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Januskopf

Traum vom 12. September 2009

In mein Kindheitszimmer versetzt. Oh, das Fenster zur Straße zeigt sich ja total verändert! Ich trete näher, stecke meinen Kopf in den neu errichteten dreieckigen Erker. Er reicht ziemlich weit. Die Wände sind mit dunkelgrauem Putz überzogen. Beim Betasten rieselt der lose Teil der Oberfläche hinab. Aha, soweit war der Ältere also noch nicht gekommen. Etwas peinlich berührt überlege ich, dass der Ältere von diesem Erkerbau sicherlich etwas erzählt hatte. Ich habe nie nach dem Fortschritt gefragt, weil es mir entfallen war. Erstaunlich… das alte Fenster war doch völlig in Ordnung. Ich kann mir diesen Aufwand gar nicht erklären. Ich strecke mich weiter hinein, die Fensterbank reicht ungewöhnlich weit vor. Mit dem Oberkörper darin liegend, gewinne ich nun endlich einen Ausblick und beginne zu ahnen…

Kaffee Worpswede 5 Der Nachbar hat sein Haus um einen großen Anbau erweitert – für seine inzwischen erwachsenen Kinder. Zur linken Seite verwehrt nun eine mindestens drei Stockwerk hohe Wand – übrigens mit hübschen Schieferplatten bedeckt – die Sicht. Zwischen diesem Anbau und dem alten Haus wurde eine langer, bogenförmiger Balkon als Verbindungsstück geschaffen – ein expressionistisches Mauerwerk wie von Bernhard Hoetger. Die Pfeiler des Balkongeländers erinnern an das Kaffee Verrückt. Ein so wundersamer Anblick… die Feuchte eines ergiebigen Regens hängt noch in der Luft, die violettblauen Wolken niedrig, das dunkle Grün eines alten Baumbestandes… Da, eine Skulptur ziert den Balkon! Das ist ja ein Ding, sieht fast aus wie der Hexenkopf am Kaffee Verrückt. Aber ich sah derlei Skulpturen an Balkonen inzwischen häufiger – scheint im Trend zu liegen? Inzwischen sehe ich es viel schärfer, erkenne es genauer: ein Januskopf. Zwei Gesichter – ziemlich rund, durch ein breites Buddhagrinsen zu einem länglichen Oval gestreckt… Hey, die sehen ja aus wie dieser Erdmänner aus Ton. Beachtliches Kunsthandwerk. Dieses Doppelgesicht strahlt immense Energie aus, so als sei es beseelt. Es ist wie ein Blick in eine andere Welt…

Ich lasse mich rückwärts in das Kindheitszimmer gleiten. Das Erkerfenster weist eine solche Länge auf, dass ich an einen kleinen Tunnel denken muss. Wirklich ungewöhnlich.

Blick auf das Fenster, die Dreiecksform, diese Länge… ich beginne zu verstehen… Dort draußen erleben die Älteren die Aussicht als verbaut. Doch ehe sie sich lange darüber ärgern, haben sie sich diesen dreieckigen Erker errichtet, der nun fast gar keinen Blick hinaus gewährt. Es ist ihnen sehr recht so – lieber schauen sie auf den schönen neuen Erker, den sie selbst errichtet haben, als auf den Bau des Nachbarn.

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