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Am Ende der Käpt’n

‘Ton’ gleich ‘Kay’
Als ich hinaus gehe, gelange ich direkt auf den Vorplatz beim Haus der Älteren. Ganz vorne links, am Privatweg angrenzend, stehen einige kastige Holzobjekte, die von einem jungen Paar aus Rumänien zum Verweilen genutzt werden. Sie warten darauf, dass die Feier losgeht. Langsam streife ich an ihnen vorbei. Der Mann liegt mit nacktem Oberkörper vor den Holzkästen und fährt mit den Fingern durch seine kupferroten Brusthaare und stellt fest: „Die sind ja schon ganz gut gewachsen.“
„Allerdings, vielleicht an der Zeit mal zu Mähen.“ sage ich anerkennend.
Er deutet auf den unteren Rand seines Brustkorbs und fragt, ob ich es gesehen habe.
Aber ja! Dort wächst eine Girlande aus Aststücken heraus, deren Ende in alle Richtungen staken. Die Schnittflächen der Aststücke sind frisch. Das sieht gesund aus.
„Echt bemerkenswert!“ sage ich zunickend.
Interessiert frage ich ihn: „Und, haben sie bereits einen Ton herausgebracht?“
„Ton??“ fragt er verständnislos. Der Rumäne versteht kaum deutsch.
„Hmm… Ton…. Ein Laut!“ erkläre ich und schaue fragend zu Mike, der links neben mir sitzt. Mike kennt sich ja so gut mit Etymologie aus. „Laut?“ will ich mich vergewissern. Mike nickt. Gut. Daraufhin sagt der Rumäne froh: „Ah, ‘Kay’!“ Er hat verstanden.

Gigantische Müllabfuhr mit Schlangenschwanz
In der Küche der Älteren. Der Küchentisch steht voller Porzellan und Gläsern vom letzten Abwasch. Die Müllabfuhr kommt nicht unerwartet. Ein gigantisches orangefarbenes Fahrzeug kommt die Treppe hinauf gefahren, fährt zischend, pressend, stampfend, wischend ein…. Trotz seiner Größe – doppelt so groß wie ein gewöhnliches Müllfahrzeug – wendet es in der Küche, ohne auch nur einen Gegenstand zu beschädigen. Dann fährt es hinaus, windet sich die Treppe hinunter. Ich stehe in der Küche und betrachte den langen schlangenartig gewundenen Blechschwanz des Fahrzeugendes. Ein riesiges Rohr, hin und her, muss mit entsprechenden Hin- und Her-Bewegungen des so gelenkt werden, damit es durch die Tür gelangen kann. Mir imponiert der ganze Vorgang. Schließlich ist der Fahrer im Führerhaus bereits längst auf dem Weg hinaus, hat also keine Augenkontrolle über das Geschehen. Dennoch gelingt es souverän. Bis auf eine Kleinigkeit: Ein kleiner versehentlicher Stoß des schlängelnden Blechschwanzes und eine Scherbe bricht aus einer gläsernen Dessertschale. Eine Kleinigkeit, nicht der Rede wert, wenn man bedenkt, was hier gerade geschehen ist!

Der schuldige Vagabund
Dann in ungewohnten Räumen – Erdgeschoss. Hintere Räume, durch die hindurch ich das Gebäude verlassen will. Dort stehen einige Männer beisammen. Die Stimmen lassen raue Kerle vermuten. Als ich an ihnen vorbei gehe, wendet sich mir einer der Männer zu. Ein Vagabund, etwa fünfzig Jahre alt, ein blonder Hüne, sein Gesicht schmierig und schweißglänzend, ungewaschen. Seine olivgrüne Jacke von einem schmuddeligen Grauschleier überzogen. Er wirkt zutiefst betroffen. Ich trete an ihn heran, nehme sein Gesicht zärtlich in meine Hände – wobei ich mich vage darüber wundere, ohne Berührungsangst zu sein – und frage besorgt: „Was ist denn los?“

Erschüttert erzählt er, was er getan hat: Er hatte ein Plastikteil gefunden und an sich genommen. Ein Teil das einem Plektrum ähnelt, lilafarben, ein Stück rausgebrochen. Dieses hatte er wie ein Schlagring in die Hand genommen und es seinem Kumpel in ‘die Fresse gehauen’. Eigentlich ohne Absicht. Jedenfalls wollte er ihn nicht verletzen. Da er aber den Backenzahn genau mit der Spitze an der Bruchkante traf, zerbrach er. Die Männer rundum klagen laut, der blonde Hüne ist bedrückt. Ganz vorsichtig lasse ich meinen Finger über seine Wangen streifen, immer von oben nach unten. Voller Mitgefühl und Traurigkeit frage ich noch einmal: „Soll ich die Polizei holen?“

Doch noch traut er sich nicht, zuzustimmen. Ich lasse ihm Zeit zum Nachdenken, schweige eine Weile und frage dann erneut: „Soll ich die Polizei holen? Du weißt, ich würde das für dich tun.“
Wenn er sich wirklich stellen will, bin ich gerne bereit, ihm zu helfen. Doch er kommt zu keinem Entschluss und ich setze meinen Weg schließlich fort.

Der Käpt’n im Gutsherrenhaus
im vorderen Teil des Gutsherrenhauses erledigte ich während der vergangenen Nachmittagsstunden allerlei bürokratische Dinge. Nun bin ich fertig und mache mich auf den Heimweg. Trete also aus dem Haus, um zu schauen, welches der drei Fahrzeuge heute zur Verfügung steht. Es ist nämlich so, dass ich immer eines der Autos für die Heimfahrt nutzen darf. Zwei Geländewagen und ein weißer Van gehören zum Besitz des Gutsherren. Heute steht der weiße Van da. Wunderbar. Ich setze mich in das edle und robuste Fahrzeug und fahre los. Leise schnurrend, die Bremsen funktionieren perfekt, weich aber doch ohne Spielraum. Damit lässt sich punktgenau fahren. Sogar ich traue mich, direkt bis zur Gartenpforte zu fahren, so dass ich diese aufschließen kann, ohne das Fahrzeug verlasen zu müssen. Da staune ich ein wenig, dass ich das tatsächlich tue. Dann steige ich aber doch noch aus, um zurück zu gehen.

Der Weg zur Haustür wird links von einem schmalen Grasstreifen und rechts von einer langen Werkbank gesäumt, auf der allerhand Material liegt. Was man halt so braucht für die täglichen Arbeiten rund um das Gutsherrenhaus. Alles liegt im Halbdunkel. Mit einem Male klingelt das Telefon. Erst ´jetzt bemerke ich das Mobilteil… es ist in eine Glasschale mit Wasser gefallen. Ich nehme es hervor und… oje, aus dem Teil trieft das Wasser, die Anzeige auf dem Display ist spiegelverkehrt. Ich lese rückwärts: ‘Unbekannt’. Auch die Telefonnummer, die daraufhin erscheint, ist spiegelverkehrt. Oje, das Innenleben ist von all dem Wasser ganz durcheinander geraten. Noch ein Blick, wieder tropft das Wasser aus dem Tastenfeld. Nein, besser ich bringe es dem Gutsherren gar nicht erst. Es dürfte unmöglich sein, sich damit zu verständigen. Ganz vorsichtig lege ich das Teil ab, damit nicht noch ausversehen eine Verbindung hergestellt wird.

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