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Des Winters Frühling

Traum vom 13. Oktober 2010

Zu so später Stunde im Herbst sind nur noch wenige Touristen unterwegs. Eine friedliche Stimmung also, getaucht in Honiglicht. Ich stehe, etwas breitbeinig das Gleichgewicht haltend, auf dem flachen Holzkahn, der mich die schmale Gracht am Stadtrand entlang trägt. Gestalten kommen mir auf und am Wasser entgegen. Ich halte die Kamera vor Augen, mache eine Aufnahme nach der anderen. Und mit jedem Auslösen wird mir sofort klar: auch diese Aufnahme ist misslungen. Es geht einfach zu schnell, mir bleibt nicht genug Ruhe, etwas konkret ins Auge zu fassen. Der durch das Baumgrün irrlichterne Sonnenschein blendet und irritiert etwas, so erkenne ich die Gesichter erst im letzten Augenblick. Wächserne Antlitze, die wie in Hitze zerfließen, die Augen und Münder zu kreisrunden Löchern aufgerissen. Nicht, dass es mich irgendwie wunderte. Ich mache diese kleine Fahrt auf dem schwarzen Kahn, die bis zum kleinen Meer und zurück führt, einige Male – wie in Trance, denn es würde schon sein natürliches Ende finden, so schien mir gewiss. Ziemlich zum Schluss steige ich am Meer doch noch aus. Der Bootsführer sitzt am Strand, auf einem Stück hölzernes Treibgut, ein Badetuch untergelegt. Das Meerwasser tropft aus seinen dunklen Haaren. Mein Kommen registriert er mit ernsthaftem Stirnrunzeln und dem Ausdruck von Gewissenhaftigkeit. Auch ihm ist klar, es wird Zeit für die letzte Fahrt des heutigen Tages. Ich werde mit zurückfahren, denn mein Mann wird sicherlich schon auf mich warten.

Auf dem Ehebett im Schlafzimmer der Älteren legte ich einige herausgefallene Haare ab, ohne einen Blick darauf zu verschwenden. Zu sehr war ich damit beschäftigt, meine Haare zu kämmen. Im Spiegel sehe ich, dass der neue Fön ein gutes Trocknungsergebnis bringt. Die Haare sind weich und glänzend, haben ihre Spannkraft erhalten, so dass sogar die Naturwelle wieder zutage treten. Ich gebe noch ein Pflegeprodukt in die ausgeblichenen Haarspitzen und bin ganz zufrieden. Als ich jedoch die ausgefallenen Haare von der Bettdecke nehme, bekomme ich nach kurzem Überlegen einen Schreck: die zuoberst liegenden Haare sind, einer Haube gleich, zusammenhängend abgefallen. Das ist total viel Haarverlust! Auch wenn die ausgefallenen Haare sich nun wie eine Kappe wieder auflegen ließen, so blieben sie doch für immer von mir getrennt. Das ist – je länger ich darüber nachdenke – wirklich furchtbar! Vielleicht ist es sogar nötig, etwas zu unternehmen.

Der Herbst ist der Frühling des Winters – das ist so und ich will es mir gleich beim Aufwachen notieren.

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