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Zirkumambulation und Mandelkern

Traum vom 7. Mai 2010

Ein langer Tisch im Freien. Etwa 25 Personen. Kinder ab fünf Jahre und Erwachsene. Nacheinander hat ein jeder Gelegenheit seine Gedanken zum zentralen Thema (nicht näher zu benennen) vorzutragen. Ob Kind oder Erwachsener, so sind alle gleichberechtigt und jede Ansicht ist gleich viel wert. Alle sind sehr ernsthaft bei der Sache, selbst die Vorträge der Kinder sind auf hohem Niveau und sehr durchdacht. Diese Angelegenheit entspricht meinen Vorlieben. Ich spüre die damit verbundene Anstrengung, die einem Geburtsprozess etwa ähnlich. Wir alle streben einen Zuwachs an Erkenntnis an.

Während unseres Zusammenseins zieht die Sonne ihren Weg am Himmel, ebenso ein handbreiter Schattenstreifen, der den Übergang von Licht (sonnenklarer Bereich) zu Nicht-Licht (eingetrübtes Licht) bildet. Dieser Schattenstreifen dreht sich langsam um seine eigene Achse und sein Lauf am Himmel ist beliebig. Das sei nur am Rande erwähnt, da es zwar eine wichtige Tatsache ist, man derlei Selbstverständlichkeiten — wie zum Beispiel, dass es ein Tag war, an dem morgens die Sonne auf- und abends unterging — ja nicht lange ausbreiten muss. Natürlich sind die Momente, da dieser Schattenstreifen das eigene Gesicht streift, eher den fragwürdigen zuzuordnen. Gehen damit doch leicht Verwirrung, Verirrung und Unklarheit einher. Das nehme ich mehrfach wahr, denn es lenkt meine Aufmerksamkeit vom zentralen Thema ab und ich registriere ein blödes Durcheinander im Kopf. Zu diesen Zeiten sollte man dann auch nichts zum Gespräch beitragen. Natürlich gibt es kein Gesetz, das so etwas besagt; auch keine Aufforderung, sich an diese Sache zu halten, aber es wäre klug, es zu tun. Ich glaube, ich selbst lege zu wenig Wert darauf, dies zu beachten und quatsche einfach drauflos – auch das: nicht erwähnenswert, weil alltäglich.

Der Weisheitslehrer, der die Zirkumambulation leitet, sitzt links neben mir: ein kleiner magerer Chinese mit langen fisseligen Barthaaren, bekleidet nur mit braunen Ledersandalen und hellem Leinenhemd. Inzwischen hat er den Mann, der rechts neben mir sitzt — offenbar ein lieber Bekannter von mir, dem ich auch sonst gerne zuhöre — aufgefordert, seine Gedanken mitzuteilen. Die Ausführungen meines Bekannten kommen teils stockend, ich erfasse die Zusammenhänge nicht wirklich und es kommt etwas gequält, so wie er nach Worten ringt, um seine komplexen Gedanken allen verständlich zu machen. Die Sonne scheint in mein Gesicht, das Gehörte dringt ins Gehirn, ohne dass ich begreife. Ich wende mein Gesicht dem Bekannten zu. So nah, dass meine Nasenspitze fast sein Gesicht streift. Dabei neige, kippe oder drehe ich den Kopf, die Nase als Dreh- und Angelpunkt, die wie ein Sensor dicht über das Gesicht des Bekannten streift. Meine Augen sind weit aufgerissen, wie die eines Kindes, und versuchen bei seinen Augen zu bleiben, ohne direkt Blickkontakt aufnehmen zu wollen. Auch das ist nicht erwähnenswert; es ist die gewöhnliche Vorgehensweise um weitere Informationen zu bekommen, die sich über den Verstand nicht erschließen wollen: es geht ja um wahrhaftiges Verstehen. Ich mag das so, und mir ist egal, dass es leicht dümmlich ausschaut, weil mir das nicht bewusst ist.

Mit einem Mal ist da dieser Mandelkern zwischen uns – er schwebt zwischen unseren Stirnen. Oh! Mmh?! Ohne weiter nachzudenken, lasse ich die Mandel in den Mund rutschen und taste vorsichtig mit der Zunge, die Zähne testen den Widerstand und der Gaumen erzählt von Zimt- und Kakaopuder auf der Schalenaußenseite. Die Mandel ähnelt von der Form her einer Walnuss, allerdings mit glatter Oberfläche. Die orale Erkenntnis ist: eine mäßig harte Schale — gerade so, dass es Lust macht, hineinzubeißen — und ein weicher Kern aus Aprikosenmarzipan. Eine Köstlichkeit! Wie aus heiterem Himmel fährt der Chinese meinen Bekannten höchst verärgert und streng an: “Warum lässt Du es Dir nehmen? Warum lässt Du zu, dass sie es Dir wegnimmt? Warum?”

Ich bin erschüttert und ein schlechtes Gewissen durchfährt mich wie ein Gewitterschlag. Ein Gefühl, aus dem bis eben wohl und wichtigen Gefüge gestoßen zu werden; gegen mein Wünschen und Wollen. Ein Tumult der Gefühle. So als habe ich etwas vernichtet – ja, als habe ich am Ende die ganze friedliche Gemeinschaft am Tisch dadurch zerstört. Obwohl ich weiß, dass ich ohne vorsätzliche Schuld bin, fühle ich mich doch grundschuldig. Mein Bekannter schaut fast ebenso erschrocken. Auch er wusste nicht, dass die Mandel ihm zugedacht war.

Traumpfade:
Bei zu viel Nähe schlägt der Mandelkern Alarm

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