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Vitrinensärge und Meeresschätze

Traum vom 21. Juli 2010

Das kleine Hotel lag lange still und vergessen, fern von den Menschen in karger Landschaft, am weiten Meer. Heute wurde nach vielen Jahren der Betrieb wieder aufgenommen. Einige Gäste sitzen auf der Terrasse an den Tischen. Meine Kollegin und ich kommen uns beim Aufnehmen der Bestellungen in die Quere. Es sind keine Reviere eingeteilt – ist ja ganz klar, es läuft hier ja erst an. Das ist kein Problem, wir einigen uns von Fall zu Fall. Mag sein, dass es auf die Gäste dennoch etwas unentschlossen wirkte. Zumindest wäre es eine Erklärung dafür, dass mit einem Male alle Gäste verschwunden sind, noch ehe wir ihnen überhaupt das Gewünschte bringen konnten. Damit ist alles hinfällig geworden, was wir in der letzten Viertelstunde taten. Wie es dazu kommen konnte, verstehe ich nicht, spüre aber schon Gefühle der Schuld. Hm. Man sollte meinen, die Menschen haben sich auf der Stelle aufgelöst..

Ich stehe vor den offenen Fensterläden der kleinen Holzhütte – wie eines dieser einfachen Erdbeerhäuschen – , gebe die von einem Gast gewünschten Speisen und Getränke in Auftrag. Nicht eine Minute später höre ich die brummelige Stimme des Gastes, dessen reichliche Überschwere sich wie ein Rettungsring um sein körperliches Mittelfeld schmiegt. Er murrt – er will nichts mehr, weil es zu lange dauert?? Etwas nervt ihn. Hm?? Wenige Augenblicke später die Schritte seiner Freundin; eine schlanke sonnengebräunte Person mit echtblonden Haaren, kernigem Charakter. „Na…“ so gehe ich verständnisvoll auf die zu „dauerte es Ihrem Mann zu lange?“ — „Nein!?“ meint sie leicht irritiert. Erst jetzt bemerke ich meinen Irrtum: der Mann ist guter Dinge und wirkt sehr geduldig und sanftmütig. Es ist alles okay; er wartet gerne, bis wir soweit sind.

Kurze Zeit später ist all das vorbei. Alle sind fort – wirklich alle, außer mir. In dieser Landschaft am Meer haben die Menschen das Feld geräumt und werden nicht zurückkehren. Ich stehe in der Weite. So still ist es, die warme Luft kaum bewegt… Ein sonderbarer Ort, übersät von allerhand Fundstücken aus dem Meer. Ursprünglich hatte der Besitzer des kleinen Hotels all diese gehobenen Meeresschätze in kleinen Vitrinen im ganzen Gebäude verteilt gehabt. Nun, da er das Hotel aufgab, verteilte er die Vitrinen im gesamten Küstengebiet, legte sie flach auf den Boden. So liegen sie da, auf sonnenstaubiger Erde, wie kleine Särge aus Fensterglas, die von rostigen Metallrahmen gehalten wird. Wie gebannt die Schätze darin und die sonderbarem Kreaturen mit ihren weit aufgerissenen Augen. Stumme Zeugen einer längst versunkenen Zeit… so fern, dass niemand mehr darum weiß.

Erst später wird mir die Traurigkeit bewusst werden, die sich bei diesem Anblick einstellte.

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