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Wange an Wange mit Carpendale

Traum vom 22. Oktober 2010

Im Laufe nachhaltigen Singens manifestierten sich vor unseren Augen die Beine und Arme, Rumpf und Kopf von Howard Carpendale. In Form von weißer Pappe, ausgestanzt, zum Ausmalen. Später kann man die Teile mittels Musterbeutelklammern zu einer beweglichen Figur verbinden. Die Sache war mit ziemlicher Anstrengung verbunden. Es ist wirklich erstaunlich, dass sich durch Gesang eine greifbare Figur verwirklichen lässt.

Am Abend des gleichen Tages finde ich mich mitten in einer kleinen Musikveranstaltung wieder. Howard Carpendale – dem Aussehen nach einer Zeit vor dreißig Jahren entsprungen – singt in kleinem Rahmen vor ausgewähltem Publikum und ich stehe – keine Ahnung, wie es dazu gekommen ist – neben ihm. Er singt ein Liebeslied und da passt es, ein weibliches Gegenüber zur Verfügung zu haben, das man ansingen kann. Er legt dann auch seine Wange an die meine und singt schmachtend weiter. Das gefällt mir: Wärme, Nähe, Berührung – alles völlig unverbindlich. Das Spiel mache ich mit: schließe die Augen, lehne meinen Kopf zurück an seine Schulter und genieße das Liebevolle dieser Situation.

Stunden später. Inzwischen schwebte Jacquelines Geist vorüber – eine barfüßige Frau in rotem Gewand, wie dem Heiligenbild, aus einer Kapelle zur Erinnerung an vom Meer verschlungene Seefahrer, entsprungen. Natürlich kenne ich sie. Ihr Singsang schwebt mir entgegen: „Ich hatte deinen Geburtstag nicht vergessen. Du weißt, ich gratuliere nicht. Doch freue ich mich auf unseren gemeinsamen Nachmittag. Ich bringe eine Kleinigkeit zum Essen mit. Bis später.“ Dann schwebt sie hinfort. Na, ich hatte gar nicht mehr an sie gedacht.

Auf dem Weg wohin. Ein kleiner Zwischenraum mit kleinem Verkaufstresen, der immer nur dann geöffnet wird, wenn frische Ware geliefert wurde. Jetzt sitzen an dem Tisch in der Nische zwei Iranerinnen mit Kopftuch. Etwas bestürzt fragen sie mich, warum ich kein Kopftuch trage. „Ach, ich bin Deutsche. Mein Hintergrund ist ein anderer“ erkläre ich gleichmütig. Nach kurzem Besinnen aber füge ich an: „Für Sie wäre es wohl so, dass Sie sich ‘oben ohne’ nackt fühlten?“ — „Ja genau!“ sagt eine der beiden und schaut mich dankbar an.

Mit einem Male stürmen zwei Produktionsassistentinnen – ich scheine sie zu kennen – herein, packen mich an den Armen und ziehen mich mit. Die Veranstaltung mit Howard Carpendale beginnt bald und sie möchten gerne, dass ich wieder die stille Gesangspartnerin mache, die sich ansingen lässt. Na, das mache ich gerne! Man reicht mir im Gehen ein Glas Whiskey. Ich leere es in einem Zug und erwarte das Ausbreiten leicht kratziger Wärme in der Kehle. Das bleibt aus. Aha, das war Scotch. Von Bourbon hätte ich sicher mehr gehabt. Da reicht mir die andere Frau ein Glas mit Hochprozentigem – in der Wirkung wohl mit Strohrum vergleichbar. Das soll meine Anspannung lindern. Die andere, die mir den Whiskey gab, ist erschrocken, hat Bedenken und fürchtet, ich könne bei so viel Alkohol im nächsten Moment bewusstlos umfallen. Aber es ist zu spät, ich habe das Glas längst ausgetrunken. Das soll hochprozentig sein? Ich bin enttäuscht. Es schmeckt wie Maronenlikör – leicht samtige, gegen den Strich gebürstete Konsistenz, ohne jeglichem Alkoholgeschmack. Nix mit Wärme und roten Wangen. Angespannt bin ich eh nicht. Der stille Part fordert mir nichts ab. Ich spüre zunehmend Langeweile. Wenn ich noch länger warten muss, suche ich mir lieber eine andere Beschäftigung. Doch noch lockt die unverbindliche Wärme und Nähe des Schlagersängers.

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