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Wut und Blockaden

Traum vom 18. Juli 2010

Später Abend draußen im Grünen. Der betonierte Parkplatz ist von der Glut des Tages aufgeheizt. Aber inzwischen gewöhnte sich der Körper. Ich bugsiere einen Einkaufswagen quer über die Fläche, holpere über den Grünstreifen, gelange auf die Fahrbahn des angrenzenden Kreisels, überquere diesen und erreiche schließlich den abgelegenen Baumarkt. Die ganze Zeit blockieren diese blöden Rädchen am Einkaufswagen, und er widersetzt sich starr meiner Richtungsgebung. Echt ätzend. So ist ja kein Vorankommen möglich. Ein älteres braves Ehepaar, das vor wenigen Minuten den Baumarkt verlassen hat, schaut meinem Geruckel zu. Sie weisen zu einem der Einkaufswagenhorte; ich soll meinen Wagen dort unterstellen. Ich denke gar nicht dran! Tierisch gereizt schiebe ich den Einkaufswagen nun trotz völliger Blockade. Mir doch egal! Ich will hinüber zu einem dem Baumarkt angrenzenden Lebensmittellädchen. Das Ehepaar weist mich erneut auf den Einkaufswagenhort hin – schließlich darf ich doch nicht mit dem Baumarkt-Wagen hinüber in das andere Geschäft. Pfff, mir doch egal! Mit eindringlichem Kopfschütteln ob meiner Unbelehrbarkeit schauen sie mir hinterher; ihre Lippen empört geschürzt.

Vor dem Lädchen treffe ich Sabine, die gerade ihr Rad mit meinem Schloss am Fahrradständer sichert. Ich wuppe den Einkaufswagen daneben, um ihn ebenfalls am Ständer abzuschließen. Der Einkaufswagen erscheint mir als Fahrrad; deshalb. Doch das blöde Mistding lässt sich nicht am Ständer sichern. Es hat Rollen, keine Speichenräder, was will man da machen. Ich gebe dem Einkaufswagen einen wütenden Stoß und ziehe ohne ihn ab. Dann. eben. nicht.

Schließlich gelange ich an das Ende eines sehr langen polynesischen Schiffstegs, der direkt in ein sehr langes und breites Ausflugsruderboot mündet. Das helle Holz dieses Bootes ist frisch lackiert und so leuchtet es wie von tief innen heraus. Sicherlich finden siebzig Menschenin dem Boot Platz. Noch ist aber niemand da. Sanja betritt das Boot über den Bug und läuft schnurstracks auf das Heck zu. Der hintere Bereich bietet ein Sonnensegel und sie sucht einen Schattenplatz. Es geht holterdipolter zwischen den Sitzreihen entlang. Ich stolpere ihr blindlings nach. Anfangs war es mir gleich, ob ich in der Sonne oder im Schatten sitze. Doch genau in diesem Augenblick, als Mike – der gerade hinzukommt – zu mäkeln beginnt, weil er in der Sonne sitzen möchte, da verfange ich mich mit dem Kopf, vor allem mit den wirr flatternden Haaren in dem Sonnensegel und seinen Spannleinen. Ich versuche es abzuschütteln, aber es hat sich völlig vergniesgnaddelt. Die Sache treibt mich rasch zur Weißglut, ich setze mich, ziehe den Kopf ein, denn das saublöde Sonnensegel muss sich dann doch lösen! Aber nein, es hängt so tief, dass es mir, vom Wind noch angestachelt, immer noch im Kopf herumwurschtelt. So komme ich hier nicht mal weg. Mike meint gelassen, wir könnten ja im Freien sitzen. Dieser Besserwisser!! Natürlich! Das wollte ich doch au-auch! Aaach, mir ist die Lust an diesem Ausflug längst vergangen.

