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Adler in der Warteschleife

Traum vom 1. Juni 2010

Setzlinge
Gerade in diesem Augenblick, als ich gemeinsam mit Mike über die Setzlinge spreche — habe ich ihnen ausreichend Wasser gegeben? — kommt unser Gärtner hinzu. Mit einem Becher Wasser in der Hand eilt er auf die Auslage mit den Jungpflänzchen zu. Eine mit weißem Tuch gedeckte Tafel, auf der in mehreren Reihen durchsichtige, mit Gartenerde gefüllte Kunststoffbecher stehen, in denen jeweils ein zartes Pflänzchen wächst.

Nur durch eine niedrige Abtrennung abgegrenzt sitze ich da und schaue zu, wie der Gärtner die Pflänzchen gießt … Blödsinn, eigentlich, da ich das doch gut machen könnte, anstatt zuzuschauen. Da ich aber während der nächsten zehn Tage nicht dazu kommen werde, brauchen wir unseren Gärtner eh. Ich sitze also auf einem Stuhl auf einem Podest. Links hinter mir die jungen Pflänzchen, rechts neben mir ein breites Bett, in dem — wie schon ewig — meine ‘kleine Schwester’ schläft. Mike sitzt auf einem Stuhl am Fußende und schaut in meine Richtung. Genau in dem Moment, als des Gärtners Wasser die Jungpflanzen befeuchtet, schlägt meine Schwester ihre Augen auf. Da der Gärtner meine Schwester, wegen der sichtbehindernden Abtrennung, eh nicht sehen kann, brauche ich die beiden auch nicht miteinander bekannt machen. So rede ich mir ein, weil es mir widerstrebt. Doch er streckt sich, erspäht meine Schwester und ich stelle sie einander schließlich vor.

Kraftfahren
Wir vier setzen den Weg gemeinsam fort. Nicht viel weiter. Ein kleiner Fuhrpark im Freien. Im Hintergrund der Prerower Strand. Der Gärtner steht links neben mir und erzählt mit leiser Stimme und voll bescheidener Zurückhaltung, dass er nun ‘Kraftfahren’ als neuen Job habe. Er transportiert Senioren von einem Ort zum anderen. Wie er das erzählt, rollen die Fahrzeuge gleichzeitig aus dem alten Feuerwehrgebäude heraus und stoppen, als das Führerhäuschen draußen ist. Auf den Fahrertüren steht in gärtnergrünem Schriftzug ‘Kraftfahren’. Der Gärtner erzählt leise: „Eines Tages überlegte ich: das will ich machen! Kraftfahren. Nur wenige Tage später bekam ich den Job. Ich bin so dankbar. Es ist genau das, was ich schon immer machen wollte.“ — Das Erzählte imponiert mir, weckt mein Interesse und ich rekonstruiere im Stillen: Aha, so geht das also! Man denkt sich was und sagt sich: Das will ich haben! Und nicht viel später wird es Wirklichkeit. „Das will ich auch!“ rufe ich begeistert und unüberlegt aus. Kraftfahrer werden! Doch ich habe den Satz noch gar nicht ausgesprochen, da durchfährt mich ein Schreck: Es könnte ja sein, dass ich den Job tatsächlich bekomme. Dabei habe ich mir das ja noch gar nicht gut genug überlegt. Vielleicht passt es mir gar nicht?

Schrift und Tanz
Wir setzen den Weg fort, queren das kleine Betriebsgelände des Fuhrparks, wenden uns dabei nach links in Richtung Fichtenwald. Dort, wenige Meter vom Waldrand entfernt, steht ein stahlgraues Bett, dass wie im oberen Ende eines großen Lüftungsschachtes integriert wirkt, wenngleich es ebenerdig steht. Dort liegt meine Schwester, mit erhöht gelagertem Kopf und erzählt dem Gärtner und allen anderen, die an ihren Lippen hängen, dass sie etwas Neues ausgeheckt habe. Sie erzählt von einer geplanten Musikproduktion, von russischen Übersetzungen — Berlin, vielleicht auch von Berlin, wer weiß — von Schrift und Tanz! Originell und erfolgversprechend. Bewunderung wird laut; Anerkennung und Staunen ihr zuteil. Ich stehe stumm daneben, würde gerne von mir erzählen, was ich mache und plane. Auch ich bräuchte etwas Anerkennung, da diese meinen Motor so hervorragend antreibt, aber niemand bemerkt mich. Wie ich das so beobachte, packen mich mit einem Male heiße Wut und traurig stimmender Neid. Meine Stimme versiegt völlig.

