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Dreiundsechzig

Traum vom 5. Mai 2010

Echt schade: es war ein sehr langer, interessanter und vielfältiger Traum an diesem Morgen. Noch während des Aufwachens entzog sich das Traumgebilde meiner Erinnerung.

Was vom Traum blieb:
Dort drunten am Strand — er liegt einige Meter unter dem Meeresspiegel — ist die Dunkelheit ewiger Nacht in mildes Licht getaucht. Wie das Wasser den Sand durchdringt, hat es etwas Zutiefstes. Das Meer, die Wellen, die über das Land schäumen und sich zurückziehen – von ewigem Wissen beseelt. Es umspült unsere Füße. Immerdar, immerdar. Nicht mehr viele Menschen sind hier. Die meisten von ihnen meinen: “Hier geht es nicht weiter.” Das stimmt nicht. Ich bin überzeugt: der Weg muss Schritt für Schritt entdeckt werden. Wir gehen, und schauen wach, dann wird sich der Weg mit jedem Schritt offenbaren. Ein Mann ist an meiner Seite. Er sagt nichts, denn er geht unseren Weg ohne Zweifel.
[...]
Zurück vom Strand in einem nahe gelegenen Gebäude. Im Kellerraum findet ein Flohmarkt statt. Ein jeder darf hier sein Handwerk anbieten oder Gebrauchtwaren verkaufen. Ich bin bereits zum zweiten Mal hier. Auch dieses Mal verkaufe ich nicht ein Stück. Der Stand einer Frau ist immer von vielen Menschen umringt. Innerhalb kurzer Zeit verkaufte sie einen Großteil ihrer Sachen. Vielleicht haben all die dort schauenden Menschen einen magnetischen Effekt, der alle anderen Menschen anzieht. Tja, anschließend ist ihre Kauflust natürlich gestillt. “Schau dir das an” sagt eine der Frauen am benachbarten Tisch und nickt zu der erfolgreichen Frau rüber “Sie hat nichts Besonderes im Angebot.” Und trotzdem … Ich lache laut, immer mehr und mehr, kann gar nicht mehr mit dem Lachen aufhören. Jemand sagt zu mir: “Du hast nur wenig.” — „Ich habe 63 Gegenstände auf meinem Tisch. Dreiundsechzig!” Ja, ich habe ja alles gezählt. Die Frau streitet das vehement ab. “Nee nee, dreiundsechzig, da bin ich mir ganz sicher” poltere ich los und werde erneut von Lachen geschüttelt und denke mir: es ist doch wirklich urkomisch, dass es sich so wiederholt. [....]

Ein Urururonkel väterlicherseits — nie zuvor gesehen — ist zu Besuch und schließt mich zum ersten Male innig in seine Arme. Wie wir uns in der Umarmung wiegen, ist eine ernste Heiterkeit zwischen uns. Dabei das Bewusstsein, etwas zu tun, was schon längst getan hätte werden sollen. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. O, welch ein Glück das ist. So viel Freude in mir. Irgendwann nehmen wir Abschied, denn es ist Zeit für ihn zu gehen.
Am Ende dieses Besuchstages gehe ich hinüber in die Garage. Dort steigt gerade ein Onkel — ein sehr gepflegter Mann in dunklem Anzug, polierten Lederschuhen, weißem Haarkranz — in seine schwarze Luxuslimousine. Das Auto ist so breit, dass ich mich dicht an die Garagenwand drücken muss, um zur Fahrertür zu gelangen. Dort gebe ich meinem Onkel ein Zeichen, bitte ihn, die Tür zu öffnen. Mit fragendem Blick steigt er aus. Ich öffne meine Arme und warte ab. Da er die Umarmung mit dem Urururonkel nicht miterlebte, ist für ihn nicht ganz klar, was ich will. “Lass uns einander umarmen” biete ich freundlich an und erkläre weiter: “Auch der Urururonkel nahm mich an sich.” — Mit vorsichtigen Bewegungen kommt er meiner Bitte nach. Unsere Umarmung ist vorsichtig, als seien wir zerbrechlich, und wohltuend. Als er später in sein Auto steigt, haben wir beide das gute Gefühl, das Richtige getan zu haben. Denn sonst wäre irgendwann der Tag gekommen, an dem es zu spät dafür ist … Ich bin voller Dankbarkeit.

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