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Die Frau ohne Beine

Traum vom 14. September 2010

Eine Frau – sie ist nackt, was aber völlig ohne Bedeutung ist – führt vor einem kleinen und nur wenig interessierten Publikum einige Yogastellungen vor. Sie legt ihren Oberkörper vor, bis in die Waagerechte, streckt beide Arme vor, verschränkt die Finger miteinander und streckt sich immer weiter. Bald verzieht sich ihr Gesicht vor Schmerz und sie muss in der Dehnung nachlassen. Sie legt eine Hand oberhalb ihrer Brüste und presst die Handfläche auf die Brustmuskeln, was ihren Schmerz lindert. So geht es immer hin und her. Sie streckt sich vor, immer weiter, aber auch immer wieder unterbrochen davon, dass sie sich die Hand auf die schmerzenden Stellen legt. Ich nehme an – vermute es aus eigener Betroffenheit heraus – dass die Schmerzen die Folgen eines operativen Eingriffs sind. Ich finde es ziemlich tapfer, dass sie sich davon nicht abhalten lässt, immer weiter macht und ihr Ziel – diese Übung sauber auszuführen – unbeirrt verfolgt. Erstaunlich, denn die Schmerzen kehren ja in kurzen Abständen wieder.

Während ich sie bis jetzt aus der Nähe sah, und damit hauptsächlich Gesicht und Oberkörper, zoomt die Kamera – es ist, als werde eine Sendung aufgezeichnet – auf immer mehr Abstand, während die Frau ihre Vorführungen beendet und damit dem Publikum den Rücken zudreht. Sie dreht sich dabei auf der Stelle, auf einem Fuß. Ganz geschmeidig und wie von selbst. Mit dieser Abwendung vom Publikum hat die Frau gleichfalls ihre Beine abgelegt. Ihr Oberkörper endet etwa einen Meter über dem Boden, aus dem Unterleib hängt ein Bündel loser Infusionsschläuche heraus. Einen Schritt von ihr entfernt liegt der Chellokasten, in den sie ihre abgeschnallten Beinprothesen ablegte. Erst jetzt kommt ein Mann ins Bild, der offenbar die ganze Zeit völlig unbemerkt neben der Bühne gestanden und zugesehen haben muss. Ein besonders sensibler Mann, gekleidet, als sei er Mitglied der Philharmoniker. Ihm rollen Tränen des Mitgefühls und tiefer Berührung über das Gesicht. Er bewundert ihre Stärke, ihren Mut, sich so zu zeigen, mit all dem was ihr fehlt, bewundert ihre Anmut, ihre konsequente Arbeit trotz ihrer Behinderung. Ganz leise schüttelt er den Kopf, nicht fähig, überhaupt ein Wort zu ihr zu sagen. Erst durch ihn wird mir das Ausmaß der Stärke bewusst, über die diese Frau verfügen muss. Wie sonst könnte sie ihren Weg unter diesen beschnittenen Umständen gehen?

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