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Zeitreise – 1938

Traum:
Mit dem Zug unterwegs. Haltestelle. Etwas Gedränge und ich bin raus. Wir halten in der Vergangenheit.

Ich laufe durch Worpswede, den Bürgersteig entlang in Richtung Melloh. Etwas Schnee liegt; weißer Schnee. Während ich so laufe, wird mir mit einem Male bewusst: Ich laufe so leicht wie ein Kind! Ein tiefes Glücksgefühl erfüllt mich, als mir bewusst wird, dass ich diese Schwerelosigkeit noch einmal erleben darf.

Vor dem Fotoshop bei Melloh steht ein Mann. Offenbar sind wir verabredet. Er liest die aktuelle Zeitung. Sie ist aus dem Jahr 1938. 1938 – da gab es mich ja noch gar nicht! Da sind wir mit der Reise wohl etwas über das Ziel hinausgeschossen, denke ich zu dem Mann hin. Ich finde das jedenfalls sehr spannend und bin neugierig, was ich sehen werde, wenn wir erst einmal das Jahr 1961 überschritten haben. Ein Weilchen ist es ja noch hin.

Perspektivenwechsel um 180° – Grasdorf; Böhmers. Auf dem Hof. Blick zur Straße. Von dort aus blicke ich auf den Parkplatz bei Melloh. Einige gelbe und blaue Kunstoffcontainer in Iglu-Form stehen dort. Es sind Wohnsilos, wirken aus 70er-Jahre-Sicht geradezu futuristisch. Die finde ich echt cool. Der Mann an meiner Seite macht mich leicht entsetzt auf etwas aufmerksam: „Es leben Menschen darin!!“ Offenbar sind dort Asylanten notdürftig untergebracht. „Ja, das Menschen darin leben müssen, finde ich natürlich nicht so schön.“ Hm, es ist mir etwas peinlich, dass diese Tatsache nicht mehr in Erinnerung war.

„Sonderbar, wie sich alles mischt…“ teile ich meine Wahrnehmungen mit dem Mann. An diesem Ort sehe ich nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart findet ihren selbstverständlichen Raum. Alles was bis zum Jahr 2009 errichtet und geschaffen wurde, ist präsent. Hier und da vielleicht gar nicht so leicht auseinander zu halten, an welchen Punkten die Vergangenheit in die Gegenwart projiziert wird; oder umgekehrt: die Gegenwart wird in die Vergangenheit projiziert. Das ist jedenfalls ziemlich spannend!

Wir betreten das alte verlassene Haus. Zwei weiße Hunde mit schwarzen Flecken stürzen auf mich zu. Nur ein kleiner Augenblick, dann erinnere ich mich: es sind Moppi und Purzel, die Hunde aus meiner Kindheit. Meine Güte, gleich beide auf einmal! Ja, mir fällt wieder ein, dass sie sich damals immer ganz bissig gebärdeten, ohne dass sie wirklich gebissen hätten. Ich schüttele sie ab – halb lachend, halb ängstlich. Da stürmt ein schwarzer Hund auf mich zu. Sein struppiges Fell ist ganz klebrig. Vermutlich Lymphflüssigkeit, die von einer unbehandelten Verletzung herrührt und die nun sein ganzes Fell wie von Zuckerwasser verklebt hat. Diesen Hund kenne ich aber nicht von früher! Sein linkes Auge ist ganz grau und trüb – Grauer Star. Immer wieder möchte er sich an meiner Kleidung scheuern, mir nahe sein. Doch ich möchte natürlich nicht, dass er klebrige Spuren auf meiner Kleidung hinterlässt. Allerdings spüre ich großes Mitleid. Mehr innerlich wehre ich ihn ab, dennoch vertreibe ich ihn damit. Er läuft hinaus. Der Mann an meiner Seite sagt etwas, das ausdrückt, ich könne doch mit diesem Ergebnis zufrieden sein. „Ja“ antworte ich „für diesen Augenblick. Aber ich kenne das. An dieser Stelle habe ich mich von ihm befreit, aber an anderer Stelle kommt er wieder ins Haus. Das Haus hat an drei Seiten eine Eingangstür; eine davon ist immer offen.“ Jedenfalls erlebte ich das mit Purzel und Moppi so.

Als ich das Haus verlasse, und den Grenzweg zwischen Elterngrundstück und Nachbarn entlang gehe, verfolgt mich der schwarze Hund wider Erwarten nicht. Anfangs mag ich nicht daran glauben, aber es ist so – der Hund taucht nicht mehr auf.

