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Freudianer

Traum vom 13. Mai 2010

Die Therapiestunde der Kleinen findet heute bei offener Zimmertüre statt. Ich warte derweil in der Stube um die Ecke; die Tür hier ebenfalls offen, vielleicht existiert auch keine. Ich stehe mitten in der altmodischen Stube. Dunkle Möbel, eine Vielzahl von Orientteppichen in gedecken Farben. Die Kleine spielt nebenan unter Beobachtung der Analytikerin. Sie plappert anstelle einer der Figuren, die sie spielt, mit verstellter Piepsstimme: „Feeernsehn! Ich will Feeernseeeehn!“ — Kurze Zeit später schaltet die Analytikerin tatsächlich den Fernseher ein. Den Lärm eines Fernsehers nicht mehr gewöhnt, zerrt das Geplärre unangenehm an meinen Nerven. Was will sie dabei erforschen? Das Verhalten des Kindes, während ein  Fernseher läuft? Welche Geräusche, Dialoge, Szenen, Wörter ihre Aufmerksamkeit erregen? Wie sich das Kind wann verhält?

Mir gefällt das nicht, aber ich komme nicht zu weiteren Gedanken, da ein älterer Analytiker — nicht Freud selbst, aber seine Ähnlichkeit – zu mir in die Stube tritt. Er nimmt in einem betagten Ohrensessel Platz, schlägt ein Bein über das andere, legt seinen Schreibblock auf das obere Bein, zückt den Schreibstift, während ich weiter mitten im Raum stehen bleibe und warte. Ich nahm an, er wolle sich nur setzen. Seine an mich gerichtete Frage kommt unerwartet: „Lässt Ihr Mann sein benutztes Papier liegen?“ — Hm?? Benutztes Papier? Meint er Toilettenpapier? Servietten oder Taschentücher? Naja, ich kann mir schon denken: aus meiner Antwort, die etwas über den Umgang damit erzählt, wird er Rückschlüsse ziehen, ob ich die Körperflüssigkeiten anderer ablehne oder womöglich bestimmte Vorlieben habe. Letztlich würde er sich Rückschlüsse über meine Sexualität erlauben. Mir entfährt ein stummer Stoßseufzer … Ich habe jetzt keine Lust auf eine Analyse. Welche Antwort sollte ich geben? Spontan kommen mir die als Taschentücher verwendeten Toilettenpapierblätter in den Sinn. Ich selbst allerdings lasse nach dem Frühstück meine benutzte Serviette auf dem Küchentisch liegen. Was soll ich mich beschweren, wenn ich selbst Papier mit meinen Körperflüssigkeiten herumliegen lasse.

Wir werden von einem zweiten Analytiker unterbrochen, der in die Stube tritt und dringend ein ernstes Gespräch unter vier Augen mit seinem Kollegen führen möchte. Als ich gehe und dabei an Dr. Freuds Ähnlichkeit vorbeikomme, halte ich kurz inne, lege voller Güte meine Hand auf seine Schulter und verspreche sanft: „Ich werde Ihnen später eine Antwort auf die Frage geben.“ Mit einem Lächeln verlasse ich die Stube. Er blickt nachdenklich auf. Sein Gesicht wirkt zweifelnd, ob er mein Fortgehen – das auf der einen Seite ja wirklich erwünscht ist – nicht doch auch als Ausweichen deuten soll. Naja, ich bin erst einmal raus. Alles weitere dann eben später. Etwas Erleichterung verspüre ich nun doch.

Über einen Verbindungsflur erreiche ich eine abgelegene, ruhige Stube mit weit geöffneter Terrassentür. Die draußen vermutete frische und milde Luft lässt mich hinaustreten. Rechts ein kleines Gartenmäuerchen. Im letzten Augenblick sehe ich ein Stück nachtblau-olivgrün kariertes Oberhemd dahinter verschwinden. Der Bewegungsverlauf lässt vermuten, dass sich hinter dem Mäuerchen ein stark abschüssiger Weg befindet. Der kurze Augenblick reichte, um das Hemd wiederzuerkennen. „Mike! Hey!“ So ein Zufall, dass wir beide zur gleichen Zeit hier auftauchen. Nur einen Lidschlag später streckt Mike seinen Kopf über die Mauer. Seine Augen blitzen vergnügt, er grinst schelmisch und voll gut gelaunt. Klar, unterwegs mit Traumbuch und Radtourenkarte und frei von der Familie ist er heute besonders glücklich. Ich strecke meinen Kopf vor, mache einen Kussmund und fordere ihn mädchenhaft auf: „Kuuuuuuuss!“ Ein Kuss voll Sommerwärme – drängend und weich. Dann setzt Mike seinen Weg fort. Ich kehre in die Stube zurück. Es dauert gar nicht lang, da kommt der zweite Analytiker und sagt, ich könne zurückkommen.

