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Gutbürgerlich und angepasst

Traum:
Im letzten Moment überlege ich es mir anders, steige nicht in den Zug ein, sondern verlasse den Bahnsteig. Eine Ebene höher geht eine Überführung über eben verlassenen Bahnsteig. Genau in dem Augenblick, als ich nach links durch die Glaswand blicke, setzt sich dort unten der Zug in Bewegung. Einen Augenblick scheint es, als habe der Zug nur darauf gewartet, dass ich wirklich sehe, dass er abfährt. So als solle mir noch deutlicher bewusst werden: Du hast so entschieden, nun ist der Zug für dich abgefahren.

Das hinterlässt ein merkwürdiges, fast fremdes Gefühl. Dennoch setze ich meinen Weg unbeirrt fort. Nach einigen Schritten, die 30° nach rechts streben, begegnet mir J. Kirsch, ein alter Schulkamerad. Er wirkt abgehetzt, sein Blick gedankenverstreut. Sicherlich wollte er noch den Zug erreichen. „Zu spät“ sage ich „der Zug ist abgefahren.“

Ganz entgegen meiner Erwartung macht es ihm nichts aus. Bietet ihm doch ein verpasster Zug die Gelegenheit, eine ganz andere Richtung einzuschlagen – das ist doch jedes Mal interessant. So begleitet er mich, geht also den Weg zurück, den er gerade gekommen war. Noch auf dieser Ebene schließt ein Mann zu uns auf – Ende Fünfzig, Anfang Sechzig; brauner, braunlederner Cowboyhut, Lederhose, Lammfell gefütterte Wildlederjacke, silbergrauer Bartschatten.

J. Kirsch und dieser Globetrotter sind gute Bekannte oder sogar Freunde, die viele Erfahrungen miteinander teilen konnten. Sie gehen beide hinter meinem Rücken und ich höre J. Kirsch sagen: „Marianne und ich kennen uns noch aus einer Zeit, da wir gutbürgerlich und angepasst waren. Wir sind uns hier zufällig begegnet. Damit erklärt sich wohl von allein, dass mich sonst gar nichts mit Marianne verbindet!“ Aha, J. Kirsch war es wohl peinlich, von seinem Kumpel an meiner Seite gesehen zu werden. Das kann ich gut verstehen.

Mit dem nächsten Schritt betrete ich die Rolltreppe… es geht abwärts.

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