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Sommerschnee

Traum vom 21. August 2010

Bis zum Aufbruch aus dem Haus der Älteren dauert es wohl noch ein paar Stunden. Die Ältere stellt eine etwas zerdrückte Präsenttüte aus königsblauem Papier auf den Küchentisch. Dazu eine offene Pappschachtel, die – einem Setzkasten ähnlich – in mehrere Fächer aufgeteilt ist. Und einen riesigen Klebestift (rot-schwarz-weiß) und eine Katze mit rotem Fell. Es sind Teile eines Bausatzes, der am Ende eine Art Klebstoffspender ergeben soll. Das bedeutet: die Pappschachtel soll mittels einiger Schrauben auf der Präsenttüte befestigt werden. Der Klebestift wird dann, in Kanonenmanier, auf der Schachtel befestigt, wozu sich die Katze am Ende gesellt. In der Schachtel liegen alle Materialen, die es braucht. Ja, sogar noch etwas mehr, denn der Ältere legte noch ein paar Schrauben dazu, die herrenlos im Haushalt rumschwirrten. Na, da bin ich ja bestens gerüstet!Mit Eifer gehe ich an die Sache. Nur leider klappt das nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Es beginnt gleich damit, dass sich die vier kleinen, messingoldenen Schräubchen einfach nicht eindrehen lassen.

Szenenwechsel. Ein sehr weitläufiger Landgasthof mit integriertem Bioladen im Grenzbezirk. Die Räume werden renoviert oder saniert, teilweise auch ausgebaut. Dementsprechend herrscht wenig Kundenandrang, da es nur wenig einladend wirkt. Bei einem Routine-Kontrollgang werde ich auch einen Blick in eines der Zimmer, die weniger gebraucht werden. Mitten drin ein riesiger Stapel mit dem Sperrgut von großen Schrankwänden. Gleichzeitig treffen zwei Männer ein. Beide in meinem Alter; Autoritätspersonen, die es gewohnt sind, das Sagen zu haben. Sie treten in den Raum mit dem Sperrgut. Sofort fährt mich einer der Beiden zornig an: „Wie kann es sein, dass hier Sperrmüll den ganzen Raum blockiert?“ — Ich blicke von meiner Arbeit auf, halte inne und erkläre sachlich: „Na eben, genau: Sperrmüll! Wir haben es für die Abholung bereit gestellt.“ — Die beiden Männer beharren weiter darauf, dass wir den Sperrmüll hier abgelegt haben und sich niemand darum kümmert. So erkläre ich nochmals und mit anderen Worten, wie es sich wirklich darstellt. Doch die Männer brüllen mich laut und aufgebracht an. Mit einem Mal werde ich von Stärke und Aufrichtigkeit durchdrungen. Ich weiß plötzlich, dass ich mich nicht schuldig fühlen muss, nur weil die beiden es sagen. Mit klarer und kraftvoller Stimme — ich spreche bei aller Gelassenheit deutlich lauter als die Männer — falle ich ihnen ins Wort und teile mit: „Ich bin nicht länger bereit, mir ihr Gebrüll anzuhören. Ich habe Wichtigeres zu tun. Sie entschuldigen, ich werde die Tür jetzt schließen.“ — Erboste Stimmen folgen mir mit einem Schwall von Anschuldigungen, aber die Tür ist längst zu und so stören sie kaum noch. Ich halte erstaunt inne… zufrieden lächelnd. Mir wird nämlich klar, wie eindeutung und ohne Zweifel ich mich für mich eingesetzt habe. Dass mich selbst das an sich beängstigende Gebrüll nicht einschüchterte. Nein, die innere Stärke ließ mich zu mir stehen und hielt mich frei von falscher Schuld. Wie stark ich bin!

Wenig später tüftele ich erneut an der Klebestift-Station herum. Nach wie vor das alte Problem: die vier goldenen Schräubchen lassen sich nicht in die Vorbohrungen schrauben. Einerseits sind die Vorbohrungen kaum nachgiebig, andererseits haben die Schrauben stumpfe Ende, die in zu kleinen Löchern eben nicht greifen. Ich krame in dem Vorrat herum… So viele Schräubchen; fast unvorstellbar, dass keine passenden dabei sein sollen. Die Katze mit dem roten Fell ist inzwischen etwas ungeduldig, springt immer wieder auf die noch unbefestigte Klebestift-Schachtel und wieder weg. Als der Ältere hinzukommt, schildere ich ihm das Problem. Vielleicht hat er ja die passenden Schrauben woanders.

Die Chefin kommt, fragt nach den Umsätzen im Bioladen. Sie erwartet einiges. Doch ich muss sie enttäuschen: „Nicht viel los. Ist ja auch kein Wunder bei diesen grundlegenden Bauarbeiten.“ Okay, zwar erwartete sie anderes, aber es ist nicht schlimm. Es gibt keine Vorwürfe.

Dann lasse ich das Hämmern und Klopfen mal hinter mir, trete hinaus in die späte und laue Spätsommernacht. Zwar ist es dunkel, doch der Himmel leuchtet Nachtblau. Es ist noch richtig warm. Und in der Ferne schneit es. Es schneit?? Kann das sein? Ich strenge meine Augen an, verenge sie zu schlitzen… Tatsächlich… am Ende der Straße sehe ich eine dicke Schneeschicht auf dem Dach. Von Staunen und Wärme erfüllt — ich fühle mich wie ein brennender Docht, umhüllt vom Kerzenschein — kehre ich um, laufe zum Haus zurück, um den Handwerkern, der Chefin, den Älteren und den brüllenden Autoritäten zu berichten, dass es schneit. Noch ehe ich die Tür erreiche, bin ich von so tiefer Rührung erfüllt, dass mir die Tränen kommen. Oh nein, schon wieder… Ich möchte nicht, dass es jemand bemerkt. Doch ich weiß, meine Stimme käme nur mehr gebrochen heraus. Und die Tränen lassen sich nicht zurückhalten. Vielleicht sollte ich die ganze Sache für mich behalten. Doch das Bedürfnis, meine Entdeckung zu teilen, ist dann doch größer. Ohne weiter zu überlegen, reiße ich die Tür auf und rufe mit einem Kloß im Hals hinein: „Es schneit! Stellt euch vor: es schneit!!“ Ungläubige Blicke richten sich auf mich. „Kommt, seht selbst!“ Ich öffne die Tür… jetzt schneit es sogar kräftig. Dicke Flocken. Eindeutig. Die weihnachtliche Botschaft kann nun ein jeder sehen!

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