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Rainer aus dem Keller

Traum vom 11. August 2010

Von Unklarheit und Unruhe getrieben, renne ich durch die Korridore der kleinen Holzhaussiedlung am Hörenberg. Zwar ist mir ziemlich klar, wo ich die Räume meiner Wohnung finde, habe aber kein Ziel. Es ist Nacht. Ich gehe auf leisen Füßen, damit niemand meine Unruhe bemerkt, die zu erklären mit peinlich wäre, da ich sie nicht begründen kann.

Breit der Korridor, der mehrere Gebäudeteile miteinander verbindet. In den Ecken die Treppen zu den Kellerräumen. Inzwischen hatte Rainer mir verraten, dass er hier im Keller wohnt. Das muss man sich mal vorstellen! Da bloggt man jahrelang zusammen und weiß nicht, dass man im gleichen Haus wohnt! Womöglich bin ich ihm begegnet, ohne es zu wissen? Fremde Gesichter, gab es die? Die Anzahl der Bewohner ist überschaubar und im Augenblick fiele mir keiner ein, dessen Gesicht ich nicht irgendwie hätte zuordnen können. Eigentlich jedoch unwahrscheinlich, dass wir uns nie sahen.

Dann Ankunft in meinem Kreativlager. Ein Raum, in dem ich mich öfter aufhalte. Ich halte inne, lauschend… Ob unter diesem Raum seine Kellerwohnung liegt? Vermutlich. Oje! Bestimmt hat er mich einige Male gehört, wenn ich laut und unbeherrscht wurde, meine Zügellosigkeit, mein wütendes Gebrüll, wenn etwas nicht nach Wunsch lief. Meine ungerechten Vorwürfe… all das, was niemand von mir wissen soll. Wie peinlich… hätte ich gewusst, dass er hier in Hörweite weilt…

Vor meinen Augen eine Szene, wie ich auf einer zierlichen, leicht geschwungenen Brücke stehe, mit der Abendsonne im Rücken, die meinen Schatten weit nach vorne wirft auf das golden leuchtende Getreidefeld. Jetzt könnte ich Fotos von meinem Schatten machen — jetzt, wo die tiefstehende Sonne eine schlanke Silhouette verleiht — und ihm die Aufnahmen schicken.

Später, in der Kellerwohnung, begegne ich Rainer in Begleitung einer intimen Freundin. Sie sprechen leise, brauchen wenig Worte – sie sind so vertraut miteinander, dass sie sich auch ohne Worte verstehen. Es gibt keinen nennenswerten Grund, warum ich die beiden nicht ansprechen sollte. Allerdings will ich der Frau nicht ins Wort fallen, will ihr Miteinander nicht stören, nicht darin eindringen und den daraus womöglich resultierenden Unmut abbekommen. Am besten warte ich einfach ab, bis die beiden ihre Aufmerksamkeit in meine Richtung öffnen. So sitze ich an einem Tisch, zwei Schritte von ihnen entfernt. Nur geschieht nichts. Lange Zeit nicht. Ich warte… Irgendwann – längst fühle ich den Schmerz der Kränkung, das Aufreißen der großen alten Wunde — geht meine Geduld zu Ende. Wenigstens Rainer hätte ja mal ein Wort an mich richten können. Aber er macht den Eindruck, als habe er mich noch nicht einmal bemerkt. Plaudert munter weiter mit dieser Frau mit den dunklen Haaren, die in leichten Wellen ihr interessantes Gesicht umrahmen. Mich packt die Wut, wie die eines waidwunden Tieres in der Falle. Meine Finger spielen immer noch mit dem Henkel der Tasse, aus der ich die ganze Zeit vom Kaffee nippte. Ich mache eine spitze Bemerkung zu Rainer; leise nur, weil meine Stimme in ungeweinten Tränen in der Kehle ertrinkt. Es kommt keine Reaktion. Wenig später mache ich eine weitere Bemerkung – gekränkt und bitter enttäuscht. Wieder verhallen meine Worte ohne Reaktion. Mit einem Mal der starke Impuls, ihm den Kaffee an die Stirn zu schleudern. Mit unzähligen Engelszungen rede ich auf mich ein, so als brauche es nur genug Worte und Sätze ohne Unterbrechung, um den Impuls zu bannen: ‘Eine solche Reaktion ist unangemessen! Tue es nicht, hinterher wird er sich auf immer abwenden! Lass es sein! Du kannst nicht von anderen etwas erwarten, ohne selbst aktiv geworden zu sein! Atme tief durch. Es wäre ungerecht! Ungerechtfertigt! Albern und kindisch! NEIN, TU ES NICHT!!!’ Als die Wut in meinen Kopf steigt, spüre ich ein ansteigendes Brennen im Gesicht bis zu den Haarspitzen, der alte, so vertraute Schmerz durchrast mich. Meine Lippen aufeinander gepresst und völlig gegen meine Überzeugungen muss ich zusehen, wie sich meine Oberarmmuskeln anspannen, der Arm die Tasse hebt… da flatscht schon die Ladung warmer Kaffee an seine Stirn — Volltreffer. … Oh mein Gott, was habe ich getan! Die Wut weicht tiefer Reue und dann der Furcht, ja der Gewissheit, dass er sich endgültig von mir abwenden wird. Das habe ich nun davon: genau das, was ich nicht wollte. Wie megapeinlich, meine Bedürftigkeit auf so unübersehbare Weise demonstriert zu haben. Vor Scham möchte ich versinken. — Voll Ruhe und Gelassenheit teilt er allgemein mit… ja… eigentlich nichts. Mir ist klar, dass ich gehen kann. Gehen sollte. Warte aber doch noch ab. Vielleicht kommt ja ein Wort von ihm. Vielleicht eine kleine Geste, die mir etwas Trost gibt? Nein, nach minutenlangem Abwarten, die ungemütlichen Raum der Sprachlosigkeit und der Trennung schafft, bin ich im Begriff aufzustehen, zu gehen. —— Dann, wie zu neuer Zeit, legen sich seine Fingerspitzen auf die Finger meiner rechten Hand. Eine leichte kurze Berührung. Ein kurzes bejahendes Nicken in meine Richtung und kaum hörbar seine in sich ruhenden Worte: „Es ist gut…“ bringen mich etwas ins Lot.

