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Röntgenaufnahmen – 1888

Traum vom 4. September 2010

Bei meinem Hausarzt. Offenbar ein Vertreter alter Zeiten oder die Zeit ist vor rund fünfzig Jahren stehengeblieben. Er hebt ein Röntgenbild hoch, betrachtet es und meint dann, fast neckend zu mir: „Sie mit ihren Gewebesäckchen!“ — Tatsächlich ist auf dem Röntgenbild im Bereich des rechten Rachens eine kleine Ausbuchtung zu erkennen. Ja, so berichtet er, bereits früher habe er ähnliches gesehen, kramt in den tiefen Schubladen seines umfangreichen Archivs herum und zieht entsprechende Röntgenaufnahmen hervor. Wieder die Röntgenaufnahme eines weit geöffneten Rachens. Doch die Aufnahme zeigt mehr: offenbar war die Erkrankung damals tödlich verlaufen, denn im unteren Bereich ist die Röntgenaufnahme des Grabsteines zu sehen. Zwar mag ich kaum hinschauen – wenn die Erkrankung tödlich war, was will er mit denn damit zeigen?? – aber ich erkenne, wenn auch unsicher, die Jahreszahl: 1888 — Vermutlich das Todesjahr. Beunruhigend, auf der anderen Seite aber auch beruhigend, denn mein Todesjahr kann es ja nicht sein. Inzwischen hält der Arzt ein weiteres Röntgenbild hoch: die Aufnahme wurde offenbar im Leichenschauhaus gemacht. Ein Fuß, mit einem Schildchen am Zeh… ziemlich makaber, was der so alles aufbewahrt… oder? Ich sitze ihm an einem langen Tisch gegenüber. Seinerseits die Arztpraxis, meinerseits ein karger Aufenthaltsraum. Gedankenverloren schraube ich die Mineralwasserflasche zu und sage mit schwacher Stimme: „Ich bin erschöpft.“ Es kommt keine nennenswerte Reaktion und ich wiederhole: „Ich bin so erschöpft, ich kann nicht mehr.“ Vielleicht hatte ich auf ein verständnisvolles Wort gehofft, jedenfalls bin ich etwas enttäuscht, als gar keine Antwort kommt. Vielleicht fehlt es ihm an Verständnis für mich, meine Situation, was weiß ich. Ich verspüre ein Bedürfnis nach Trost, nach Verständnis, ein paar Worten verbunden mit ehrlicher Zuwendung. Naja, das gibt es natürlich auch hier nicht. Das gibt’s ja eh nirgends. Der Assistent des Arztes schaut mich sehr wach an – tatenlos.

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