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Via Regia

Traum vom 05.10.2005

In einem kleinen Sparkassen-Raum. Ein Mann hat hier ein paar Kunden in seiner Gewalt. Er will das Geld an sich nehmen, und braucht – um das durchzudrücken – ein paar Geiseln. In Großaufnahme vor mir ein Mann, wie mit dem Rücken an der Wand sitzend. Mit ernstem unbewegtem Blick schaut er mir in die Augen. Ihm wird die Pistole an die Brust gesetzt – unter seinem rechten Schlüsselbein. Oder ist es anders, und dieser Mann drückt mir die Pistole an die Brust? Oder bin ich es, die dem Mann die Pistole an die Brust setzt? Ganz egal, die Situation ist auf alle Fälle sehr beunruhigend, und mehr und mehr beängstigend.

Mit Mike im Auto unterwegs. Frühe Morgenstunde, in erhellter Dunkelheit, unbekanntes Gebiet – sanft geschwungenes, süddeutsches Bergland. Wir sind nun an einen Punkt angekommen, wo sich die Straße teilt. Dieses Gebiet wirkt – obwohl es unter freiem Himmel in freier Landschaft liegt – wie ein unterirdischer Bereich, der räumlich begrenzt ist. Und zwar vor uns in der Ferne durch den schattenhaften Saum einer Reihe von hohen alten Nadelbäumen, der sich am blauen Nachthimmel abzeichnet. Rechts von uns durch das Gemäuer eines alten Ziegelsteingebäudes. Links durch etwas, das sich nicht erfassen und erkennen lässt. Letztlich aber durch einen Hang am linken Rand der links gelegenen Straße. Wir halten am linken Rand der mittleren Straße um zu überlegen, wo wir weiterfahren werden.

Ich sehe – sehr vage und nur aus dem Blickwinkel – dass die Straße links auf dem weiträumigen Hof eines alten Gebäudes mündet. Vielleicht eine große Schachtschleuse oder ein altes Bahnhofsgebäude, das direkt am See liegt, und teils auch im See gründet. Dort wären wir dann schon am Ziel des rechten Weges angekommen – weiter kämen wir dort allerdings nicht.

Der mittlere Weg – er ist aus handgeschlagenen alten Steinquadern gelegt – führt direkt in den See hinein… und vielleicht durch diesen hindurch?

Der linke Weg ist eine Bundes- oder Landstraße, die uns an einen ganz anderen Ort bringen wird, der einige Kilometer entfernt liegt. Wenn wir dieser Straße folgen, dann kommen wir nicht dorthin, wo wir hinwollen.

Mitten drin der große See… die Wasseroberfläche still flüsternd und dunkel wie die Nacht. Mike beharrt darauf, uns diesen Ort hier anzuschauen, auch wenn es etwas kniffeliger ist, und wir nach und nach den weiteren Weg erkunden müssen. So betrachten wir den mittleren Weg nun genauer. Der aus Steinen verlegte alte Fahrweg führt direkt in den See hinein und ist nach wenigen Metern unter der Wasseroberfläche verschwunden. Vielleicht kämen wir da gar nicht weit? Es kommt ein Regionalbus. Ganz selbstverständlich fährt er diesen Weg entlang, unbeirrt in den See. Auch dort, wo das Wasser den Fahrweg schon überspült, fährt er sicher weiter, immer weiter und durch den See. Wirklich? Kann ich meinen Augen wirklich trauen? Ein Lastwagen folgt, fährt ebenfalls den Weg entlang in Richtung See. Die Fahrbahnbreite reicht gerade aus, dass der Lastwagen darauf fahren kann. Zielstrebig und sicher fährt der Lkw. Und es hat den Anschein, dass der Weg für Einheimische ein selbstverständlicher und bekannter Weg ist. Es wundert mich immer noch etwas, und ich kann immer noch nicht glauben, dass es einen Weg durch den See gibt, auf dem kein Untergang droht. Aber kurz darauf kommt bereits ein weiterer Lastwagen und nimmt diesen Weg in die See. Es ist zu sehen, dass man bei der Fahrt keine Unsicherheit zeigen darf und sich konzentrieren muss, aber ansonsten ist es offenbar ein recht ungefährlicher Weg. Und es wird auch immer klarer, dass dieser Weg in die See, gleichzeitig der Weg ist, der uns dorthin führt, wo wir so gerne hinwollen. Also, dann fahren wir doch auch hier entlang!

