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Es nagt in vergessenen Stätten

Traum vom 31. Juli 2010

Nach wochenlanger Hitze ist der Untergrund von staubigem Sand bedeckt. Alles wirkt ausgestorben so weit das Auge reicht. Der Himmel stahlblau; hier und da ahnt man feinste Wolkengespinste. Es ist so still… nur das leise Scharren meiner Schuhsohlen bei jedem Schritt.

Meine Aufmerksamkeit richtet sich allerdings auf ein durch Granaten zerstörtes Hochhaus in etwa 150 Meter Entfernung. Das Hochhaus sah ich erst vor wenigen Tagen in einem Blogbeitrag. Nun suche ich nach dieser markanten Stelle am Hochhaus, die mir auf dem Foto aufgefallen war. Das Hochhaus wirkt von der rechten Seite her wie angenagt. Auf etwa halber Höhe besteht eine Etage nur mehr aus einem halb zerstörten Treppenschacht, der – und das ist sehr erstaunlich – alle Etagen darüber weiterhin trägt. Dass sich niemand sorgt, das Gebäude könnte ganz einstürzen… Eigentlich unerklärlich, dass so etwas tragfähig ist. Faszinierend dieses stumme Zeichen – ein Ort stillgelegter Trostlosigkeit und Verlassenheit. Wie schnell alles genommen sein kann…

Ich recke die Nase, wittere mit bebenden Nasenwänden, um noch mehr in der Luft liegende Informationen zu erfassen. OH GOTT!!!! Ich habe bereits den Fuß zum nächsten Schritt gehoben, bin dabei, mein Gewicht darauf zu verlagern, als ich bei einem beiläufigen Blick zu Boden in einen tiefen Abgrund blicke. Mein Fuß ist kurz vor dem Aufsetzen, beziehungsweise kurz davor, hineinzutreten. In meinem Kopf beginnt es zu rasen, mein Bewusstsein verliert sich in kreiselnder Panik… zu spät, zu spät!! Aber ich lehne meinen Oberkörper nach links hinten, hoffe auf die Schwerkraft und… tatsächlich, mein Körper dreht sich und der Fuß setzt auf dem Boden auf. Den minimalen Schwung in diese Richtung nutzend, mache ich zwei weitere Schritte und bin in sicherem Abstand. Vor mir liegt ein riesiger, mehr als hundert Meter in die Tiefe reichender Krater. Mein Herz schlägt wild, hämmert in Ohren und Kopf. Ursprünglich befanden sich hier die Kelleretagen eines nach unten gerichteten Hochhauses. Granaten haben die gesamten unterirdischen Etagen herausgerissen. Explosionen höhlten es aus. Es ist doch kaum zu glauben, dass dieser Abgrund nicht abgesichert ist?! Na gut, da ist ein kleiner Bereich mit notdürftig kreuz und quer genagelten Brettern, um deren eines die Überreste eines rot-weißen Absperrbandes hängen. Die Hitze, das Sonnenlicht und der Wind haben die Folie mürbe werden lassen. Das spröde und müde gewordene Band ist dort abgerissen. Es war niemand da, der sich darum gekümmert hätte.

Inzwischen ist eine Frau hinzugekommen. Der Gedanke, sie könne gesehen haben, dass ich so dödelig war, in den Abgrund zu rennen… – wie peinlich! Gleichzeitig drücke ich ihr gegenüber meine Betroffenheit aus: „Dass ein solch gefährlicher Punkt nicht abgesichert ist!!“ — „Die Stadt scheut die Kosten“ antwortet die Frau gleichmütig. Dabei geht es wohl weniger um die Kosten für das Absperrband, als vielmehr um den Arbeitsaufwand und die zu entlohnende Arbeitszeit. Naja, das ganze Areal wurde aufgegeben, selten dass sich jemand hierher verirrt. Aber trotzdem… so ein Schreck!

Gar nicht weit davon entfernt, eine weitere in den Boden gerissene Öffnung. Allerdings wesentlich kleiner und nur ein Stockwerk tief. Ein alter Toilettenraum. Vielleicht stand hier mal ein luxuriöses Hotel, denn die erhaltenen Armaturen wirken edel, obwohl sie in Schutt und Asche liegen. Es hängt sogar noch eine halbe Rolle Toilettenpapier in einer dieser Halterungen. Verlassene Stätten haben eine große Anziehungskraft. Es zieht mich hinein. Zu blöd nur, dass ich meine DigiCam vergessen habe. Da entdecke ich mal was, das mindestens so interessant wie die Beelitz Heilstätten ist und gehe mit leeren Händen daraus hervor. Gerade sehe ich, dass die Frau dort unten tätig ist. Sie hat ihren Kleintierkäfig dort abgestellt und geöffnet, um ihrem Nagetier Auslauf zu gewähren. Na, das warte ich mal lieber ab, sonst trete ich noch auf das kleine Tier. Ein wenig irritiert mich, dass sie ihren Nager dort laufen lässt. Wer weiß, womöglich gibt es in all den Nischen und Winkeln verborgene Gänge und der kleine Nager entwischt. Da findet sie ihn so leicht nicht wieder. Ganz schön leichtsinnig, oder nicht?

Es müssen einige Stunden vergangen sein, denn es ist nun früher am Tag. Durch das Heck – so als böte es keinerlei Hindernis – steige ich auf die Rückbank einer schwarzen Limousine, setze mich links neben einen jungen Vater. Auf seinen Schenkeln liegen Tasche und Jacke seiner Tochter. Er erzählt – nicht ohne Stolz – er fahre jetzt zur Abschlussprüfung seiner Tochter. „Voltigieren!!!“ erklärt er bedeutungsvoll. Ich bin noch mit meinem Kram beschäftigt, höre aber zu. Meine Mundwinkel zucken höflich in die Höhe und ich säusele freundlich: „Ahaaa.“

Na, hier ist wohl doch kein Platz für mich. Die ganze Situation ist derart unklar, dass ich überlege, meinen Weg völlig anders und ganz woanders fortzusetzen.

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