Die Rückfahrt lege ich mit der U-Bahn zurück. Wie mit einem Sessellift befördert, gleite ich über die Schienen hinweg in Richtung Hauptwache / Sackbahnhof. Endstation und zugleich Zielort. Als der Bahnsteig in Sichtweite kommt, fällt mir ein, dass ich keine Fahrkarte gezogen habe. Vielleicht ist diese Fahrt auch frei? Schließlich war ich nicht aus eigenem Antrieb gefahren, sondern wegen der beiden Analytiker. Hinter meinem Rücken nähert sich die Schaffnerin mit altmodischen Fahrkartendrucker. Etwas unsicher bin ich schon. Aber mir fällt ein, dass ich die Stube ja wegen der Feuerübung verlassen musste und jetzt zurückkommen soll. Keine Sache also, auf die ich Wert gelegt hätte, so wird man von mir auch keinen Gegenwert erwarten.

Angekommen! Mit wenigen Schritten bin ich bei zwei Vagabunden (im positivsten Sinne zu verstehen), die am Ende der Gleise – auf Höhe kurz vor dem Prellbock und dahinter liegender Finsternis — nahe dem Gleisbett hocken. Einer von ihnen legt drei Scheiben altbackenen Brotes voller Sorgfalt nebeneinander ab. Es sind drei Scheiben von dreierlei Brot geschnitten. Alles feine Bauernbrote, die Scheiben vom Endstück: viel harte Rinde, wenig weiche Krume. Diese Brotscheiben wurden also von den Laibern der jungen Bauern abgeschnitten und sollen nun — wie nach einem sportlichen Wettkampf dieser Jungen — ihre Plätze einnehmen: Gold, Silber, Bronze. So überlegt der Vagabund, welche Scheibe den ersten Platz einnehmen sollte, welche den zweiten und welche schließlich den dritten. Die Schaffnerin kommt hinzu, beugt sich über uns hinweg, schaut fachmännisch auf die Brotscheiben, zeigt auf die mittlere und sagt, die mittlere gehöre an einen anderen Platz. Der Vagabund zögert, tauscht die Brotscheiben miteinander aus und legt sie vorsichtig wie auf eine Goldwaage ab. Seine abgearbeiteten Gärtnerhände zeigen sich dabei erstaunlich feinfühlig. Dabei nehme ich tief in mir die hohe Sensibilität des Vagabunden wahr.

Zurück im Gebäude vom Beginn der Beschreibungen. Reges Treiben. Ein Elterntreffen. Vorbereitungen für ein Fest. Es stellt sich heraus, dass nicht nur heute, am Freitag, ein Elterntreffen stattfindet, sondern auch am kommenden Montag, Dienstag und Mittwoch. Heute geht es nur um Vorbereitungen; die Feier wird an den übrigen drei Tagen sein. Na, so ein Blödsinn! Drei Tage Feier. Laut und bestimmend verkünde ich: „Okay, ich werde also an den drei Tagen kurze Vorträge halten. Das habe ich schon vorbereitet. Allerdings halte ich dreitägige Festivitäten für übertrieben und werde das im kommenden Jahr ganz sicher nicht noch einmal machen.“

Eine weitere Mutter kommt hinzu. Sie ist völlig durch den Wind, wirkt zutiefst betroffen, vielleicht verstört, vielleicht unter Schock. Ich bin sehr besorgt und versuche, ohne aufdringlich zu werden, durch Beobachtungen zu erfassen, was sie in diesen Zustand geführt haben könnte. Da sie aber von anderen besorgten Eltern umringt ist, kann ich nur kurze Blicke auf sie erhaschen. Sie nimmt auf einem der Schultische Platz und erzählt stockend. So ganz komme ich nicht dahinter, was geschehen ist. Eine Sache mit ihrem Mann — er hat ganz weiße Haare, oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott!! Vielleicht ist er gestorben? Oder eine unheilbare Krankheit? Ist er dem Tode nahe? Mal denke ich: ja. Dann wieder: nein. Was ist da los?

Traumpfade: Die Traumszene am Ende ruft in Erinnerung, dass ich gestern — an zum Traum stimmigen Ort — die ersten zwanzig Seiten „Der Knacks“ von Roger Willemsen gelesen habe. Auf das Buch machte mich eine Rezension aufmerksam, zu lesen hier: Begleitschreiben

Notes: Bauernbrot =’sich eine Scheibe von etwas abschneiden’ — Laib = Leib — Goldwaage: Weizen, Gold der Erde

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Eine Antwort zu Freudianer

  1. [...] Traumpfade:Erst jetzt ist mir aufgefallen, dass das Bild mit dem Tandemhubschrauber ebenfalls Blau, Rot und Schwarz als Hauptfarben hat, so wie das Buch „Der Knacks“. 48: Meter = Jahre Traum: Freudianer [...]