An der Rückwand – hinter uns, lautlos herbeigekommen – steht breitbeinig ein Mann. Schweigend, die Hände hinter dem Rücken, und mit unbeeindruckter Miene, väterlich und streng wirkend, konventionell gekleidet, meine Größe. Ein Schrecken durchfährt mich, da ich sein Kommen nicht bemerkte. Sein Blick hält mich fest… Er ist von der Polizei. Es geht um die Sache mit dem Überfall, um den Mann mit der Pistole. Dazu hat er ein paar Fragen an mich…. Sein Blick ist musternd und eindringlich, so als wolle er mich einerseits durchschauen, mich andererseits aber auch auf subtile Weise davon abhalten misstrauisch zu werden. Ich spüre Misstrauen, denn vielleicht ist er gar kein Polizist, sondern womöglich ein direkter Komplize des gefährlichen Mannes?!? Wie auch immer, ich darf mir meine Zweifel nicht anmerken lassen. Ich kann seine Fragen nicht beantworten! „Ich muss erst einmal etwas nachschauen! Bin gleich wieder da!“, sage ich zu dem Mann, laufe schnell los und um die Rückwand herum hinaus.

Gleich darauf gelange ich auf das große Flachdach eines Gebäudes. Es ist dunkel, wahrscheinlich früher Morgen. Am Ende des Flachdaches, auf der rechten Seite, der Mannschaftswagen der Polizei – ein älteres VW-Modell, wie ich vorne am Emblem erkenne. Die Innenbeleuchtung im VW-Bus ist eingeschaltet und ich sehe mindestens zwei Polizei-Beamte darinnen, die sehr beschäftigt sind. Die Funkgeräte knacken – Stimmen, die vom typischen Rauschen untermalt sind, und wieder das Knacken in der Nacht. Die Meldungen kommen aus einem Gebäude, das sich links in diesem Gebiet befindet. Aha, also ein Einsatz! Vermutlich wurde der gefährliche Mann dort in dem Gebäude festgenommen und wird nun mit zur Wache geführt. Ich gehe nicht weiter dorthin, da es sich um einen abgesicherten Bereich handelt, wo die Polizei ihren Ermittlungen nachgeht. Andererseits fühle ich mich auch immer noch nicht ganz in Sicherheit. Schließlich weiß ich nicht wirklich, ob es dort um diesen gefährlichen Mann geht. Bin aber froh, dass es nun bald ein Ende findet.

Immerhin ist nun klar geworden, dass es sich bei dem Mann – der mir die Fragen stellte – um einen Polizeibeamten handelt. Ich bin erleichtert und mache mich auf dem Weg zu ihm. Als ich umkehre, fällt mir ein Meridian-Heft zu. Es ist eine Ausgabe von etwas kleinerem Format als üblich. Da dadurch die darin enthaltenen Fotoaufnahmen von größerer Schärfe sind – sie sind nicht mehr so grobkörnig – gefällt mir das sehr und ich bin zufrieden, dass das möglich gemacht wurde. So kann ich alles recht deutlich anhand dieser Zeitschrift aufzeigen. Und dadurch wird alles nachvollziehbarer. Leute, die von dem Gebäude dort hinten kommen, holen mich ein. Erzählen mir von einer weiteren versuchten Geiselnahme. Aber auch, dass nun alles vorüber sei.

Ich mache mich auf den Weg zurück in den vorherigen Bereich. Inzwischen hat sich dort eine Reihe von Wartenden gebildet, die offenbar ebenfalls durch den See wollen. Ein Bekannter mit seinen Kindern und ein weiterer Mann meines Alters, der seine Tochter dabei hat, sind auch dabei. Der Mann geht nackt den mittleren Weg entlang. Und dort, wo der Fahrweg von etwas Wasser überspült wird, legt er sich längs hin. Mir gefällt es, dass er sich das traut.

