Beginn der Brotmahlzeit, die vor einem aufwändigen Unternehmen eingenommen werden soll. Es fehlen noch Thommy und seine Freundin. Ich nehme einige Scheiben Corned Beef und verkünde gutgelaunt: „Na, dann will ich das mal ausprobieren!“ In einer der Beefscheiben ist eine Klingel eingelassen, die ähnlich einem Messingdruckknopf ausschaut und einen Alarm auslösen soll, der den beiden Langschläfern das bereitstehende Frühstück signalisiert. Schön wäre es, jedoch kommt nur ein kaum hörbares Piepen heraus. Der Blick der Älteren ist vielsagend; mit schwellenden Zornesadern lassen sie wissen: eine überflüssige Spielerei, die natürlich nicht funktioniert … welch eine Verschwendung!! – Ich gehe den Beiden mal Bescheid sagen.

Ankunft am Meer. Alle Nachbarn, mit denen ich während der Kindheit öfter an die Nordsee gefahren war, sind wieder dabei. Da ich einiges organisieren musste, bin ich die Letzte von unserer Truppe, die sich – gemeinsam mit den Älteren – einen Platz am Strand sucht. Wo sind denn die anderen? Ach, die haben ihre Decken näher am Meer ausgebreitet, mehr in der Sonne. Erst jetzt bemerke ich, dass mein Liegeplatz schon in kurzer Zeit im Schatten liegen wird. Vielleicht ganz gut; in der Sonne ist es vielleicht zu heiß? Aber nein, so warm ist es noch gar nicht und ja, im Schatten ist es kühl und feucht. Also nehme ich das Badelaken und gehe vor, finde aber keinen freien Platz mehr. Und: das Meer ist ja – wie konnte ich das vergessen? – viel zu weit entfernt, als dass es zu Fuß zu erreichen wäre. Ein Tunnel – ähnlich wie in einer Miniaturtropfsteinhöhle – , von einem stetig rinnenden Wasserlauf geschaffen, führt direkt zum Meer, aber es ist wegen der Windungen nicht mal zu sehen. Zu ungewiss alles. Wie schade!

Da hatte ich mich so gefreut, als wir vorhin den Wasserball betrachteten. Eine Erdkugel mit einem eigens an den Polen eingelassenen Kreis von genau 32 cm Durchmesser – damit könnte Moina gut auf dem Meer reiten, ohne herunter zu fallen. Alle guten Plätze sind belegt … vielleicht sollte ich mich doch auf den Weg zum Meer machen. Ich spüre Enttäuschung darüber, dass kein erfreulicher Platz übrig blieb.

Später in der Ferienwohnung. Verteilung der Betten und Zimmer. Während ich organisiere, nehmen die anderen ihre Betten ein. Als ich endlich soweit bin, ist nur noch ein einziges Bett frei: es steht im Küchenbereich direkt vor dem Arbeitsplatz. Das heißt, ich werde morgens früh raus müssen, nämlich dann, wenn er erste dort etwas zubereiten will. Ich bin sauer, halte meinen Ärger jedoch zurück, weil ja niemand Schuld daran hat.

Abseits, ganz friedliche Stimmung im Badezimmer. Eine riesige Badewanne im Stil der Siebziger – Orange und Braun. Sie steht über Eck, ist zur Wand hin offen. Mit den Fingern befühle ich die Kalkablagerung genau an der Stelle des möglichen Höchstwasserstandes und stelle fest: das ist noch feucht. Ah gut, ich befürchtete schon, am Tag zuvor das Baden versäumt zu haben, was mir peinlich gewesen wäre. Bald stehe ich innerhalb der Wanne. Mit dem Smartphone in der Hand und rufe die Informationen ab, die ich offenbar via Code auf den Screen holte. Ich erfahre einiges: Fassungsvolumen der Wanne, möglicher Wasserstand bis Überlauf, Wasserverbrauch, Häufigkeit der Nutzung, Verbrauchskosten, Temperaturen, Statistiken, Durchschnittswerte, Diagramme – kurz: ein umfassender Einblick. Hoffentlich erwischt mich niemand und denkt dann, welch sonderbare Interessen ich habe.

~ Traum vom 26. Februar 2012 ~

Jackenlast und Polaroidrock

Polaroidrock

Für viele Stunden während der Nacht werkelte ich an den Fisch-denk-mal Karten herum. Diese sind sämtlich in Sepia-Milchweiß gehalten; vielleicht hatte die Arbeit daran auch wegen dieser Farben etwas Unaufgeregtes.

Anschließend mit einem weiblichen Anteil, links von mir, auf dem Heimweg durch den Wald. Völlig unerwartet kreuzt eine Interviewerin – in Rosas Gestalt – unseren Weg. Sie schießt aus einem Gebäude hervor, hält uns das Mikro vor die Nase, mit der Aufforderung: „Beschreibe was du gesehen hast!“

Jetzt erkenne ich, beim Blick durch die offene Tür hinter ihrem Rücken, dass es sich um einen Ausstellungsraum handelt, wir also unsere Meinung zu den ausgestellten Bildern mitteilen sollen. Na, aber wie? Wir waren ja noch gar nicht dort?! Zu meiner großen Verblüffung antwortet mein weiblicher Anteil längst, erzählt fachmännisch, was ihr an Wichtigem zu den Bildern einfällt, zu den verwendeten Materialien, den Farben, dem Eindruck, der Wirkung, ob beabsichtigt oder auch nicht. Uff! Na, die weiß ja echt Bescheid?!

