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Schamanenköpfe in heiliger Ruine

Traum vom 20.04.2004 – 6:35 h

Entlegene Zeit in der geheimnisumwitterten Dämmerung des Unbekannten. Soeben betrat ich die Überreste eines weiten heiligen Raumes durch einen hohen, kirchlichen Seiteneingang. Dabei habe ich meinen Großvater vor Augen – vage wie einen nebeligen Schleier. Er ist ein griechisch-orthodoxer Würdenträger und fährt in einem Triumphwagen aus der Antike wie in eine olympische Arena ein.

Ein leichtes Raunen streift durch die Weite des Bauwerks, das wegen des ungestörten Verfalls zu allen Seiten und nach oben hin den Winden geöffnet ist. Ich stehe im Seitenbereich vor einem etwa ein Meter langen, alten Geländer, das aus porösem grauem Stein gemeißelt ist. Es ist Feierabendstunde am frühen Abend.

Im vorderen Bereich dieser heilig anmutenden Halle nehme ich die Stimmen zweier leicht angetrunkener Männer wahr, die dort ausgelassen herumulken. Sehen kann ich diese von hier aus nicht, da mir eine Art herabgelassener eiserner Vorhang – ein angerostetes Stahltor mit vorgewölbten Rundnieten – die Sicht auf einen Teil des vorderen Raumes verwehrt. Ich höre, dass sich die beiden angeheiterten Männer darüber amüsieren, dass sie den drei Sänger-Statuen – welche an ägyptische Pharaonen erinnern – gerade an die Beine pinkeln. Nach meinem Empfinden ist das Tun der Männer eine Form des Schändens heiliger Gräbern. Ich hoffe nur, dass die beiden Männer mich hier nicht bemerken und versuche mich ruhig zu verhalten. Es könnte vielleicht nachteilig für mich sein, wenn sie mitbekommen, dass ich ihr Tun wahrnehme – und sei es nur deshalb, weil die beiden dann Angst davor bekämen, dass ich es öffentlich mache.

Später am Abend. die Nachbarn und meine Eltern feiern in einer der Wohnungen nahe der Straße; da bin ich ungestört und mache mich erneut auf den Weg. Ich betrete das Grundstück von Besens und bin bereits im hinteren Grundstücksbereich – im Garten – angekommen. Dieser Ort liegt dem Empfinden nach auf Höhe des Hexenwaldes. Ein Gefühl der Ehrfurcht durchrieselt mich, als ich auf den Boden unter meinen Füßen blicke. Es ist ein einzigartiges Monument. Besens haben ein sehr hohes gotisches Kirchenfenster als Untergrund verlegt – vermutlich um den weichen Moorboden zu festigen und auch bei feuchter und nasser Witterung begehbar zu halten. Ob Besens bewusst ist, was sie hier verlegt haben? Und ob es ihnen recht ist, dass ich hier nun entlang gehe? Es ist ein besonderer Moment mit einem unbeschreiblichen Gefühl. Deutlich sehe ich das Ziegelrot des Gemäuers. Darin sind trichterförmige Öffnungen eingelassen, die sich zum Erdreich hin etwas verjüngen. An anderen Stellen sind es rundliche Öffnungen. Das ist wirklich praktisch, wie ich anerkennen muss, denn diese Öffnungen ermöglichen es dem Niederschlag, im Erdreich zu versickern, und gleichzeitig bleibt der Weg auch bei großen Niederschlagsmengen begehbar.