Konstruktionen
Direkt am Waldrand steht eine hoch hinaus reichende Konstruktion: der untere Bereich errichtet in Fachwerk aus dem Holz alter Schiffsrümpfe. Das Fachwerk ist (noch) ohne Füllung. Ein wenig verschwommen der Anblick, wie verwischter Pixelputz. Innerhalb gibt es einige Stützpfeiler aus ähnlichem Schiffsholz. Soweit das Auge bei geradeaus gerichtetem Blick reicht, eine sehr durchlässige Konstruktion, die eigentlich auch nur den Unterbau für die höhere Ebene bildet, wo die Manager sitzen und beraten. Inmitten der Konstruktion steht ein kleines, ganz schlichtes Fischerfachwerkhäuschen auf hohen Stelzen. Es steht so selbstverständlich mittendrin, dass niemand auch nur einen Gedanken oder einen Blick darauf verschwendet. Ja, das luftige Dings hier ähnelt vielleicht, betrachtete man es von außen, einem alten Flugzeugschuppen.

Fly like an eagle
Der Gärtner, die Schwester und all die anderen Interessierten befinden sich nun also dort oben – auf der Ebene weit über mir, die sich meinem Blick entzieht – um sich mit den Managern zu besprechen und um weitere Pläne zu schmieden. Da sich dies alles meinen Augen und Ohren entzieht, vertreibe ich mir die Wartezeit, breite meine Arme aus und mache kräftige Flugbewegungen. Dazu singe ich „Fly like an eagle, to the sea; fly like an eagle … upon, upon, upon …“ Ich weiß aus Erfahrung, dass ich das nur eine Weile machen muss, dann kann ich fliegen. So ist es dann auch. Es ist zwar anstrengend, aber ich spüre gerade dadurch meine Kraft. Erhebe mich so hoch der Raum reicht, fliege gegen den Uhrzeigersinn wie in der Warteschleife… Fly like an eagle … upon, upon, upon … Das ‘upon’ hat den Vorteil, dass es mich im Schwebeflug hält, ohne dass ich Flügelschläge ausführen muss, wodurch es weniger anstrengend ist. Ich fliege und fliege, wunderbar und problemlos. Ich muss nur sehen, dass ich mir den Kopf nicht stoße, denn ich könnte — gäbe es diese Grenze nicht — wohl noch weiter hinauf. Fliegen und Singen und irgendwann überlege ich, dass es eigentlich erstaunlich ist, wenn man fliegen kann. Eigentlich ist es ja unmenschlich. Witzig, es geht trotzdem. Fly like an eagle — upon, upon, upon. Die Freude am Fliegen und die Enttäuschung wegen der fehlenden Aufmerksamkeit paaren sich zu schmerzlicher Kraft. Die Konstruktionen verliere ich dabei völlig aus den Augen. Aber die ganzen Stützpfeiler und Stelzen ergeben in meinen Augen eh keinen erkennbaren Sinn. Nicht einmal das zentral gestellte Fischerhäuschen, um das ich ja wieder und wieder herumfliege und das hier, innerhalb der eigenartigen Konstruktionen, von ganz eigener Schönheit und Originalität ist, bemerke ich nicht bewusst. Dabei ist es — rückblickend betrachtet — etwas Besonderes, Bemerkenswertes — man spürt, dass hier alles auf natürliche Weise gewachsen ist und kaum logisch denkende Absicht dahinter steckt.

Dann kommen die anderen von der Besprechung zurück. Plaudernd. Ich fühle mich vom Geschehen ausgeschlossen. Alle sind voller Tatendrang, voller Anerkennung für meine Schwester. Irgendjemand umrundet nun im Affentempo die Konstruktion an ihrer inneren Außenseite; im Uhrzeigersinn. Ich stehe wie neben mir. Sehe mich wie einen fremden Menschen neben mir stehen. Voller Ungeduld und Unverständnis treibe ich diese Fremde an: „Nun flieg doch, Mensch!!! Flieg!! Verdammte Kiste, nun flieg!“ ich kann nicht begreifen, wie jemand der diese Kraft und dieses Können hat, sein Potenzial nicht nutzen kann. Warum erhebt sich die Fremde nicht einfach über all diesen Quatsch? Das gibt es doch nicht! In meinem Kopf töst der Sturm inneren Schmerzes. „Flieg, flieg!“ ruft es in mir, in abgrundtiefer Verzweiflung. Flieg, das ist doch das, was du kannst! Die Flugversuche sind kümmerlich. Die Wut und der Schmerz halten am Boden, machen flügellahm. Und doch, am Ende schwinge ich mit zerreißendem Jubeln in der Brust in die Lüfte. Fly like an eagle! Aus eigener Kraft, unter Tränen, entgegengesetzt dem immer noch im Affenzahn sprintenden Mann. Upon! Upon! Upon!

Traumpfade: Dass es eigentlich „slippin’, slippin’, slippin’“ anstatt ‘upon’ heißt, realisiere ich erst, nachdem ich bereits eine Stunde wach bin.

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