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WO

Traum vom 5. Juni 2010

Das junge Kind hängt an der Ähre eines langen Grashalmes und schaukelt im Wind.

Ich bin beim Friseur und sitze dort im Bett; umgeben von weiß bezogenem Bettzeug. Am Fußende sitzen mehrere Kundinnen. Inzwischen tragen alle — sie sind mindestens blond — Kurzhaarschnitte. Ja, selbst die, die immer lange Haare trugen. Ich überlege ernsthaft, ob ich meine Haare auch kurz schneiden lassen sollte. Aber das hatte ich schon mehrfach vor. Heute ist es so wie immer: am Ende stehe ich doch wieder mit meinen langen Haaren da.

In einer Straßennische entdecke ich zwei hintereinander parkende, fabrikneue Käfer aus den Sechzigern. Beide tragen das Autokennzeichen ‘WO’ Aha, WO für Wolfsburg. Klar, die Käfer werden ja in Wolfsburg gebaut. Hm, dass die Fahrzeuge hier so versteckt parken …

Von oben bis unten in Braun gekleidet: wollbraune Kniestrümpfe, ein wadenlanger Wollrock und ein Pulli in ebensolchen Braun. So stehe ich unter den hohen Bäumen vor der alten Schaukel und schubse mein Kind an. Mein neuer Freund — ach, ich kenne ihn noch gar nicht, als dass ich ihn beschreiben könnte. Er geht wortlos an uns vorbei, bis hin zu einer Bank, von wo aus er herschaut. Ich blicke fest auf mein Kind, so dass offensichtlich ist, dass ich ihn gar nicht sehe – gar nicht sehen kann! Denn: ein Wort zu sagen, fällt mir so schwer, scheint mir geradezu unmöglich. Irgendwann gibt er auf und geht. Sagt nichts. Nicht schön, das.

Später kommt Kristin. Sie möchte von mir ein Horoskop erstellt bekommen. Mir ist sehr peinlich, dass ich ihr Geburtsdatum nicht erinnern kann. Jedenfalls nicht jetzt, nicht so prompt, vielleicht auch gar nicht. So frage ich nach, mit stockendem Atem. Taste mich vorsichtig vor. 24 Juni. Ja, ich müsste mich daran erinnern. Jaja, der 24. Juni ist es. Ich müsste mich daran erinnern, so dass ich jetzt ein Gefühl der Erinnerung dabei hätte. Habe es aber nicht.

In dem alten Haus im Stillen Frieden, wo schon lang der Herr Lichtenford wohnt. Nach langer Zeit stehe ich dort vor der Tür, im Vorflur. Dort hängt ein Schild, neben einem Miniatur-Wehrmachtshelm: „Bitte warten!“ Und am alten Heizkörper darunter ein altes Emailleschild an einer Kordel: „In der Werkstatt“ und dazu ein schwarzer Pfeil nach rechts. Ich höre schon seine Schritte, sein Hantieren mit hölzernen Gegenständen, seine Werkstattgeräusche. Da bemerke ich, ich habe alle Hosen runtergelassen. Gleich wird er kommen, ich werde ihm die Hand reichen wollen. Sollte ich nicht besser die Hosen hochziehen? Ja natürlich. Aber – vielleicht liegt es an der Enge der schwarzen Hose, an der Elastizität meines graumelierten Slips, die sich in Kniehöhe miteinander verwurschelt haben, im Schweiß meiner Kniekehlen, so dass sie sich kaum bewegen lassen. Es hat so etwas Mühseliges, auf das ich jetzt keine Lust habe. Ich könnte die Hosen unten lassen, ich müsste sie hochziehen – jetzt! Wenn nicht jetzt, dann werde ich alle Hände voll damit zu tun haben, wenn er eintrifft. Das ist blöd. Das ist blöd, aber genau so ist es. Herr Lichtenford reicht mir mürrisch die Hand.

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