Kurz darauf betrete ich wieder die Ruine des weiten heiligen Raumes durch den Seiteneingang. Ein Kripo-Beamter aus den 40er Jahren erwartet mich dort bereits wegen der Ermittlungen. Er ist noch dabei, eine Grundriss-Skizze des Raumes anzufertigen. Das naturbelassene Papier hat er auf dem Sims des kleinen Geländers gelegt, an dem ich vorhin stand, als ich die Stimmen der beiden Gotteslästerer vernahm. Er zeichnet mit türkisblauer Kreide die Linien. Der Kripo-Beamte bittet mich darum, dass ich genau eintrage, wo ich stand, als ich die Stimmen der Männer vernahm. Er steht sehr nah an meiner rechten Seite und ich bemerke, dass ich mich nicht gut konzentrieren kann, und es mir deshalb schwer fällt, mich ganz genau an meinen Standpunkt zu erinnern. So bitte ich den Beamten, er möge doch bitte einen halben Schritt beiseite gehen oder zumindest so weit, dass er mich nicht mehr berührt, da es mir dann viel leichter falle, mich an den genauen Hergang zu erinnern. Anfangs reagiert der Beamte ein wenig unwillig, dann aber weicht er etwas von mir und ist mit meiner Vorgehensweise offenbar einverstanden. Ebenso reagiert er, als ich feststelle, dass ich mich von der anderen Seite vor das Geländer stellen möchte, damit ich mich erinnern kann, wo ich stand. Denn wie soll ich sonst dort hinschauen können, wo ich stand, wenn ich dort immer noch stehe? Dann kann ich mich doch gar nicht sehen! Das sieht der Beamte ein und lässt mich gewähren. Ja, und nun kann ich den Standort auch annähernd genau einzeichnen. Anstelle des Papiers liegt nun ein Stück alter Baumwollstoff auf dem Sims – das Muster sind blaue und t ürkisfarbene Kreise mit einem Loch in der Mitte auf naturweißem Untergrund. Ich zeichne nun mit dem Kreidestift einen großen Punkt an die Stelle, wo ich stand, wobei beim Malen ein Loch in der Mitte bleibt. Von diesem Punkt aus ziehe ich einen kleinen Pfeil in Richtung des Geländers und mache dann wiederum dort einen Punkt, aber einen kleineren. Der große Punkt ist mein Standort, bevor ich die Männerstimmen vernehme. Der Pfeil steht für den gesamten Zeitraum, in dem ich die Männer wahrnehme, und der kleine Punkt zeigt meinen Standpunkt, nachdem sie pinkelten.

'3 shamans' von Traumzeit

Nebenbei registriere ich nun, dass sich vor mir – also zur Tatzeit hinter mir – eine kleine Bühne befindet. Diese kirchliche Theaterbühne wurde während der Antike zur Aufführung von Parabeln genutzt. Zu beiden Seiten hängen die von der Zeit mürbe gewordenen mittelblauen Vorhänge in weichem Fall herab – die Bühne ist heute leer.

Der Kripo-Beamte ist mit unserer Arbeit zufrieden, und es gibt hier im Augenblick nicht mehr viel zu tun. Ich bin nun wieder alleine und überlege, dass ich gerne sehen würde, um welche Sänger-Statuen es sich handelt. Vorsichtig und zögernd passiere ich den eisernen Vorhang und betrete den Bereich des Altars mit den dahinterliegenden hohen Orgelpfeifen, die die gesamte Rückwand des Altars bedecken. Hier also ist der Ort des Predigens. Der Raum wirkt verwaist und still. Die Männer sind tatsächlich nicht mehr da.

Ich setze meinen Weg nach rechts fort und gehe durch den seitlichen Hauptdurchgang hinaus in den Vorraum. Hier führt eine alte ,viktorianische’ Holztreppe hinunter und im weiteren Verlauf aus den heiligen Stätten hinaus. Die Treppe ist sehr alt und zum Teil zerfallen, aber die Stufen sind in stabilem Zustand. Das Außengeländer zu meiner linken Seite fehlt, wie ich bemerke. Aber das registriere ich eher nebenbei, denn meine Aufmerksamkeit wird auf etwas anderes gezogen – etwas, das sich auf halber Höhe der Treppe links von mir befindet:

Seidige Fäden hängen von der hohen Kirchenkuppel in den Raum hinein. Und an diesen seidigen Fäden sind die hohen, spitzen Filzhüte von drei mumifizierten, sibirischen Schamanen befestigt, von denen die Köpfe erhalten sind. Lang, ausgedünnt und zottelig hängen die dunkelgrau-schwarzen Haare der Kinnbärte und Kopfhaare hinab. Von den Schultern abwärts sind die Körper zerfallen und die verbliebenen Kleidungsreste hängen wie graue, zerfetzte Lumpen hinab, die bei der leisesten Berührung vermutlich zu Staub zerfallen würden. Die schwarzen Äuglein der russisch-orthodoxen Schamanen sind klein und zusammengekniffen, da sie so lange dem hellen Nordlicht ausgesetzt waren – sie schauen mich sehr wach und lebendig an. Leise wehen die Köpfe der drei, die sich ähnlich wie Brüder sind, mit den Zauberhüten aus grauem Filz an den Seelenfäden im Raunen des Raumes. “Irkutsk” geht mir durch den Kopf. Das ist also das, von dem ich dachte, es seien die drei Sängerstatuen, an deren Beine die Männer pinkelten. Ich habe das Gefühl, fürs Erste alles gesehen zu haben.

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