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Arbeitsgebiet: Trauma-Spezialistin

Traum:
Seit kurzer Zeit bin ich in der Eingangstür eines Amtes tätig. Meine Aufgabe ist, möglichst effektiv die vor der Eingangstür wartenden Menschenmassen hinein zu schleusen. Gemeinsam mit ein paar Kollegen schiebe ich die Menschen unter Einsatz meines Körpers durch die Tür in den Amtssaal. Später geht dieser Vorgang in die andere Richtung – alle wieder raus. Rein und raus, rein und raus… das ist mein Job. Manchmal, in Augenblicken der Besinnung, habe ich diese Sache irgendwie über… – ich mag Menschen nicht in eine bestimmte Richtung drängen.

Der Einführungsprozess ist vorüber, die Menschen haben im Amtssaal Platz genommen. Nun trete auch ich ein, gehe über knarrende Holzdielen und orientiere mich. Zum wiederholten Mal bin ich als Schöffin eingeladen, weiß aber noch nicht, ob ich an der linken oder rechten Seite Platz nehmen soll; mit anderen Worten: mir ist noch nicht klar, für welche Seite ich Partei ergreifen soll.

Von hilfsbereiter Seite erhalte ich ein amtliches Arbeitsblatt mit allen notwendigen Erklärungen. Das Dokument bezieht sich auf meinen Einsatz hier und heute, wurde auf meinen Namen ausgestellt:

Marianne Masters – Arbeitsgebiet: Spezialistin für Trauma

Trauma? Oups? Das ist wohl ein Tippfehler; es müsste doch eher Traum heißen? Doch vom Amtsvorstand erfahre ich sofort: Nein, das sei kein Irrtum. Man habe mich extra herbestellt, weil ich über das nötige Know How verfüge, um die Rechte von psychisch Erkrankten, die hier angeklagt werden, gut vertreten zu können. Offenbar wird mir Einfühlungsvermögen, Verantwortungsbewusstsein und ein ausgeprägtes Denkvermögen zugestanden. Hinzu kommen meine langjährigen Erfahrungen auf diesem Gebiet.

Uih oha… ob das nicht doch eine Nummer zu groß für mich ist? Träume, ja, aber Traumata? Doch der Vorstand bleibt dabei, meine Meinungen, Stellungnahmen und Ansichten sind unbedingt erwünscht, ich solle Platz nehmen.

Ich gehe zur rechten Seite, da dort noch viele Plätze frei sind, und gehe die Treppe zu einer Empore hinauf. Dort bereite ich meinen Platz vor: lege eine aluminiumbedampfte Isoliermatte auf den mit Alufolie bedeckten Boden. Die Empore ist nach vorne hin nicht gesichert. Die Isoliermatte liegt total rutschig auf der Unterlage und mir ist klar, wie unsicher dieser Platz ist, wie schnell ich stürzen könnte. Kris, ein bekannter psychologischer Problemfall, kommt hinzu, setzt sich rechts von mir nieder, während ich mir rote Kniestrümpfe über die Füße streife. Nein, mit meinem Platz hier bin ich ganz und gar nicht zufrieden. Zudem habe ich keine Lust auf ein anstrengendes Miteinander mit Kris. Ich nehme meine Sachen, stehe auf und wechsele auf die linke Seite im Saal; dorthin, wo die psychisch Erkrankten auf die Verhandlung warten – sie wurden wegen verschiedener Verhaltensweisen angeklagt. Stellvertretend für sie werde ich alles erklären. Es wird dann kaum zu einer Verurteilung kommen, da auch die Richter Verständnis haben werden. Ich fühle mit einem Male eine Aufrichtigkeit und Stärke, so als habe das Dokument, das mich als Spezialistin ausweist, mir ein ordentliches Mehr an sozialer Kompetenz verliehen, wie ich mir diese bisher nicht zugestanden hätte.

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