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Das alte Buch von 1850

Traum vom 07.05.2005 – 7:25 h


Ich bin nach langer Zeit – nach einer Zeit, da die Vergangenheit wieder diesen Zeitpunkt erreicht – bei meiner Tante in der Küche zu Besuch. Dort wird davon gesprochen, dass sie das alte Buch liest. Oh, wenn das alte Buch schon einmal da ist, dann will ich es auch einmal lesen! Von der Paula, einer jungen Frau, wurde es um 1850 geschrieben. Ich gehe in die Strickerei, um es mir anzusehen. Dort liegt das Buch aufgeschlagen auf dem Tisch:

Es hat Kirchenbuchformat und ist mit einem dicken einfachen Pappeinband gebunden, das mit blauer Farbe getränkt wurde. Drinnen graue kräftige Seiten mit teils sichtbaren Holzfasern. Ich blättere die Seiten durch… sie sind gleichmäßig beschrieben. Allerdings in einer bemerkenswerten Art und Weise, die mein Staunen und Interesse erweckt. Jede der Seiten ist in drei mal drei Quadrate aufgeteilt, die während des Schreibens entstanden sein dürften. Die Schnittstellen der Felder sind handgemalte silberne Kreise, die mit handgemalten kupferfarbenen Doppellinien verbunden sind. Die so entstandenen Quadrate sind mit türkisblauer Handschrift gefüllt. Ich sehe Notizen, die in Abkürzungen vorgenommen wurden und vermutlich nur von der Schreiberin selbst zu entziffern waren. Dazwischen auch eigens dafür kreierte Symbole und offenbar auch astrologische Symbolzeichen, denn auf den Seiten, die ich jetzt betrachte, sehe ich in jedem der Felder das Zwillinge-Symbol auftauchen. Die junge Frau notierte jeden Tag ihre Aufträge und Arbeiten darin; und zwar das, was für sie persönlich von Bedeutung war – neun Tage auf jeder Seite. Wenn ich es auch nicht lesen kann, so bin ich fasziniert von der Schreibform. Und auch davon, wie sie über einen langen Zeitraum sorgsam ihre Einträge vornahm, und immer dem gleichen Muster folgend, es stetig mit den Aufgaben fortführend. Der vertraute Rahmen war so immer gegeben, den sie dann mit den täglichen Erfahrungen füllte. Wenn ich mit etwas Abstand schaue, dann schauen die Seiten wie ein Webmuster mit orientalischen Ornamenten aus. Seite um Seite… Teil eines jungen Lebens…

Auf einer der hintersten Buchseiten hat sie in der unteren Hälfte vier silbern glänzende, quadratische Beutelchen aufgeklebt, in denen die Farbpigmente für ihre Malerei enthalten sind. Zur Erinnerung wählte sie die Farbschattierungen des Roten. Die Farbtütchen sind mit Heuerntenrot, Herbstrot, Kardinalrot und Violettrot benannt. Darüber hat sie jeweils notiert, wie sie die jeweiligen Farben anteilig mischte und herstellte. Auf diese beeindruckte Weise hat sie eine Phase ihres künstlerischen Schaffens erhalten, und so lässt sich heute ein Eindruck gewinnen, in welcher Weise sie arbeitete und wo ihre Schwerpunkte lagen. Mich berührt das sehr – es ist etwas Wertvolles und Wundervolles.

Ob meine Tante die Schrift lesen kann? Ich lasse die Seiten nochmals durch meine Finger gleiten, und schlage die letzte Seite auf. Da sehe ich etwas ziemlich Skurriles. Sie schreibt dazu: Ich mache jetzt etwas Ungewöhnliches, aber ich möchte es probieren!“ Auf dem inneren Buchdeckel hat sie mit kurzen dunklen Metallstiften einige Wurstscheiben fächerartig untereinander geheftet. Die Wurstscheiben schauen alt und ausgedörrt aus. Erstaunlich, dass diese Wurst nicht vergammelt ist, und dass es keine Fettflecken im Buch gibt. Vermutlich kam genug Luft ran, so dass es austrocknete, ehe es vergammeln konnte. Ich rieche vorsichtig daran… es stinkt tatsächlich nicht. Es ist toll erhalten, und vermittelt einen lebendigen beispielhaften Einblick, welche Nahrungsmittel es zu jener Zeit gab. Fast so, als dürfe man einen kleinen Blick in die Speisekammer erhaschen.

… ich sehe eine große orangerote Sonne am fernen Horizont ganz langsam untergehen, der Himmel färbt sich golden… Es ist die Zeit des Sonnenuntergangs…

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