Category: Rauhnächte

Im Schlossbahnhof

Traum vom 6. Januar 2012

Zwei Tische, rundum besetzt mit Verwandten wie Bekannten. Ich nehme meinen Platz in der Mitte ein – zwischen den Tischen, ohne mich einem dieser zuzuwenden. Bald kommt Großvater, will mich begrüßen. Ohne Hemdskragen! Wie ungeschützt und damit verletzlich sein Hals wirkt! Kaum dass ich meinen Blick davon wenden kann. Er beugt sich zu mir und ich dulde, dass er seine Lippen in meine Richtung bewegt, mich küssen will. Auf den Mund?! Ein Freundschaftskuss, wie ich vermute, ist es nicht, denn gleich versucht er mit seiner Zunge meine leicht geöffneten Lippen auseinander zu schieben. Nun ziehe ich doch den Kopf zurück, ertrage seinen Zorn darüber, seine Vorwürfe und das Unverständnis der anderen umher.

Völlig überraschend kommt es, dass Mike und ich Moina in einem Bahnhofshort abgeben. Weder hatten wir das geplant noch jetzt darüber gesprochen. Der Hort liegt zwei Stufen tiefer und wirkt wie ein heimeliges Nest, das Moina schützend aufnimmt. Die Leiterin kommt noch mal kurz zurück, tadelt uns, weil wir versäumten, unserem Kind die Hausschuhe mitzugeben. Aber Moina trägt eh schon die ganze Zeit Hüttenschuhe. Na gut, so sauber sind sie nicht mehr. Aber das Zurechtreden hilft ein wenig, meine schlechtes Gewissen zu beruhigen. In helle Baumwollklamotten gekleidet, verschwindet Moina mit den anderen Kindern in der Tiefe der Räume.

Ich drehe mich um. Mike ist fort?! Ohne ein Wort gegangen? Ohne dass ich es bemerkt hätte? Ich schaue mich suchend um, mache bald einige Schritte in diese und dann jene Richtung, entdecke ihn dabei nicht. Wie ich einen Blick in den Bahnhofsvorraum werfe, die verschiedenen mit Teppichbahnen geschmückten Treppen absuche, changiert der Bahnhof zu einem altehrwürdigen Hotel und schließlich zu einem als gehobene Herberge umfunktionierten Schloss. Längst müsste ich Mike gefunden haben… So lange bliebe er nicht fort, ohne es mir zu sagen. Mir wird ganz schwer in der Brust und bedrückt suche ich weiter; selbst dort wo ich längst suchte. Aber weiß ich, welche Treppe er hinaufkommen könnte? Auch hoffe ich, dass niemand meine Suche bemerkt. Was soll die Hortleiterin denken; wenn sich schon die Eltern aus den Augen verlieren, wie wollen sie dann erst ihr Kind beaufsichtigen können? Ich weine vor Verzweiflung, tränenlos. Wir hätten uns längst zufällig wiedersehen müssen!

Im Foyer dann, unerwartet, sehe ich Mike an einem Tisch sitzen, mit zwei anderen Herren, die auf ihrer Reise Station im Schloss machen. Im Gespräch. Einer beschwert sich, dass er für einen Schaden an dem Fahrzeugboden seines Autos selbst aufkommen soll, obwohl dieser durch eine Bodenwelle zugefügt wurde. Mike und der andere Mann sagen nichts dazu. Doch ich kann – genervt von all der vergeblichen Sucherei – nicht geduldig an mich halten und kritisiere seine Haltung: „Sie sind für den Schaden verantwortlich. Sie müssen ihr Fahrzeug mit einer angemessenen Geschwindigkeit über eine Bodenwelle hinwegbringen, damit es keinen Schaden nimmt. Sie können sich nicht auf das Verkehrsschild mit der, ihrer Ansicht nach, zu hohen Geschwindigkeitsbegrenzung herausreden. Ich selbst habe mir mal die Ölwanne aufgerissen – es war meine eigene Schuld! Eine Geschwindigkeitsbegrenzung ist schließlich nicht als Aufforderung zum Fahren einer Höchstgeschwindigkeit zu verstehen!“ Alle Männer stehen auf, keiner sagt was, alle schauen mich an. Ich hatte Widerspruch und Kritik erwartet, Zurechtweisung. Doch einer von ihnen schaut sogar, als bewundere er mich dafür, dass ich sage wie es ist. Mir schwindet etwas der Boden unter den Füßen, da es zu keiner erwarteten Reaktion kommt.

Mike und ich holen Moina vom Hort ab. Sie trägt helle japanische Pantoletten mit blumiger Verzierung. Wie groß unser Kind ist. Die am Saum ausgefranste Baumwollhose ist ihr viel zu kurz, obwohl altersgemäß. Die Leiterin händigt uns einige Dinge aus. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet, aber gut… Es ist ein Empfangsgruß, bestehend aus einem Kerzenset in Pappschachtel: wunderbare Kerzen in Baumform, in Blau, Gelb und Grün. Dann ein Hautpflegeset mit einer Lind-Creme. Nach dieser Lind-Creme, so sagt die Leiterin, könnten wir später mal gefragt werden, ob wie sie ausleihen könnten. Ja verstehe, ich werde die Creme dann wohl nicht verwenden, damit ich bei Bedarf davon abgeben kann. Das ist das Mindeste nach diesem Geschenk. Beim Übergang in einen wohnlichen Bereich werden uns noch Speisen ausgehändigt: eine riesige Pizza für Mike, die wir so gar nicht transportieren können und zu diesem Zweck sachte in einen Drahtpapierkorb einlegen und meine kleinere Pizza obendrauf. Und noch mehr Nahrung oben drauf. Alles viel zu viel, um es heil nach Haus zu tragen.

Wir geben unsere Wohnung auf. Und draußen dann das Auto. Zu Füßen der Leiterin kehre ich neben dem Kofferraum den Dreck zusammen. Während ich dabei die Schönheit und Vorzüge des Schlosses lobe. Wie schön es sei, wie aufgehoben man sich in den Räumen fühle, obwohl sie von einer solchen Weite seien. Die Leiterin nickt, zeigt sich unbeeindruckt und gibt zu bedenken: „Im Herbst, wenn Bäume und Sträucher kahl sind, sieht es hier anders aus…“ – Oh ja! Das ist sicher. Und damit kippe ich den Dreck mit dem Kehrblechgriff voran in einen blauen Abfallsack. Oups… peinlich, da war ich unaufmerksam.

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