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Weidenkätzchen und Schmerz

Traum vom 22. Juli 2010

Ich kann nicht glauben, was ich sehe: ein Mann – ein vertrauenerweckender Geschäftsmann, der mir vertraut erscheint – betritt das sommerliche offene Haus. Schon wegen der weit offenen Fenster spare ich mit Licht, um nicht unnötig Ungeziefer anzulocken, und selbst nicht so ins Auge zu fallen.

Der Mann betritt das Haus, so als fühle er sich unbemerkt, greift hier nach meinen Dingen und dort. Steckt er mein Portemonnaie ein? Leicht geduckt schleicht der Langfinger aus dem Haus, verschwindet im Dunkel der Nacht. In der Dunkelheit ist es kaum zu erkennen, aber ich irre mich wohl nicht: Der trägt meine nachtblaue Plüschjacke! Der nimmt mir ja alles! Die meiste Sorge macht, dass mir nun kein Kleingeld mehr zur Verfügung steht. Ohne Kleingeld ist die Freiheit eingeschränkt. Automaten, die ohne Kleingeld keine Fahrkarten ausspucken, Schlösser, die sich nicht bedienen lassen: ohne Kleingeld kommt man nicht weit. Ich will dem Dieb hinterherlaufen, aber da ich das ja alles kaum glauben kann, komme ich kaum vom Fleck.

Die Wärme dieser Nacht hebt die Grenzen meiner Wohnung auf, es treibt mich über diese hinaus, ohne dem Gefühl, ein Vorhaben gäbe dem Richtung, ich dehne mich weit aus.

Da ist ein Hallenbad, halb offen zur warmen Nacht. Im Kassenbereich ein Tresen, hinter dem ein Mann steht, der die Finger und Hände der Badegäste kontrolliert. Sein Anblick ist mir vertraut, also werde ich ihn mehrmals gesehen haben. Ein Pulk Badegäste umringt ihn. Da gehe ich vorbei und gleite mit einem sachten Hechtsprung – ganz langsam – in das herrlich kühle Wasser. Beim Auftauchen nehme ich sofort die Aufbruchstimmung im Bad wahr. Es wird wohl gleich geschlossen werden. Wenigstens eine Runde, denke ich mir und schwimme los. In dem fünf Meter tiefen Beckenbereich entdecke ich eine große Metallkiste. Was für eine riesige Schatztruhe! Mit Nieten beschlagen, mit Metallecken verstärkt. Sie liegt ganz unten und so kann man drüber hinweg schwimmen, ohne mit den Füßen dagegen zu schlagen, was sicherlich heftig schmerzte. Nur wenige Meter weiter, im flacheren Beckenbereich, eine zweite, ähnliche Kiste. Sie ist fast gehoben, schwimmt an der Oberfläche. Das ist gefährlicher. Ein Tritt dagegen und der Schmerz könnte einem die Besinnung rauben. Immerhin ist sie so gut zu erkennen, dass man sie umschwimmen kann.

Ich verlasse das Schwimmbecken, gelange erneut an den Tresen. Die Finger vorzeigen! Meine Finger sind vom Schwimmen sehr schrumpelig und aufgeweicht. Das ist mir peinlich, ich würde das lieber verbergen. Es kostet auch kaum Überwindung, mich da durchzumogeln: ich zeige die Finger nicht, wechsele geschmeidig ein paar Sätze mit dem Kontrolleur und verlasse das Gebäude.

Mit meiner Tochter an der Hand. Mehrfach stellen sich uns dekorative Arrangements in den Weg. Der Ältere macht reichlich Fotos von den Anwesenden. Von meiner Tochter und mir macht er keine einzige Aufnahme. Gelegenheit gab es, denn ich blieb mehrfach stehen, um ein gut zu fotografierendes Objekt zu geben, aber er denkt gar nicht dran. Es ist nicht so, dass ich mich von ihm ignoriert fühle – ob absichtlich oder nicht – denn er bemerkt mich offenbar wirklich nicht. Ein großes Gebinde Weidenkätzchen stellt sich in den Weg. Weich puschelig die „Kätzchen“, aber fies pieksend die trockenen Weiden. Mehrfach staksen sie in mein Gesicht. Das nervt, dazu die dadurch notwendig gewordene hohe Aufmerksamkeit, ohne den Sticheleien wirklich ausweichen zu können. Es macht mich aggressiv. Aber ich bleibe stehen, vielleicht gibt das in den Augen des Älteren ein schönes Motiv, wie wir da zwischen den Weidenkätzchen herauskommen. Aber der Ältere geht, ohne auch nur einen Blick verschwendet zu haben, weiter.

Ich verlasse die kleine Veranstaltung auf direktem Weg. Mich innerlich starr haltend, um jetzt nicht zusammenzubrechen, gehe ich weiter, weiter hinaus in die Nacht. Ich mir dehnt sich ein brennender Schmerz aus. Er wallt auf wie das schwarze Meer mit der weiß schäumenden spitz zackigen Gischt, das in wilden Schüben brandet. Ein in seiner Tiefe wirklich fieser Schmerz. Wie getrieben laufe ich nahe der Brandung entlang in die Nacht hinein. Dort hinten, das völlige Dunkel ist mein Ziel, um darin zu entschwinden.

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