Weiter im Dorf. Wie an einem mir unbekannten Ausflugsziel. Nun muss ich warten, bis das Jahr meiner Geburt heranrückt. Das finde ich ziemlich langweilig; weiß nicht so recht, was ich bis dahin machen soll.

Da Vinci kommt. Mit ihm und einer Bekannten trete ich in eine kleine Jagdhütte am Waldrand ein. Es ist eine Spielhütte. Ein virtuelles Spiel steht zur Verfügung. Es zieht uns bald in seinen Bann; das heißt, wir stehen vor einem greifbaren Spielbrett und Da Vinci und die Bekannte beginnen voller Einsatz zu spielen. Sie kicken rote und grüne Plastiksteine im Dominoformat wie einen Puck über das Spielbrett. Ich versuche, die Regeln zu erfassen, doch mir erscheint das ziemlich ziellos. Nein, ich kann es nicht begreifen. Eine Spielregel ist nicht ersichtlich. So verlasse ich die Hütte wieder.

Draußen sagt ein Mann, ich solle mir doch „einen kleinen zwitschern.“ Tatsächlich ertönt die Stimme einer reifen Frau aus einer Bude, die um die Ecke steht. Mit rauer Stimme, die einen absichtlich wollüstigen Unterton hat, preist sie ihren bonbonsüßen Schaumwein – Märchensekt – an. Jeden, der oder die vorbei kommt, überhäuft sie mit anzüglichen Bemerkungen. Eine Stimme rät mir, das Angebot anzunehmen – um in Stimmung zu kommen, Freude am Leben zu haben, die Zunge zu lockern. Doch das widerstrebt mir zu sehr und ich wende mich ab.

So gelange ich in eine weitere Spielhütte und werde mit einem Flipper konfrontiert. Eine virtuelle Sache. Auch hier bleibt es nicht dabei und ich finde mich alsbald mitten im Flipperspiel wieder – stehe zwischen den Hebeln und zuckenden Scheiben. Stehe bald regelrecht unter Beschuss. Zwar nicht schmerzhaft, aber es geht mir alles viel zu schnell, so dass mein Verstand nicht mehr folgen kann. So verlasse ich nach einer Weile die Hütte und setze meinen Weg fort.

Dieser Weg führt zu einer Forschungsstation in einem Nationalpark, in einen Raum ohne Fenster. Völlig überraschend treffe ich hier auf meine alte Klassenkameradin Elke D. Offenbar ist die Zeit inzwischen deutlich voran geschritten, anders lässt sich die Gegenwart Elkes nicht erklären. Sie hat sich zu einer Geschäftsfrau entwickelt. Trägt ein schwarzes Kostüm, durch ihre blonden Haare wirkt sie frisch. Ihr Auftreten ist taff, aber doch von herzlicher Wärme getragen. Einer ihrer Kommilitonen weist gerade auf einige Bilder hin, die von ihm an eine der schwarz glänzenden Wände projiziert werden. Der Mann möchte den Unterschied zwischen analoger und digitaler Fotografie verdeutlichen. Dieser Unterschied ist gravierend! Das hätte ich echt nicht gedacht. Die Aufnahmen mit der Spiegelreflexkamera sind bemerkenswert klar, haben scharfe Kontraste und eine beeindruckende Farbtiefe. Auch Elke stimmt dieser Ansicht zu. Der Mann fordert Elke auf, doch ein Erinnerungsfoto zu machen, auf dem sie zu sehen ist. Sie ist einverstanden, nimmt mich an den Arm und zieht mich mit auf eine kleine Bank, wo wir nun gemeinsam mit einigen anderen sitzen. Wir setzen uns in Position. Als Elke plötzlich ihre Haltung entsprechend meiner ändert, bin ich kurz überrascht. Ein Blick nach links, dorthin wo sich mein Anblick auf der glänzend schwarzen Wand spiegelt, bringt eine Erklärung: Ganz entgegen meiner Erwartung sehe ich mich ziemlich attraktiv gespiegelt. Offenbar weiß ich mich sogar recht fotogen in Szene zu setzen. Mit schräg angewinkelten Beinen, das eine über das andere Bein geschlagen, sitze ich völlig korrekt in meinem schmalen schwarzen Rock und den eleganten Pumps. Ein Rest Unsicherheit bleibt, mischt sich unangenehm mit der positiven Überraschung.

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