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Papier und Sturm

Traum vom 13. November 2010

Mitten in der Nacht komme ich zu mir – wie ein Aufwachen – und finde mich an einem recht vertrauten Ort aus der Vergangenheit (kenne ich real nicht). Es ist stockfinster. Nur ein Stück mondhellen Himmels, das scherenschnittartig von der großen Kapelle zur linken und dem alten Baum zur rechten Seite gerahmt wird, lässt den Ort erkennen. Langsam lasse ich mich mit dem Rad vor das kleine Geländer zwischen Kapelle und Baum rollen. Ohne vom Sattel zu steigen, lasse ich das Rad nach rechts neigen, so dass ich am Geländer lehne, den rechten Unterarm abgelegt. Von hier oben hat man eine herrliche Aussicht über die ganze Stadt. Es ist lange her, dass ich hier war… – ein Gefühl, wie an der Scheune in Worpswede. Mich mitten in der Nacht hier draußen auf dem kleinen Platz an der Kapelle vorzufinden, lässt mich angenehm schaudern. Seitdem ich aufgewacht bin, rede ich innerlich sehr laut auf mich ein. So als müsse ich mich beschwichtigen, mir erklären – so als sei ich jemand anders, vor dem ich mich rechtfertigen müsste – warum ich zu dieser späten Stunde an diesem verlassen Ort herumlungere. Ich kann kaum nachdenken, so laut ist die innere Stimme, die gar nicht zu bemerken scheint, dass sie mit mir spricht; nur mit mir und niemandem anders.

Bald setze ich meinen Weg fort. Er führt einen breiten unbefestigten Weg entlang, durch weites Land, das mich an Arizona denken lässt, obwohl ich nie dort war. Es ist Mittagszeit; man sieht keine Schatten, der Himmel ist stählern blau und doch wie von unsichtbarem Gespinst durchwirkt. Das Land rundum eine ausgedörrte Grasfläche. Der Fahrweg mit weichem Sand gefüllt. Ich gehe und gehe in Richtung einer größeren Stadt. Dort will ich ein paar freie Stunden nutzen, mich in Papiergeschäften umzuschauen, welche Papiersorten es gibt und was man alles daraus machen kann, wenn man alles in Stücke schneidet, bedruckt und neu zusammensetzt. Ich kenne die Scrapbooking-Abteilungen und erwarte dort nichts, das ich kaufen wollte. Aber ich erhoffe mir Inspiration von dem Sortiment, da ich dort herausfände, was mir nicht gefällt, was ich anders machen würde, weil mir die Massenware nicht gefällt. Die Sache mit dem Papier beschäftigt mich. Auch die Frage, wie man Papier auf Holzstücke länger haltbar kleben kann, Stelle mir vor, wie ich verschiedene Papierabschnitte färbe, reiße und anordne. Welche Papiersorten ich nähme – wohl eher raue, rissige, die lebendig wirken. Ja, ich hoffe, ich sehe etwas, das mich weiterbringt. Nebenher überlege ich, ob ich für diesen kleinen Ausflug lieber die luftige weiße Sommerhose oder die schwarze Haremshose anziehen sollte. Ich kann mich einfach nicht entscheiden!

So in Gedanken bemerke ich die kleine Stadt mitten in der Wüstenei erst, als mich die Bedienung – übrigens, blond, jung und hübsch – eines Straßencafés voller Sorge anspricht: „Sie wissen, für heute Mittag wurden Unwetter vorhergesagt?!“ Drei runde Tischchen stehen am Wegesrand. An jedem sitzt ein Mann; diese sitzen so unbeteiligt und reglos, dass die ganze Hintergrundszenerie wie ein angehaltener Film wirkt. Ja, ich erinnere mich, dass es Sturmwarnungen gab. Außerdem sehe ich dort fern am Horizont die tief hängende Decke quellender weißer Wolken mit leicht gelblich gewölktem Bauch, die in behäbigem Tempo auf uns zu kommt. Ja, genau dorthin muss ich! Das ist doch okay – ich mag Stürme! Natürlich nur, wenn ich nicht wirklich in Gefahr dadurch gerate. Ich werde meinen Weg also fortsetzen!

Ich kehre um, gehe den Weg zurück, den ich kam. Erst jetzt – mit der Sturmfront im Rücken, und während ich mein Vorhaben aufgebe, ohne dass es mir bewusst würde – bemerke ich die fast unerträgliche Hitze. Ungewöhnliche Temperaturen für einen Tag mitten im November. Angekündigt waren für heute 17°C – doch ist es tatsächlich weit über dreißig Grad heiß. Fast unerträglich. Langsam mache ich mir wirklich Sorgen. Was wird nur aus unserem Erdball werden, wenn diese Temperaturen tatsächlich die Anzeichen eines drastischen Klimawandels sind? In all diesen Gedanken verloren wie in dem weiten Land, gehe ich Schritt um Schritt weiter nach vorn zurück.