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Traum: Luzide im Lokussitz

I Workshop

Eine Teilnehmerin des zurückliegenden Workshops packt ihre Sachen. Sie ist die Erste; mir scheint, sie hat es eilig wegen eines Termins. Im Vorübergehen erzählt sie mir, dass es von der Kursleiterin ein schönes Geschenk zum Abschied gab; ich würde sicherlich auch noch eines bekommen. Oh. Ich bin neugierig geworden.

Die kurz darauf folgende Begegnung mit der Kursleiterin – eine dunkelhaarige Animagestalt mit mondbleicher Haut – verläuft distanziert. Ein paar kühle Abschiedsworte… Kein Präsent! Und es macht ganz und gar nicht den Eindruck, als wenn sie es nur vergessen hätte. Da ein Geschenk angekündigt war, bin ich nun doch enttäuscht. Aber irgendwie ist es auch verständlich, dass ich keines bekommen habe. Die andere Frau hat in einem Zimmer übernachtet, das am Zimmer der Kursleiterin grenzte. Sie waren mehrfach miteinander ins Gespräch gekommen. Ich hatte am Workshop nur passiv teilgenommen – von meiner Seite kam gar nichts. So wundert es mich zwar nicht, es versetzt mir aber einen schmerzhaften Stich.

Okay, wie auch immer, ich muss jetzt meine Sachen packen. Auf einer langgestreckten Arbeitsfläche steht der große Karton, den ich eigens mitgebracht habe. Dummerweise hatte ich das während des Aufenthalts hier völlig vergessen. Der Karton ist offen. Ich blicke hinein und sehe viele kleine Schächtelchen, in denen ich die Sachen für die Familienmitglieder geordnet habe. Dinge, teils aus dem Keller, teils vom Dachboden, die ich schon lange mit mir rumschleppe. Jetzt ist es an der Zeit, mich davon zu trennen. Ein Schächtelchen enthält Erinnerungsstücke aus der Kindheit meines Sohnes. Ich möchte sicher sein, dass sie wirklich in seine Hände gelangen, deshalb soll er sie dieses Mal bekommen. In anderen Schachteln ist Bastel- und Handarbeitszubehör verwahrt. Inzwischen weiß ich sicher, dass ich das Handarbeiten nie wieder in einem solchen Umfang wieder aufnehmen werde, wie ich es in jungen Jahren tat. So soll es jemand bekommen, der etwas damit anfangen kann.

Leider bleibt nun keine Zeit mehr, alles persönlich zu verteilen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als es der nächsten Person zu erklären und darauf zu vertrauen, dass es so verteilt wird, wie ich es mir vorstelle. Eine Verwandte schaut mit in den großen Karton. Ich zeige Schächtelchen, die unterschiedliche Perlen zum Sticken beinhalten. Die Verwandte murmelt: „Oh, was für schöne Zuckerperlen für ein Backwerk!“ „Aber nein, das ist doch nicht zum Essen!“ Ach herjee, wenn das mal gut geht… Es macht mich sehr traurig, dass ich es versäumte, dies in Ruhe abzuwickeln.

Mit einem Male spüre ich heftigen Harndrang, trete ins Bad der Älteren und treffe dort auf Mike. Ja Mensch, wo ist denn bloß das Toilettenbecken geblieben? Verwundert suchen meine Augen den Raum ab. Kaum zu glauben, aber offenbar wurde das Toilettenbecken durch ein Waschbecken erstetzt. Mike wird langsam ungeduldig, weil ich mich immer noch nicht erleichtert habe. Aber wie soll ich das denn machen? Er wird ja wohl nicht erwarten, dass ich auf das Waschbecken ausweiche?! Es muss eine andere Möglichkeit geben!

Also, hinaus aus dem Bad, zurück in die Seminarräume vom Beginn. Neben dem Zimmer der Kursleiterin entdecke ich eine Toilette. Ich öffne die Tür und sehe die Kursleiterin dort. Sie sitzt im Lotossitz auf der Klobrille, pinkelt und liest in einem spirituellen Magazin. Voll herzlicher Anerkennung sage ich zu ihr: „Oh wow, Sie machen das genau richtig!“ Sie blickt auf, ihr Blick bleibt abweisend und kühl wie zuvor, sagt kein Wort und wendet sich wieder dem Magazin zu. Schade. Ich wende mich zum Gehen ab.

II Bux und Schein

Daraufhin durchquere ich eine größere Anzahl an Räumen, die alle in diesem Gebäude liegen. Dabei gelange ich mehr und mehr in den Außenbereich. Hier, dieser Raum, führt tatsächlich direkt hinaus; die vierte Wand wurde nicht errichtet. Noch unter dem Dach ein etwas längerer Tisch, um dem sich ein Teil des Volkes versammelt hat und wie gefesselt ein Geschehen verfolgt, das für Spannung und Unruhe sorgt. Es dauert, bis ich erkennen kann, worum es überhaupt geht. Als ich es endlich erfasst habe, schaue auch ich wie gebannt zu:

