Home » Traumtagebuch » Die Illusion

Die Illusion

Traum vom 30. Oktober 2010

Links von mir eine Melange aus Licht und Schatten. Rechts eine Leinwand auf der ein Film abgespielt wird. Ich stehe mit der rechten Körperseite zur Leinwand, stehe also im Schein, der von der Leinwand abstrahlt und sehe, wie dieser Schein den Übergang zwischen Realität und Illusion bildet. Der Übergang von der Realität zur Illusion ist leicht abfällig, was durch einen Kreislauf aus fließendem Licht, der sich über die Schwelle in Richtung Illusion bewegt, deutlich ins Auge tritt. So sehr ich auch schaue, um Klarheit bemüht bin, es ist keine klare Grenze zu erkennen; wohl auch deshalb, weil das Licht in ständigem Fluss ist. Links von mir ist nichts los. In der Leinwand – sie gleicht einer realistischen Landschaft – geht da schon mehr die Post ab. Auf einem weiten Gelände, das mit staubigem Sand bedeckt ist, nähert sich gerade eine animalisch anmutende Gestalt, die einem Star Wars Film entsprungen sein könnte. Seine raue Stimme, die in der Kehle wie Blut gurgelt. Er fletscht die Zähne, offenbart ein Tiergebiss und es fallen drohende Worte. Er imponiert mir in seiner Größe und Aufrichtigkeit. Doch ist er sicher nicht ungefährlich. Deshalb zögere ich, in das projizierte Geschehen einzutreten. Es wäre einfach, doch sorge ich mich wegen des damit einhergehenden Bewusstseinsverlusts und dem zu erwartenden Widerstand bei der Rückkehr in die Realität – der Lichtfluss strömt unablässig in Richtung Illusion – dass ich ins Straucheln käme und womöglich Mühe hätte, dort heraus zu kommen.

Mit dem weiteren Betrachten gelange ich dann doch hinüber. Es ist turbulent auf dem Platz. Schemenhafte Gestalten stürzen sich aufeinander und ringen; eine ständige Unruhe. Dazwischen entdecke ich einen kleinen dicken Mafioso – der wie Danny DeVito aussieht, was ich aber nicht bemerke. Ach wie drollig, man hat ihn sofort gern. Schon auch, weil er den Eindruck erweckt, vom Geschehen unbeeindruckt zu sein. Mit glänzenden Augen steht er da, reibt die Oberfläche eines Passbildes, auf das sein Blick fixiert ist, in schnellen Bewegungen auf seinem Kinn und ist völlig hingerissen von der damit einhergehenden Vorstellung, ein jeder Mensch würde seine Mitmenschen herzen und umarmen. Er ist so davon eingenommen, dass er die Unruhen um sich herum gar nicht wahrzunehmen scheint. Sein Blick bleibt beim Bild, ohne von einem Lidschlag unterbrochen zu werden. So auf dieses Bild fixiert, an dem er sich unablässig reibt, ist kein Raum für Vorstellungen die darüber hinaus gehen. Das, was er sieht, ist seine Wirklichkeit. Und in dieser Wirklichkeit ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch ihn jemand umarmen und herzen wird. Daran hat er keine Zweifel. Die Auseinandersetzungen werden wilder und so geschieht es, dass der kleine Mafioso davon mitgerissen und durch einen Arm, der zum Schlag ausholt, hoch in die Luft katapultiert wird. Er landet direkt in den Armen eines großen starken Mannes, der total verblüfft schaut, den kleinen Mann haltend, von der Wucht getroffen rücklings auf den Boden fällt. Der Mafioso liegt nun in seinen Armen, einem Neugeborenen gleich, auf seinem Bauch. Man sieht das große Glück, das ihn erfüllt, ein Jauchzen kommt aus tiefem Herzen. Es ist also wahr geworden. Er wird umarmt, gehalten, geherzt und geliebt! Er wusste, dass es so kommen würde. Erst jetzt bemerke ich den Mann, der an meiner rechten Seite steht. Er sagt: „Schau, er reibt unablässig das Bild an seinem Kinn.“

Ja, der Mafioso hat, während er völlig durchgewirbelt wurde, an seinem Bild festgehalten, es nie aus den Augen verloren. Zwar hatte ich das ja gesehen, aber als der Mann es so sachlich feststellt, da wird mir schlagartig klar: Das ist es! Auf diese Weise erschafft er sich seine Wirklichkeit, die allerdings nur so lange Bestand hat, wie er sich daran reibt. In dem Augenblick, wo er sich von seiner Fixierung löst, wird das ganze Geschehen von ihm fallen – wodurch auch er aus seiner gegenwärtigen Lage fällt – und er wird in der Realität landen. Allein dieser kurze Gedanke, er würde mit diesem Reiben am Bild aufhören, bewirkt eine tiefreichende Entspannung in mir. Der Mann könnte aufatmen, sich in aller Ruhe ganz neuen Dingen sich zuwenden, die er bisher gar nicht hatte sehen können. Auch war er ja in gewissem Ausmaß zur Passivität verdammt, da Aufmerksamkeit und Handeln stets auf das Bild gerichtet waren. Er könnte nun, von seiner Fixierung befreit, sein Leben endlich aktiv gestalten. Nein, die Illusion ist diese Anstrengung nicht wert! Alles fällt von mir ab. Alles löst sich auf. Keine Kontrahenten mehr, keine Tumulte und keine Unruhe, die Illusion löst sich auf und es kehrt visuelle Stille ein – etwas, das ich nicht erwartet hatte.