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Seraphina

Traum vom 17. Mai 2010

Eingehende Kontrolluntersuchung inklusive Hormonstatus bei meiner Frauenärztin. Die Praxis ist leer; weder Mobiliar noch Menschen, so als seien wir allein auf weiter Flur. Die Ärztin gibt die Untersuchungsergebnisse in ein Computerprogramm ein. Hin und wieder dreht sie sich zu mir um. Meist mit Mitteilungen verbunden, die sich auf die soeben erfassten Daten beziehen. Zu den einzelnen Diagnosen werden automatisch die entsprechenden Pharmaunternehmen angepingt, die daraufhin meine Adresse für Werbepost erfassen. Meine Frauenärztin gibt sich viel Mühe damit, macht die Angaben so, dass nur Hersteller für hochwertige medizinische Produkte informiert werden. „Wir wollen doch, dass Sie ausschließlich hochwertiges Material erhalten, das gleichzeitig sehr gut und seriös informiert! Sie sollen doch so richtig was davon haben!“ sagt sie und ich spüre, dass sie mir eine Freude machen will. — Vielleicht beschäftigt mich dieser Vorgang mit den Pharmaunternehmen noch; es tauchen einige Fragen auf, jedenfalls dringen die Worte der Frauenärztin kaum noch in mein Bewusstsein. Ich fühle mich verabschiedet und verlasse die Praxis. Erst draußen kommt mir das merkwürdig vor. Vielleicht verabschiedete sie mich nicht, sondern bat mich zu einer weiteren Untersuchung zu sich? Das wäre einleuchtend, denn ich kann nicht glauben, dass heute nur die vaginale Untersuchung angesagt war. Ja, meine Brüste sind nicht untersucht worden! Blöd, inzwischen ist zu viel Zeit vergangen; jetzt kann ich nicht mehr zurück.

Ich gehe meinen Weg durch leeren Raum, vielleicht nicht mal das, sondern nur nichts. Sehe nur meine Gestalt in ansonsten Nichtssagendem. Sehe mich im Profil, komme mir näher, denn mein Bauch wölbt sich doch ziemlich stark vor, so als sei ich im sechsten, siebten Monat schwanger. Dabei habe ich mein Baby vor wenigen Stunden geboren. Ja, ich bedauere es so sehr, dass ich es, gerade geboren, schon wieder für ein paar Stunden in Obhut anderer geben musste. Auch ich selbst benötigte jetzt etwas Fürsorge; weiß nicht, was mir jetzt wirklich gut tun würde. Ich fühle mich so leer, so wund und ausgehöhlt. Ich lege meine flache Hand auf die Bauchwölbung, drücke vorsichtig, aber immer stärker, um zu prüfen, ob nicht doch noch eine wachsende Frucht im Leib ist. Nein, tatsächlich nicht. Aber vielleicht ist es normal, ein paar Stunden nach der Geburt noch so einen dicken Bauch zu haben. Zumal ich zwei Kinder in kurzer Folge bekam; mein Alter ist vielleicht auch zu berücksichtigen.

Dann ist die Praxis meines Frauenarztes erreicht. Dieser ähnelt – nicht zum ersten Mal – ein wenig meinem Augenarzt. Ich setze mich in den Untersuchungsstuhl, er stellt sich vor mir, ergreift mich samt dem Stuhl und zieht mich vor. Sein Supervisor ist sofort zur Stelle und erinnert ihn an eine wichtige Sache: „Du musst sie ganz annehmen!“ Ja, stimmt, es ist während der Vorbereitungen üblich, die Patientin innig in die Arme zu schließen. Normalerweise geschieht dies automatisch beim Positionieren der Patientin und des Stuhles. So spürte ich seine warme Umarmung und kam gleich in die richtige Position. Ja, und so geschieht es jetzt. Er nimmt mich wirklich liebevoll an sich, zieht mich – rückwärts gehend – mit sich. Ein gutes Gefühl. Doch nicht lang, da kommen wir an einer kleinen Nische vorbei. Der Frühstücksraum des Personals. Das erinnert den Frauenarzt daran, dass er nachher einen kleinen Imbiss zu sich nehmen will. Damit stellt sich die Sorge ein, seine Mitarbeiter könnten alles nehmen und für ihn bliebe nichts übrig. Die Hinwendung zur Nische löst unsere Umarmung auf.

Wenige Schritte weiter sitzt er am Schreibtisch, ich schräg hinter seinem Rücken, während er einen Blick in meine Patientenakte wirft. „Ah ja“ stellt er anerkennend fest „Sie sind ja meine dünnste Patientin!“ Will heißen, ich wiege von all seinen Patienten das wenigste – und das mit zuverlässiger Regelmässigkeit. Da kann er sich das Wiegen sparen. „Bitte?“ frage ich irritiert. Nach einem kurzen Blick zu mir, wendet er sich wieder meinen Daten zu. Ja, sieht er denn nicht, dass ich ganz sicher nicht die dünnste Patientin bin? Das kann ja wohl nicht sein! Tatsächlich muss ich es ihm ausdrücklich sagen, ehe er es kapiert: „Ich bin es nicht!“ Nun schaue auch ich auf die Patientenakte –- diese erinnert an die gelben Trainingsbögen vom Krafttraining. Da sehe ich auch den Namen der dünnsten Patientin: SERAPHINA. Ich sehe sie fast vor mir: eine sehr zierliche Thailänderin.
Er hat sich versehen. Meine Akte liegt genau unter der Seraphinas. Leider ist damit das Gespräch zu Ende; womöglich weil er sofort in die Pause will, um noch einen Imbiss abzubekommen.

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