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Vernichtender Maßstab

Traum:
Das kleine Ruderboot ist wie eine Zeichnung auf Pergament. Das Heck ziemlich ausgefranst. Das Boot ist reichlich gefüllt mit dem in letzter Zeit Erreichtem und Gewonnenem. Um diesen Inhalt geht es, denn er ist der Auslöser für bedrohliche Machenschaften. Dieser Inhalt soll mir nämlich von anderer Seite genommen werden.

Ausnahmezustand in der Stadt. Die Atmosphäre ist geschwängert von den Taten und der anhaltenden Bedrohung durch einen oder mehrere Übeltäter. Schutzmaßnahme: Die Bevölkerung ist angehalten, ihre Wohnungen nicht zu verlassen, soweit das möglich ist. Das heißt, das Leben ist derzeit auf den lebenserhaltenden Grundumsatz reduziert. Das währt nun schon lang, und ich verspüre das Bedürfnis nach Veränderung.

Ein Raum der Münzenberg-Schule wurde auf den Fußweg zum Eckenheimer Friedhof nach außen verlegt. Die Wände dieses Raumes sind nicht. Vor mir zwei nebeneinander gestellte Schultische. Kurz entschlossen errichtete ich mir nämlich einen Flohmarktstand und biete nun zu klein gewordene Kinderkleidung zum Verkauf. Flugs die Preise auf ein paar selbstklebende Etiketten geschrieben und auf die Schildchen im rückwärtigen Halsausschnitt geklebt. Eine oder zwei Frauen mir gegenüber am Tisch, in deren Hintergrund das Ende des Fußweges zu sehen ist. So real, aber doch wie in einem Film ablaufend, ein Ausschnitt aus dem Geschehen in der Stadt: Rettungsfahrzeuge sammeln sich kreuz und quer vor der Kneipe „Alt-Eckenheim“ – Einsatzwagen der Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen. Es sind bereits viele Schäden sind zu verzeichnen, unzählige Verletzte gibt es. Zwar wird längst versucht den Übeltäter dingfest zu machen, aber bisher erfolglos.

Der Verkauf der Klamotten läuft nur sehr zögerlich an; wird durch Unbenennbares fast verhindert. Die ständige Bedrohung – wenn auch dieser nach außen verlagerte Schulraum einen gewissen Schutz bietet – lässt alle ängstlich werden, reduziert alle Aktivitäten auf ein Minimum, so dass die Zurückhaltung meiner Mitmenschen nicht verwundert.

Gemeinsam mit Mike machte ich mich auf den Weg… Irgendwann erreichen wir einen Ort, der in sonderbare, eher beunruhigende Stille getaucht ist. Alles liegt verlassen… wie eine Momentaufnahme fast… Gebäudeteile, die ich aus der Kinderzeit auf dem Lande erinnere, liegen in milchigem Nichts wie hingeworfene, offene Schachteln. Eine Schachtel gewährt Einblick in die Waschküche… – der Übeltäter war bereits hier! Denn das Innere der Waschküche zeigt einen Zusammenbruch. Vermutlich gab es hier ein zerstörerisches Feuer. Ein Mann kam dabei ums Leben. Einzig eine Hand blieb von ihm zurück. Sie klebt wie angeschweißt an eine der verkohlten Holzlatten. Sie erstarrte wohl in einem Moment, als der Mann in einem letzten Aufbäumen irgendwo Halt oder Hilfe suchte. Es existiert nur noch die rußgeschwärzte Hülle der Hand. Zerfetzte Ränder an der Handwurzel, ebenso dort, wo die Fingerkuppen beginnen würden, wenn es sie noch gäbe… Ich denke mir, dass es entsetzlich ist, aber ich spüre dieses Entsetzen kaum. Hinzu kommt, dass der Übeltäter ganz nah sein kann und womöglich mitbekommt, dass wir ihm auf die Schliche kommen. Da die öffentliche Hand an diesem stillgelegten Ort nicht mehr schützend eingreift, könnten wir uns in Gefahr befinden. Mir ist so mulmig, dass ich meine, den Übeltäter ganz nah zu spüren. Sollten wir diesen Ort nicht schleunigst verlassen?!? Die Angst kriecht ganz langsam, wie durch einen dämpfenden Filter, durch den Raum.

An diesen Ort angrenzend ein seinem Umfeld enthobenes Waldstück. Auch dort sieht man längst die Spuren anhaltender Zerstörungen. Der Übeltäter ist womöglich noch hier!

Vor diesem Hintergrund manifestiert sich in geisterhafter Form der lange Tisch aus dem Großelternhaus. Wie früher, zu Familienfeiern, sitzen mir un-bekannte Vertraute und unterhalten sich… Stimmen, die ganz zeitverzerrt tönen, wie eine Konserve, die es schon gar nicht mehr gibt. Diese Situation wird schnell klarer und ich finde mich mit am Tisch sitzend wieder. Mike sitzt rechts neben mir. Und jetzt läuft der Übeltäter ins Geschehen – ich sehe ihn! Hinter dem Rücken der geisterhaften Gäste ist er tätig. Immer wieder beugt er sich hinab, um etwas am Fußboden zu bereiten. Was er dort wohl treibt?

Mit einem Male hält er das Teilstück eines Maßstabes – ungefähr die ersten zwölf Zentimeter – in der Hand. Auf Zehenspitzen schleicht er, mit erhobenem Maßstab, hinter den Un-Bekannten vorbei. Ich weiß, dass hinter ihnen Moina in der Sandkiste sitzt und spielt, auch wenn ich sie im Moment nicht sehen kann. Der Übeltäter ist inzwischen bei ihr angekommen und ich sehe, wie er mit dem Maßstab zum vernichtenden Schlag ausholt. Sie soll sein nächstes Opfer sein! Ich bin vor Entsetzen wie gelähmt und eine Stimme versucht mich einzulullen: ‚Ignoriere es, so als hättest du nichts gesehen, eine Konfrontation wäre unerträglich und du kannst ja sowieso nichts tun…’ Eine andere Seite in mir empört sich: ‚Aber ich muss doch mein Kind beschützen!!’ Langsam und zäh, wie gegen einen Widerstand anstrebend, erwacht in mir eine Kraft, die meinen Körper zum Stehen aufrichtet und bereits die ersten Schritte aktiviert… Nun bin ich fest entschlossen: Ich werde mein Kind vor der Vernichtung bewahren!!!

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