Fern draußen im Grasland, im Fränkischen. In der feuchten Kühle eines Spätsommermorgens. Rainer, seine Freundin und ich wollen hier grillen. Die beiden stehen jenseits der Schranke des Klingelbahnübergangs (es gibt keine Schienen), ich diesseits. Wie aus den Weiten des Himmels das runde Gitterrost eines Schwenkgrills. Rainer will Rippchen grillen. Alle möglichen Fleischstücke mit Knochen. Sie bereiten den Grill vor, während ich noch überlege, ob ich meine Worte sieben sollte. Traurig und nachdenklich frage ich: „Rainer, soll ich meine Worte durch ein Konvers-Sieb geben? Soll ich?“ Meine Frage gleicht fast einem Flehen um Antwort, um Klarstellung, um Hilfe. Ich weiß doch nicht, wie es richtig ist! Vor meinem inneren Auge gebe ich eine gummiartige Oberfläche in ein feines Drahtsieb, drücke die Ränder mit dem Daumen rund um das Sieb fest – das wäre der Ablauf. Ich bin noch durcheinander. Der abziehende Schmerz, die offene Wunde, Gedankenkreisen, Schamgefühl, der riesige Kloß staubiger Tränen in der Kehle. Ich bringe kein weiteres Wort heraus. Ja, und dazu muss ich feststellen, dass ich noch nicht einmal dafür gesorgt habe, dass ein Tisch für unser Essen bereit steht. Hmmm… nachdenklich schaue ich mich auf dem Wiesenland um, entdecke und schnappe ein ganzes, ziemlich schweres Zaunelement mit planen Latten, lege eine Seite auf die Schranke zwischen uns, das andere Ende auf einen alten wackeligen Küchenstuhl, der auf meiner Seite steht. Voller Freude erkenne ich, dass die so entstandene Oberfläche völlig plan liegt. Ja, das Zaunelement bildet eine Brücke zwischen Schranke und Stuhl, wodurch die Beschränkung selbst unter den Tisch fällt und wir alle zusammen an einem Tisch sitzen können. Rainer hält mir bereits einen Teller mit gerösteten Grillgut entgegen, in der anderen Hand eine leicht fettglänzende mit krustigen Gewürzkürmeln überzogene Grillzange haltend. Vielleicht kehren jetzt doch noch Freude und Miteinander ein.

Traumpfad: Eine Schranke am Bahnübergang…  …das Zaunelement, von Stuhl und Schranke als Tischplatte getragen wäre also auch in dem Sinne als Übergangslösung zu betrachten.

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