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Wolfram lebt!

Traum:
In der Worpsweder Großelternstube. Ich fühle mich etwas daneben oder unpassend, da ich – obwohl ich Besuch erwarte – nur mit einem rosa Nachtshirt bekleidet durch die Gegend laufe. Meine Beine fühlen sich unangenehm kühl an. Doch da treffen bereits Gunnar und seine Krankenschwester ein. Ich bin damit beschäftigt, die Stühle abzuwischen. Darunter auch zwei altmodische Krankenhaus-Rollstühle mit Sitzpolstern aus taubenblauen Kunstleder. Ziemlich staubig das alles. Vor allem die Rollstühle benötigen diese Reinigung dringend. Es schaut aus, als sei eine feucht gewordene Tablette auf ihnen zerlaufen, oder als habe ein Vogel einen riesigen Kack draufgesetzt, oder als habe sich ein Dahinsiechender darauf erbrochen. Welche Gedanken seine Krankenschwester bei diesem Anblick wohl haben mag? Ich denke, sie wird mit mir darüber übereinstimmen, dass es eigentlich untragbar ist, wenn diese Gegenstände sich in solch ungepflegtem Zustand befinden. Aber gleich nicht mehr, denn ich nähere mich rasch dem Ende der Reinigungsarbeiten. Ich begrüße die Beiden, ohne dass wir uns die Hand reichen würden. Ja, es ist merkwürdig, denn irgendwie kommt es zu keiner wirklichen Begegnung, so als würden wir einander im letzten Moment ausweichen, ohne dass uns dies bewusst wäre oder wir das anstreben würden. Wirklich ganz sonderbar, nicht in Kontakt zu kommen, und nicht das Bedürfnis zu spüren, etwas daran ändern zu wollen.

Bald darauf führe ich sie durch meine Wohnung, ohne ihr Interesse dafür zu erwecken. Aber das macht nichts.

In einem weitläufigen Wohnraum halten sich einige entfernte Verwandte auf, die heute zu einem selten stattfindenden Treffen zusammengekommen sind. Auch hier wieder dieses Beisammensein, ohne sich zu begegnen. Wir laufen aneinander vorbei und haben freundliche Worte für uns übrig, aber zu einem gemeinsamen Innehalten kommt es nicht, so als interessiere sich keiner für den anderen.

Irgendwann erscheint die verstorbene Schwiegermutter und beklagt sich: „Nun hast Du schon eine Kamera und hast noch nicht ein einziges Bild gemacht!“

Ach ja, stimmt. Aber das mache ich doch gerne! Sofort nehme ich meine Kamera, mache sie bereit und laufe der Schwiegermutter hinterher, um eine Aufnahme von ihr zu machen. Dabei rufe ich ihr nach: „Wenn Du mir die Adresse gibst, dann sende ich die Foto-CD direkt an die Verwandten!“ Damit meine ich die fernen Verwandten aus Amerika. Meine alte Schwiegermutter reagiert gar nicht auf mein gutgemeintes Angebot und ich wiederhole es, wieder ohne Erfolg. So stelle ich laut fest: „Okay, Du möchtest das nicht…“

Mit der Aufmerksamkeit bei der Aufnahme. Es ist gar nicht so einfach, da mit reichlich Hindernissen verbunden, die sich störend davorschieben. Anfangs sind es die Glasschiebetüren eines alten Sideboards, die für eine schlierenartige Sicht sorgen. Als ich den Fokus ausweichend darüber ausrichte, fallen unzählige Hängelampen mit röhrenförmigen Lampenschirmen störend ins Blickfeld. Ich probiere ungezählte Blickwinkel aus, immer ist etwas im Weg. Nun endlich habe ich freie Sicht! Doch im gleichen Moment senkt die Schwiegermutter den Kopf derart, dass nur noch ihr Hinterkopf zu sehen ist. Oh nee, so ein Frust! Es ist offenbar unmöglich, heute ein Foto von ihr zu machen – ich gebe es auf. Ein freundlicher und zurückhaltender Mann nimmt sich meiner Kamera an, um sein Glück damit zu versuchen. Das finde ich gut, dass er mir das abnimmt.

Vielleicht gab es einen Impuls von außen – keine Ahnung. Jedenfalls gehe ich durch die Räume und dann hinaus auf einen Bahnsteig. Steige dort die Stufen einer einzeln stehenden Holztreppe hinab, direkt an die Bahnsteigkante. Ein Zug hält, einige Verwandte stehen dort und jemand fragt mich ganz erstaunt: „Willst Du Wolfram nicht begrüßen?“

Wolfram? Ich wusste gar nicht, dass er noch/wieder lebt, und dass er hier ist, wusste ich schon gar nicht. Klaro, ich will ihn sogar gerne begrüßen! Da kommt er mir auch schon entgegen… Er sieht total verändert aus. Wolfram ist fast gar nicht zu erkennen. Sicher, wir sahen uns viele Jahre nicht, sind beide sichtlich älter geworden. Seine nun langen Haare fallen in weichen Wellen bis auf die Schultern. Seine Gesichtszüge haben sich verändert, ein Vorderzahn scheint zu fehlen, ohne dass dies eine Lücke hinterließe. Ja, sogar die Zähne und die Zahnstellung haben sich verändert. Außerdem trägt er einen Anzug mit Wollanteil; Karomuster in warmen Brauntönen.

„Wie geht es Dir?“ frage ich voll echtem Interesse und warte ein wenig ängstlich auf seine Antwort. Er erzählt… – nicht ein Wort von einer Krebserkrankung oder ähnlich Besorgniserregendem. Und während er erzählt, halten wir uns noch immer bei der Hand, die wir einander reichten. Irgendwann gehen wir gemeinsam los, Hand in Hand, ganz selbstverständlich. Ich lockere meinen Griff ein wenig, greife fester zu… löse meine Hand ein wenig, um dann wieder seine Hand zu nehmen. Ich mache dies so häufig im Wechsel, dass es mir auffällt und ich mich darüber wundere. Wie gut sich seine Hand anfühlt! So fest und doch so weich, und ganz warm. Es ist schön, Hand in Hand mit ihm zu gehen. So nah und vertraut… so war es früher nie. Auch jetzt gibt es keinen Grund dafür. Dennoch spüre ich ein völlig unlogisches Glück und stille Freude, denn mir wird langsam klar: „So schnell lässt er meine Hand nun nicht mehr los; ganz egal, was die anderen Verwandten dazu sagen oder denken mögen. Das ist sehr schön.