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Der mürrische Geweyhte

Traum vom 5. September 2010

Im Schnellzug durch die Nacht. Wenig Mitreisende, angenehme Ruhe. Das Dunkel saust schemenlos an den Fenstern vorbei. Ich sitze links des Ganges an einem winzigen Tischchen am Fenster. Vor mir ein Teller mit leichter Speise, von dem ich mit einem kleinen Gäbelchen kleine Bissen nehme und mit wenig Appetit esse. Da bemerke ich rechts von mir, auf der anderen Seite des Ganges, den Geweyhten. Er sitzt allein an einem großen Vierertisch und isst ebenfalls. Oh toll, wie schön ihn zu sehen! Ich sah ihn so lange nicht mehr. Ohne zu fragen, ohne eine Einladung abzuwarten, nehme ich meinen Teller und setze mich neben ihn. Er rückt bereitwillig zur Seite, schaut aber mürrisch vor sich hin und sagt kein Wort. Einzig seine weiche Körperspannung, die Offenheit vermuten lässt, und das kurze Aufleuchten seines Gesichts geben mir das Gefühl, dennoch willkommen zu sein.

Erfüllt von Mitteilungsfreude erzähle ich kurz, was ich von unserer gemeinsamen, von uns beiden sehr geschätzten Bekannten – wir haben vermutlich nur diese eine – weiß; woraufhin er beiträgt, was er Neues aus ihrem Leben erfahren hat. Während ich weiter kleine Bissen in den Mund führe und langsam kaue, geht unsere Unterhaltung dem entsprechend weiter. Bald geht es um das Geld, dass unsere Bekannte mit ihren künstlerischen Arbeiten verdient. Der Geweyhte meint, es sei nur sehr wenig.
Ich frage nach: „Kann sie davon leben?“
Er bestätigt.
„Na, dann ist es doch genug!“ stelle ich zufrieden fest.
Mit zwei oder drei Sätzen ergänzt der Geweyhte das bisher Gesagte.
Worauf ich erwidere: „Mich interessiert nur wenig, wie viel Geld jemand hat, sondern viel mehr, was er daraus macht.“
„Daraus macht?“ äfft mir der Geweyhte missmutig nach, so als sei ich plemplem. Und erklärt: „Das Geld wird in der Bundesnotenbank gemacht!“
Ich kann gerade noch verhindern, dass sich meine Augen genervt verdrehen. Für wie blöd hält der mich eigentlich? „Das weiß ich doch.“ antworte ich mit sanfter und freundlicher Stimme. Ich will es mir mit ihm ja nicht verderben.
Dann erzählt er von seiner aktuellen Tätigkeit bei einer Zeitung. Ganz genau komme ich nicht dahinter, so spärlich kommen weitere Informationen dazu. Ich kann das alles nicht weiter einordnen. Da er stets so mürrisch ist und so unzugänglich wirkt, wage ich nicht, weiter nachzufragen, obwohl es mich sehr interessierte.
Inzwischen folgte eine weitere unpersönliche Information seinerseits. Mit Blick aus dem Augenwinkel bemerke ich die tiefen Furchen in seinen Wangen. Wie alt ist er inzwischen? Mitte Siebzig, könnte hinkommen. In seiner Gegenwart vergesse ich immer wieder, um wie viel älter er ist. Er hat auch etwas von seiner fleischlichen Substanz verloren. Dennoch ist er immer noch ein attraktiver Mann in meinen Augen. Und das, obwohl er immer so mürrisch ist – vielleicht auch gerade deswegen.
Es drängt mich immer noch, mich verständlich zu machen: „Mich interessiert vor allem der Mensch, die Person! Seine Ergebnisse sind für mich höchstens zweitrangig. Ich möchte wissen, wie er mit dem Leben umgeht.“
Der Geweyhte antwortet wieder mit klugen Worten – mit kühlem Verstand weiß er Wärme und Nähe stets zu verhindern.
Plötzlich legen meine Hände das Besteck ab, entschlossen! Ich hebe meinen Blick vom Teller, richte ihn starr geradeaus, spüre Wut aufsteigen und zische mit gepresster Stimme: „So. hab. doch.nicht.immer.Widerworte!“ Ja!! Genau so erlebe ich seine Antworten nämlich: mit seinem kühlen Verstand widersetzt er sich mir, indem er auf der Sachebene antwortet, während ich doch die Person meine! Auch auf diesen, meinen kleinen Ausbruch antwortet er nur ungerührt mit einer kleinen philosophischen Betrachtung. Ich möchte mit der Faust auf den Tisch schlagen! Diese Weisheiten sind mir nicht neu, und darauf will ich nicht hinaus! Dann schaue ich zur Seite, auf seinen Teller — ohne mit der Aufmerksamkeit dort zu sein, registriere ich dennoch seinen fast leergeräumten Teller – und erkläre, gefühlsmäßig ziemlich aus der Fassung geraten: „Weißt Du, ich würde Dir sehr viel mehr erzählen, wenn Du dich darauf auch einlassen könntest!“ Ja, tatsächlich ist das Gefühl sehr unangenehm, von ihm immer wieder aufs Trockene geworfen zu werden.

Mit einem Male erscheint, in der Durchgangstür vor uns, ein junge Chinesin von sehr kleiner und burschikoser Gestalt. Vielleicht entstammt die junge Frau einer armen Bauernfamilie. So voller Staub sind ihre winzigen hübschen Füßchen (so groß wie die einer Dreijährigen), die in goldenen Schlappen stecken. Auf ihrem Kopf trägt sie ein flaches Hütchen aus orientalischem Brokat mit einem winzigen Troddel auf der Hütchenmitte. Von spontaner Zuneigung und Begeisterung erfasst, schlage ich die Hände zusammen, hüpfe auf meinem Platz herum und rufe dem Geweyhten zu: „Ist sie nicht süß? Sie ist so goldig!“ Kaum dass er hinschaut; ich höre ein unverständliches Murren als Antwort. Da erscheint — und sei es nur, um es dem Geweyhten zu zeigen? — ein Junger mit einem alten schwarzen Hütchen. Auch er ein Jüngling von eher kleiner Gestalt. Er sieht das Mädchen und weiß in der nächsten Sekunde, dass er sie liebt, dass er endlich „sein Mädchen“ gefunden hat. Mit einem entschlossenen Griff um die Taille nimmt er sie und trägt die zarte Kostbarkeit fort in die Kammer nebenan. Schon bald ist von dort ein glückseliges Schmatzen und Seufzen zu hören. „Ach, wie goldig!“ rufe ich zutiefst gerührt aus „Was ist das zauberhaft!“ Ich spüre meine vor Glück geröteten Wangen. Doch auch jetzt, wo doch die Geräusche Liebender zu hören sind, zeigt sich der Geweyhte immer noch unberührt und mürrisch. Dann ein paar Worte von ihm, womit er das ganze Ereignis auf eine nüchterne Ebene zieht und damit, meinem Empfinden nach, um das Wundervolle beraubt. — Auch gut. Dann ist das so. Ich kenne den Geweyhten eh nicht anders. Dennoch… es ist doch interessant, wie sehr mich seine Art im eigenen Kommunikationsfluss immer wieder hemmt.

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