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Versuchsbeziehung

Traum:
In der Anna-Küche am Küchentisch. Ich sitze am Kopfende; Fenster im Rücken, nach vorn gekippter Rasierspiegel an der gegenüberliegenden Wand. Der Bibliothekar sitzt links an der Längsseite auf dem Altpapierstuhl.

Aus übergeordneten Gründen sollen der Bibliothekar und ich für einen gewissen Zeitraum ein Paar werden. Weder er noch ich hatten so etwas beabsichtigt, aber nun ist es so. Diese Versuchsbeziehung soll allen Klarheit verschaffen. Es geht nicht darum herauszufinden, ob wir zusammenpassen, sondern die Frage ist: wie kommen wir miteinander klar, wie gehen wir miteinander um, wie lösen wir Probleme? Wie fühlt sich das für uns an?

Ich empfinde seine Gegenwart als äußerst angenehm. Er wirkt aufrichtig und strahlt spürbare Wärme aus. Andererseits spüre ich deutlich, dass er sich auf Distanz hält. Seine Aufmerksamkeit richtet sich nicht auf mich, er schaut mich nicht an. Aber ist ja klar, schließlich hat er sich diese Situation nicht freiwillig ausgesucht. Ich würde ihn gerne berühren. Vielleicht ganz vorsichtig meine Hand auf die seine legen. Inzwischen spüre ich seine Unruhe. Zu lange sind wir hier schon zusammen am Tisch. Es wird ihm zu viel. Mit beruhigender Stimme erinnere ich ihn: „Wir sehen uns ja nur phasenweise. Unsere Wege trennen sich gleich für einige Zeit.“ Wir brauchen beide viel Zeit um unseren Pflichten nachzukommen. Außerdem ist uns der persönliche Freiraum wichtig.

Wie er da so sitzt… er strahlt etwas aus, das ich nicht beschreiben kann. Während ich dem nachspüre, legt sich ein Lächeln in mein Gesicht und Verständnis für sein Bedürfnis nach Unabhängigkeit. Ja, es ist, als sei er mir ein lieber Bruder.

Dann trennen sich unsere Wege.

Einige Zeit später. In einem Nebenraum sind einige (un)bekannte Frauen dabei, sich zum Fasching zu verkleiden. Auch ich suche in der Klamottenkiste nach einem Kostüm. Im Gegensatz zu meiner alten Heimat wird in dieser Gegend ja Fasching gefeiert. Um den Bibliothekar nicht zu enttäuschen, will ich mich ein wenig kostümieren, ohne mich zu sehr zu verkleiden, da mir das nicht liegt. Schließlich möchte ich mich noch wohlfühlen. Eine rot-weiß gestreifte Satinhose, von den Knien abwärts weit ausgestellt und mit einer Klöppelspitze gesäumt… die ziehe ich über. Das gefällt mir nicht. Vielleicht doch nur ein fröhliches Oberteil zu meiner schwarzen Hose? Ach nein, das ist zu bunt, zu auffällig. Lieber trage ich meine eigenen Sachen. Ich probiere ein paar lustige Clownsschuhe an…. Nein, das ist nicht das richtige. Angelika O. reicht mir ein Paar Gabor Damenschuhe aus braunem Leder. Uh, die sehen aber fraulich aus! Ein Blick in die Schuhe hinein und ich entdecke, dass diese mit Zeitungspapier ausgelegt sind. Und vorn an den Schuhspitzen stecken noch zusammengerollte Nylonsöckchen, gebraucht. Ziemlich unappetitlich. Mit spitzen Fingern ziehe ich diese heraus und stecke meine Füße hinein. Unbehagen! Nein, es ist nichts für mich. Blöd nur, weil der Bibliothekar gleich kommt; da wollte ich fertig sein.

Da ist er schon! Er strahlt Zufriedenheit aus. Seinetwegen brauche ich mich nicht zu verkleiden, und schon gar nicht soll ich in die Fußstapfen anderer treten. Seiner Ansicht nach soll ich ganz unverstellt ich sein. Wieder strömt diese Wärme und Ruhe von ihm aus. Seine Erwartungslosigkeit erlebe ich als sehr angenehm. Ganz klar: er strebt ja keine Beziehung mit mir an. Deshalb ist es ihm auch egal, wie ich bin. Sehr entspannend für mich, da ich so auch nicht den Eindruck habe, mehr scheinen zu müssen, als ich wirklich bin. Er sieht mich eh nicht. Irgendwann geht wieder diese innere Unruhe von ihm aus…

Als wir uns zum dritten Mal begegnen, gibt es eine gewisse Vertrautheit zwischen uns. Wir wissen ja, dass keiner den anderen einengt. Es ist eine angenehme Nähe entstanden. Gleichzeitig ist die Distanz zwischen uns spürbar – er hat mir kein einziges Mal in die Augen geschaut. Nicht deswegen, weil er dem ausweichen wollte, sondern ganz einfach, weil er sich nicht für mich interessiert. Das gefällt mir; ich spüre unsere Verbundenheit.

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