Inzwischen sehe ich klarer, vergewissere mich: tatsächlich, die Ausstellung findet in einem ausgebauten Dachboden statt. Ein Teil der isolierenden Matten am Dach bildet die Grundlage für einige Bilder. Ich finde das ja etwas sehr … verbunden mit dem Dach, eigentlich zu verbunden. Doch egal, denn eines ist total erfreulich: „Aaach … die Ausstellung ist ja auf dem Dachboden!“ Erleichtert rufe ich dem Tantchen zu: „Alles in Ordnung, dann kannst du also im Haus bleiben, sowohl Erdgeschoss und ersten Stock für dich nutzen.“ Ohne die Künstler zu stören. Tantchen tappt nackend über den Teppich und hinterlässt mit ihren Füßen violette Abdrücke auf dem wollweißen Teppich. Na klar, sie war zuvor durch Rote-Bete-Saft gelatscht. „Oh nein! Wasch dir doch vorher die Füße!“ tadele ich sie.

Nach dem Elternabend – Tagung des Gesamtelternbeirats – stellt sich heraus, dass die meisten Eltern ihre Winterjacken zurückgelassen haben. Der Mühlenbäcker ist im Begriff, diese zu den gefüllten Brotkörben in den Lieferwagen zu packen, um sie den Eltern zurückzubringen. Eine zusätzliche Last, die ich ihm gerne abnehmen möchte. „Lass mich die Jacken nehmen, ich gebe diese in den betreffenden Schulen im Sekretariat ab – man wird den Eltern Bescheid geben, dass sie ihre Jacken abholen. Doch stellt sich heraus: die Eltern kommen aus verschiedenen Schulen, die weit auseinander liegen: Schlussdorf, Schottland, Vegesack! Oje … während aus den Jacken der Geruch von frischer Landluft und alten Holzschränken in die Nase strömt, überlege ich die Verteilung und fühle mich überfordert. Wie mit dem Fahrrad nach Schlussdorf und nach Schottland kommen? Nein, ich will es doch lieber loslassen.

Szenenwechsel. Einige leicht aufgeregte Frauen im Landhaus; vielleicht beim Umziehen vor einer Aufführung. Zerknirscht erkläre ich denen, warum ich die Jacken nicht zu den Schulen brachte: „Ich habe kein Auto. Mit dem Fahrrad ein unmöglich zu bewerkstelligender Aufwand.“ Darauf zeigen sie Unverständnis, machen spitze Bemerkungen in gespielt nachsichtiger Tonlage. Ich fühle mich schlecht und überlege, womöglich wirklich zu träge zu sein.

Szenenwechsel. Auf meinem weiteren Weg begegnet mir der frühere Deutschlehrer. Auf allen Vieren krabbelt er vor dem Ehebett der Älteren herum und fegt alle Fisch-denk-mal Kärtchen – sie erinnern in dieser Vielzahl an ein Memory – unter dem Bett hervor und zusammen auf einen Punkt. Oh ja, eine gute Idee, mal alles zusammenzuführen. Ich mache mit und bemerke wiederholt, dass der Deutschlehrer wie zufällig meine Nähe sucht. Kaum zu glauben, waren wir uns doch damals nicht ganz grün! Tatsächlich hat es den Anschein, als wolle er mir bei Gelegenheit ein Küsschen geben. Das ist mir unangenehm und ich finde mich in leichter Alarmbereitschaft, die mich Distanz suchen lässt.

Ich richte mich wieder auf, die Jacken sind eine Last. Ich will sie rasch in die Abteilung nebenan bringen; in den Grundschulbereich. Zu diesem Zweck muss ich eine hohe zweibeinige Stehleiter überwinden. Mit den vielen dicken Winterjacken sind meine Arme voll beschäftigt und können mir kaum Halt geben. Mein knöchellanger Rock – er ist mit einem meiner Wortpolaroids bedruckt – behindert beim Aufsteigen. Doch ich steige hoch, obwohl die Sache ziemlich wackelig ist. Oben angekommen aber beginnt es derart zu schwanken, dass ich mich vielleicht doch nicht halten kann. „Mike! Halt doch bitte mal die Leiter fest!!“ Warum ist er nicht gleich zur Stelle? Während ich auf der klappernden Leiter schwanke, erinnere mich an den Sportunterricht in der Grundschule. Damals war ich an der Sprossenwand bis ganz nach oben geklettert, dann aber nicht mehr in der Lage gewesen, allein wieder runterzukommen. Eine fürchterliche Erfahrung, die mich zudem unbeliebt machte. Wenn der Deutschlehrer jetzt also sieht, dass ich mich heute in eine ähnliche Lage gebracht habe, obwohl ich es doch besser wissen müsste … Oje, er wird den Kopf schütteln und sich was denken. Diese blöden Jacken.

~ Traum vom 25. Februar 2012 ~

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