Zwei schlanke Männer. Einer der beiden in weißem Kittel; vielleicht ein medizinischer Wissenschaftler, sitzt auf einem Stuhl am Kopfende des Tisches. Der zweite Mann steht direkt neben ihm, wechselt immer wieder seine Position während des sehr lebendigen verbalen Schlagabtausches zwischen den beiden. Dieser Mann, der von einer Seite zur anderen springt… ja hey, das ist ja Bux!! Das ich ihn nicht eher erkannt habe! Nun wundert mich nichts mehr! Natürlich, der Mann im weißen Kittel ist Dr. Schein! Die beiden geben hier ein feingeistiges, niveauvolles Schauspiel, das sich gewaschen hat; ein Schauspiel, das man vor allem erst einmal als solches durchschauen muss! Die versammelten Menschen halten es offenbar für eine ernste Angelegenheit. Hm, allerdings habe ich Dr. Schein ganz anders in Erinnerung. Seine Augenbrauen haben eine etwas andere Form, als die des Mannes im weißen Kittel. Diese sind gleichmäßig grau, die Härchen gleichmäßig lang und nicht eines tanzt aus der Reihe. Ich meine mich zu erinnern, dass Dr. Scheins Augenbrauen etwas unordentlicher wachsen. Doch ich mag mich täuschen. Allerdings sind bei diesem Mann hier die Nasolabialfalten viel weniger ausgeprägt, als ich dies bei Dr. Schein zu sehen meinte. Und erwähnte nicht Dr. Schein selbst, dass er Lefzen bekäme? Davon ist bei diesem Mann am Tisch nichts zu sehen. Hm hm hm… Entweder irre ich mich jetzt, oder ich habe mich damals geirrt, als ich meinte, Dr. Schein zu sehen. Bux sieht auch anders aus, als ich ihn kenne, doch das bemerke ich nicht. Das Gespräch der beiden Männer nimmt an Geschwindigkeit zu. Wahnsinn, eine echt tolle Vorstellung. Aber ich kenne das ja schon vom Lesen der Blogs, so dass ich meinen Weg nun fortsetze. Ich gehe hinaus, überquere einen Innenplatz und gelange in ein Nebengebäude.

III Wache oder träume ich?

Aaah, hier gibt es endlich die ersehnten Toilettenräume! Und nicht nur das, auch Dusche, Bade- und Umkleideräume! Oje, leider sind alle Toiletten belegt. Teils sogar zweckentfremdet, wie ich gerade sehe: eine Frau trocknet sich mit einem bunten Handtuch ab; ein Fuß hat sie auf dem Klodeckel abgestellt. Eine etwas streng wirkende Badefrau kommt in den halbdunklen Vorraum und fragt mich kühl, ob ich eine Massage oder ein Bad wünsche. „Nein danke.“ Ich will nur endlich pinkeln, nichts weiter. Ihr Gesicht bleibt verschlossen und unbewegt, als ich antworte. Fasziniert betrachte ich ihre Gesichtszüge… Ihre fleischigen Lippen weisen deutliche Konturen auf, ohne dass sie mit einem Lipliner nachgeholfen hätte. Die Farbe der Lippen ist kräftig und hat einen natürlichen dunklen Orangeton. Das Hautbild des Gesichts ist fein und straff, nur in den Augenwinkeln sind hauchzarte Fältchen. Ein echt besonderer Frauentyp und mit verhältnismäßig junger Haut für ihr fortgeschrittenes Alter.

Es ist doch wirklich erstaunlich, wie realistisch die Traumgestalten erscheinen. Sie sind aus Fleisch und Blut, wie die Menschen im Wachleben. Außerdem sind es Individuen, wie es sie im Wachleben nicht noch einmal geben wird. Und grenzt es nicht an ein Wunder, dass es keine Wiederholung einer Person gibt, wenn man bedenkt, dass es auch im Wachleben keinen Menschen ein zweites Mal gibt! Welch eine Vielfalt an Persönlichkeiten, wenn man Wach- und Traumleben zusammen nimmt. Ich staune über die Träume, als gewänne ich zum ersten Mal einen solchen Blick auf diese. Traumgestalten… greifbar, lebendig, wirklich… Traumräume… begehbare Weite und Tiefe. Träume… ein unendlicher Raum, der weiter reicht, als unser Erdball. Mir dämmert ganz langsam, dass ich träume. Oder anders formuliert: ich lasse es ganz ganz vorsichtig in mein Bewusstsein, dass ich träume. Ich will nämlich nicht aufwachen! Doch leider passiert mir das immer wieder, sobald ich merke, dass ich träume. Heute möchte ich, nach langer Zeit, mal die Gelegenheit nutzen und versuchen, im Traum zu bleiben. Wenn ich ganz zaghaft weitermache, wird es vielleicht was.

