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Melodica

Traum vom 22. Mai 2010

Makel zu haben, das ist peinlich genug. Diese Makel aber nicht zu verbergen zu suchen, käme einem weiteren Makel gleich.

Eine kleine musikalische Veranstaltung vom musikalischen Früherziehungsprojekt. Die Kleinen werden gleich unter der Anleitung ihrer Musiklehrerin Maria-Annegret verschiedene Instrumente spielen. Die kleine Klara entreißt Moina die Klarinette und saust damit hinüber auf die andere Seite der zu einem großen Block angeordneten Tische. „Hol sie Dir zurück!“ schlage ich Moina vor. Doch die zeigt sich stur, setzt stattdessen eine Melodica an die Lippen und beginnt. Na wie? Sie hält die Melodica ja wie eine Querflöte? Das kann ja gar nicht richtig sein. Kann es überhaupt funktionieren? Es kann: Moina spielt ganz selbstverständlich.

Kurz darauf tanzt Maria-Annegret auf mich zu. Sie trägt einen Rock aus in Falten gelegter schwerer Wolle, der durch seine Weite genug Spielraum für die weiten Schritte und hochgeworfenen Beine gibt. Ich soll es ihr nachmachen. Immer schön mit Schwung aus der Hüfte das Bein vor, den Fuß auf seiner Spitze um 90° drehen, noch einmal akzentuiert auftippen und dann das Bein hochwerfen und alles mit dem anderen Bein wiederholen; und so fort. Dabei Schritt für Schritt voran bewegen. Wegen des riesigen Tischblocks habe ich zu wenig Beinfreiheit. Doch Maria-Annegret treibt mich eh aus dem Raum hinaus, denn ich weiche vor ihren wirbelnden Beinen zurück, um mir keinen Tritt einzufangen.

Nun also in einem freien Raum. Hier wäre genug Platz für mich. Aber wo denkt sie hin? Schlüge ich die Beine so hoch wie sie, so entfaltete sich mein weiter Rock wie zu einem weit einsehbaren Beutel und sie gewänne tiefe Einblicke … Eine solche Blöße wollte ich mir eigentlich nicht geben. Doch ein Rückzieher wäre mir nun, da wir so weit gekommen sind, unangenehm. Dann entschwindet sie fast im Halbdunkel des Raumes, dreht mir den Rücken zu und ich überlege, mich mit lautlosen Schritten davonzustehlen. Wer weiß, warum ich so tanzen soll?! Vielleicht, damit sie mir diese hautfarbenen Nylons mit Naht am Hinterbein verkaufen kann? Es ist ganz klar: Zeigte ich meine Beine und damit meine Makel, wäre ich geradezu im Zugzwang. Denn Makel zu haben, das ist schon peinlich genug. Diese Makel aber nicht zu verbergen zu suchen, käme einem zusätzlichen Makel gleich. Natürlich kann ich Maria-Annegret verstehen und nachvollziehen, dass sie gerne Geld verdienen möchte, aber: ich will einfach nicht! Ich bringe es nicht übers Herz, ohne ein Wort zu gehen und rufe ihr zaghaft ein „Tschüss“ zu. Sie erwidert es scheu und zaghaft wie ich selbst, was mich sonderbar überrascht.

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