Ich geselle mich dann zu den Wartenden. Während des Wartens erzähle ich den Bekannten von dem, was ich gerade erlebte. Aber es ist mir nicht möglich, den anderen gegenüber ganz konkret zu werden. Die Stimme versagt mir immer wieder, und ein Kloß im Hals behindert den Ausdruck. So ist es mehr ein Gestammel, von verschluckten ungeweinten Tränen begleitet. Einige hören mir beiläufig und mit nur mässigem Interesse zu. Jemand sagt, es sei alles nicht zu verstehen, und überhaupt nicht nachvollziehbar, wenn ich mich so unklar ausdrücke!

Dann stehe ich ein wenig abseits der Wartenden – nicht mehr auf der Wartespur vor dem Eintrittsrondell. Ich fühle mich unförmig und unattraktiv. Da kommt der junge nackte Mann zu mir, nimmt mich liebevoll in die Arme. Und wir liegen dann umschlungen am Rande der Seestraße. Wir streicheln uns zärtlich und ich genieße seine Wärme und liebevolle Zuneigung. Leise flüstert er mir ins Ohr, dass es doch gar nicht auf die Form ankomme, sondern vielmehr auf das, was ich zu geben habe! Und das sei sehr viel! Ich überlege kurz… Mütterlichkeit? Habe ich das zu geben? Ist so was wünschenswert? Ihm ist es keine Rede wert – er liebt mich einfach so.

In dem Eingangsrondell, das sich mitten auf der Straße zum See befindet, sitzt Keno und verwaltet alles. Am Rande bekam er mit, dass ich von der ganzen Sache mit dem gefährlichen Mann erzählte. Freundlich, aber kurz angebunden sagt er mir, dass er keine Lust habe, all dem zuzuhören. Entweder ich erzähle die Geiselnahme genau und detailliert, oder ich lasse es ganz sein! Er hat ja Recht! Aber wieder versagt es mir die Stimme. Und ich erkläre dann einem Mann – wahrscheinlich dem Polizeibeamten von vorhin – wie schwierig es doch sei, alles auszusprechen, solange noch die diesbezügliche Angst in mir steckt!! Und all die unverarbeiteten Gefühle dazu! Ich sage zu dem Mann, dass es schließlich ein Unterschied sei, ob einem jemand die Pistole an die Brust setzt, oder einfach nur eine Maccharoni in den Körper drückt. In mir spüre ich dräuende Verzweiflung, Schmerz, Hilflosigkeit und Schrecken, was ich nicht herauszulassen vermag.

Dann stehe ich auf der anderen Seite des Rondells, habe den Eingangsbereich inzwischen passiert und befinde mich nun innerhalb der Region. Vor mir – der Seeweg führt von diesem Standpunkt aus nach rechts zum See – sehe ich eine Treppe, die nach unten führt. Es erinnert an ein Kino, und dort unten ist womöglich ein Vorführsaal. Eine junge Frau – ähnlich wie Ulla Birnwasser – geht direkt zur Treppe hinunter, während sie lächelnd ein paar Worte zu mir sagt. Sie meint, bald beginne eine Vorführung. Die unterirdischen Räume wurden restauriert, und die Architektur sei sehenswert! Die Ecken der Wände sind alle gerundet, die Handläufe aus altem dunklem Holz vom vielen Benutzen ganz glatt. Die Wände hat Keno alle in dem Gelb streichen lassen, wie im Hauptraum des Kaffee Verrückt. Der Teppichboden ist waldgrün und wirkt sehr angenehm und zum Gelb harmonisch kontrastreich. Es wirkt ansprechend und durchdacht. Hier also findet das Kreative und Individuelle seinen harmonischen Ausdruck. Es fühlt sich vertraut an. Mir geht es hier gut.

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