Ganz in der Nähe des Bootsanlegers die Gemeinschaftsunterkunft. Alle hier untergekommenen Leute sind bereits seit einer Woche hier. So langsam kennt man die Vorgänge. In der Nass- und Waschzone suche ich nach dem Hauptwasserhahn, um ihn zu öffnen. Der olle Wasserkran sitzt total fest! Mit vollem Körpereinsatz und beiden Händen drehe ich das blockierte Ding. Aaargh! Das muss sich doch öffnen lassen! Feste… feste… Irgendwann gibt er nach und mit Erleichterung spüre ich den beginnenden Fluss. Na also! Die Hände in die Hüften gestemmt, erhole ich mich kurz von der Anstrengung. Eine Mitreisende kommt hinzu. Bringt einen Wäschekorb mit ein wenig verschmutzter Unterwäsche. Ich teile mich sofort mit: „Ich habe den Wasserhahn geöffnet!“ — Natürlich, so meint sie fast kopfschüttelnd, zum Waschen muss man ihn öffnen. — Ich habe keine Lust zu erklären, warum ich diese Aussage machte. Soll sie doch glauben, ich sei zu blöd. Interessant ist der Inhalt ihres Wäschekorbes: mehrere Slips – und zwar dieses 7-Wochentage-Set: alle Slips der gleichen Art, aber mit unterschiedlichen Farben an den Beinausschnitten abgesetzt. Ebenso die einst weißen Kniestrümpfe. Wirklich verblüfft bin ich, als nun eine weitere Frau mit ihrer Wäsche kommt. Sie breitet sie hinter einer Reihe von Stühlen – dort sitzen Mitreisende an einem langen Tisch und plaudern – legt sie akkurat untereinander aus. Auch diese 7-Wochentage-Slips!! Ja, ist das denn zu fassen? Sie legt sie so ordentlich sortiert, obwohl sie doch eh gleich in die Waschmaschine gestopft werden… Ah so! Mir geht ein Licht auf: Die Frauen demonstrieren mit diesen Sets, wie viel Wert sie auf Ordnung, Struktur und Sauberkeit legen. Ja, jeder soll sich denken, wie akkurat es in ihrem Wäscheschrank aussieht. Ich grinse in mich hinein und denke: Wer weiß, was die daheim in den Schränken haben. Sicherlich passt da gar nichts zusammen; olle Teile, die keinem Muster und keiner Ordnung folgen. So wie bei mir auch. Bisher ahnte ich nicht, dass es Menschen gibt, die eine derartige Ordnung für erstrebenswert halten. So langsam nervt mich diese ganze Sache auch. Ordnung, Sauberkeit… man muss es nicht übertreiben. Also setze ich meinen Weg fort.

Eigentlich hatte ich in den Kursraum eintreten wollen, wo seitens der Kita ein kreativer Nachmittag angeboten wird. Doch kaum den Fuß nahe die Tür gesetzt, schlägt Da Vinci sie mir vor der Nase zu! Ich kann gerade noch mit blödem Staunen meinen Kopf zurückziehen – mein Zopfgummi bleibt allerdings drin stecken. Ich ziehe daran, um es aus dem unerbittlichen Griff der Tür zu befreien, aber es ist derart elastisch, dass keine Loslösung gelingt. Ah, da wird die Tür von innen geöffnet, das Zopfgummi fluppt mir entgegen und da schlägt die Tür schon wieder zu. Okaaaaay… dann. eben. nicht!!

Ich zische ab, den Weg immer weiter fortsetzend und gelange schließlich in einen Nebenraum des Lehrgebäudes. Hier ist es ganz ruhig. Wie angenehm. In diesem Raum ist freies Kreieren angesagt. Es werden also keine Anregungen und Hilfestellungen geboten, aber egal, mir fällt ja eh immer genug ein. Ich weiß nicht, vielleicht ist es die Gegenwart dieser freundlichen, sanftmütig wirkenden Frau; jedenfalls lege ich plötzlich, wie mit leiser Vorahnung, meine Handfläche tastend über meine Lippen. Mit ganz leichtem Druck. Und da spüre ich es: Ich laufe den ganzen Tag mit nur vier Zähnen im Mund herum!! Mit diesen schrecklichen riesigen Wikingerzähnen: zwei goldene und zwei gelbe, die krumm aus dem Kiefer staken. Erschrocken, mit aufgerissenen Augen, schlage ich beide Hände vor den Mund. JETZT verstehe ich, warum die Menschen heute nichts mit mir zu tun haben wollten: ich biete einen höchst widerlichen Anblick! „Oh Gott“ flüstere ich der Frau zu „das hatte ich vergessen…“ Ich will direkt nach Hause stürzen und mich zurückziehen. Doch die Frau meint seelenruhig und sicher: „Lassen Sie doch… Machen Sie das jetzt einfach mal.“ — Bitte? Ich soll mir diese… Freiheit? gönnen? Mir nichts draus machen? Na, die hat Mut… Tatsächlich fange ich an, darüber nachzudenken.

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