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Wortfang am Geburtstag

Traum vom 9. Mai 2010

Verspätet, angenehm gehetzt, erreiche ich den Treffpunkt am Abend. Ein langer Tisch steht in einem kleinen Festsaal. Fast alle Stühle sind besetzt mit Menschen aus meinem früheren Umfeld. Eine Frau geht vom Tisch zur Garderobe, unsere Wege kreuzen sich, herzliche Begrüßung, Smalltalk – ich genieße meine Souveränität und Unbeschwertheit. Eine weitere Frau lächelt mir zu und sagt plötzlich: „Ich habe Dir ja noch gar nicht zum Geburtstag gratuliert!“ — Geburtstag? Ach, da habe ich heute also Geburtstag, hatte ich ganz vergessen. Ich winke ab und sage lässig: „Ach was, zum Gratulieren ist doch immer noch Zeit.“ Ich nehme mir einen Teller vom Buffet und gehe zu den einzigen beiden freien Stühlen am Tisch. In Begleitung eines Mannes mit langen Haaren, der einerseits meinem Jugendschwarm ähnelt und gleichzeitig an einen früher bekannten Heilpraktiker erinnert. Wir sind gute Freunde, Schulkameraden. Die beiden freien Stühle stehen vor einer Ausbuchtung im Tisch. Setzt sich einer von uns, hat der andere nicht mehr genug Raum, an den Stühlen vorbeizukommen und Platz zu nehmen. Mit einem katzengleichen Schwung aus der Hüfte, streife ich durch die beiden freien Plätze und fordere meinen Freund gut gelaunt auf: „Setzen wir uns gleichzeitig, dann bleibt keiner von uns ohne Platz!“ Na also, geht doch. Zufriedenheit.

Im nächsten Augenblick ist mein Sichtfeld von meinem karierten Schreibheft erfüllt. Am oberen Rand einige hingekritzelte Stichworte — wie oft in meiner Kladde neben dem Kopfkissen. Ah ja, wir sollen während dieser Stunde einen Aufsatz schreiben. Freude und Eifer röten meine Wangen, ich spüre das Blut angenehm prickelnd durch den Körper sirren. Zu meinem Kumpel, der rechts neben mir sitzt, sage ich: „Komm, lass uns beginnen. Wir haben eine Stunde.“ — Schon allein der bevorstehende Genuss des Schreibens und Formulierens … Ich will jetzt anfangen! Jemand sagt: „Ach was, das ist doch eine Hausaufgabe. Die können wir später zuhause machen. Jetzt ist Pause.“ — Na, wenn Pause ist, dann ist das doch eine prima Gelegenheit! Ich fange an! Da kommt Peter B. aus dem angrenzenden Kfz-Büro heraus, nimmt die Aalreuse vom Haken, die neben der Tür hängt und an der sieben Ziffern aus farbigem Moosgummi befestigt sind, die die aktuellen Benzinpreise ausweisen. Peter sagt: „Die Benzinpreise haben sich verändert. Ich muss das Netz einholen.“ — Das kann ja wohl nicht wahr sein?! Die Ziffern auf dem Netz waren uns vom Lehrer als Angelpunkte für freies Assoziieren gegeben worden. Assoziationen, mit denen wir unseren Aufsatz bereichern sollen. Sieben Zahlen! Eilig notiere ich diese, ehe sie uns genommen werden. Eine Stunde Zeit, eine Seite Text – etwas wenig, oder.

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