Mit langsamen Schritten passiere ich ein Drehkreuz und gelange in einen Veranstaltungsraum. Vor einigen wenigen Zuschauern findet auch gerade eine Vorführung statt:

Ein Braunbär mit Gummifell steht auf den Hinterbeinen. Neben ihm der Jäger, der ihn an der Leine hält. Witzig, was im Traum alles möglich ist. Ein Bär aus Fleisch und Blut und mit Gummifell wäre im Wachleben nicht zu denken. Hier aber ist es ganz selbstverständlich. Der Jäger, er trägt einen Tirolerhut mit Gamshaar, erzählt den Zuschauern dazu Kabarettistisches, während er den Bären vorführt. Es ist so bewegend, diesen Traum nun betreten zu haben. Es ist ja ein Traum, der sowieso abläuft, unabhängig davon, ob ich ihn betreten und gesehen habe, oder nicht. Es ist eine Möglichkeit von vielen, die das Traumreich bietet. Ich muss in diese Szene nicht hineingehen.

Ja, wenn ich schon mal luzide bin, dann will ich die Gelegenheit aber auch mal nutzen und ganz frei entscheiden, was ich als nächstes mache! Ich spüre stille Freude darüber, dass ich noch gut schlafe und träume, weit vom Aufwachen entfernt bin. Hm, was mache ich denn jetzt mal? So unvorbereitet stellt sich nicht gleich eine gute Idee ein, wie ich diese Chance nutzen könnte. Ah, da fällt mir doch was ein…: durch Wände gehen! Das liest man ja immer wieder, dass das in luziden Träumen geht. Außerdem habe ich das schon mehrfach gemacht, wenn auch weniger bewusst als heute. Aus dem Augenwinkel hatte ich auch schon etwas wahrgenommen, das ich mir mal näher anschauen kann. So wende ich mich nach rechts von dem Bären ab und gehe auf die schwarzen Fahrräder zu, derer an die zwanzig Stück hier geparkt sind. So, ich kann hier ja einfach weitergehen, durch die Fahrräder hindurch. Sie dürften für meinen Traumkörper kein Hindernis darstellen. RUMPS! Fast hätte ich alle Fahrräder umgestoßen. Am Hüftknochen spüre ich den Zusammenstoß mit dem Fahrradgestell. Hm?? Bin ich doch nicht luzide? Oder… träume ich womöglich gar nicht und das hier ist das Wachleben? Träume ich? Naja, ja! Aber wenn das nicht geht, dann träume ich wohl nicht?

Rasch aufgewacht.

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11 Antworten zu Traum: Luzide im Lokussitz

  1. REPLY:
    Danke Ihnen. Gute Nacht.

  2. zuckerwattewolkenmond

    Wände gehen wollte ich auch schon immer mal probieren. Leider denke ich immer zuerst ans Fliegen, wenn ich luzide bin, und das funktioniert auch. Ich glaube, das mit dem Wände durchqueren wäre bei mir wahrscheinlich ebenfalls nicht sehr erfolgreich, zumindest kann ich es mir nicht vorstellen. *gg*

  3. REPLY:
    Ich frage mich inzwischen, ob ich nur träumte, luzide zu sein! *lach*
    Das glaube ich zwar nicht, aber kann ich sicher sein? ;-)

  4. zuckerwattewolkenmond

    REPLY:
    daß es das gibt. Bei meinen Träumen ist es auch manchmal so, daß der Geist mehr ein bestimmtes Muster abspult, in welchem die Frage ob Traum oder nicht vorkommt, ohne daß es zu “richtiger” Bewußtheit kommt, bzw. sich so eine Art Mimikry abspielt. Oder wie es heißt, der Geist ist raffiniert, wenn es darum geht, etwas vorzugaukeln. Ist aber wirklich schwierig, das dann auseinanderzuhalten.

  5. Hallo. Darf ich mal nachfragen? Was meint der Begriff ‘luzide’ hier? [Ich fange grade an, Träume aufzuschreiben.]

  6. REPLY:
    Ja, vielleicht hat der Geist versucht, mir hier einen Bären aufzubinden. *grins*

  7. REPLY:
    Liebe Nanou, ‘luzide’ heißt, dass einem im Traum bewusst ist, dass man träumt. Dieser Zustand gibt mehr Freiheit zum Handeln im Traum. Okay, das ist jetzt etwas kurz gefasst, aber ich will mich gerade ins Reich der Träume begeben.
    Schöne Träume auch Ihnen! :-)

  8. Zum *lol*en, Ihre Überschrift!

    ‘Der Guru bot einen beeindruckenden Anblick. Erhaben und unbewegt saß er im vollen Lokus.’

  9. REPLY:
    Anfangs lachte ich auch und tat meinen Einfall für die Überschrift als unbrauchbar ab. Doch dann fiel mir ein, dass die Lotosblüte ja auch im Schlamm wurzelt. Ihr oben beschriebenes ‘Lotosbild’ gefällt mir sehr – das nenne ich wahre Meisterschaft! :-)

  10. REPLY:
    Man kann’s lustig nehmen (wie ich erst), man kann’s ernst nehmen!
    Im Zen gibt es ein klassisches Koan, das übersetzt etwa so geht:
    Der Mönch fragt: ‘Was ist der Buddha?’
    Der Meister antwortet: ‘Ein Scheißstock!’*

    [*Eine Art Holzschaber, entspricht in der Verwendung unserem Klopapier]

  11. REPLY:
    Das ist schön. Ich spüre, dass sich die ‘Traumkraft’ über diese Ergänzung freut. Danke!