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Zwergenaufstand

Traum:
Seit einiger Zeit – Minuten wie Stunden wie Tage… – zu Fuß auf unbekanntem Heimweg. Dieser führt auf einen Festplatz, der im grauen Schein eines bewölkten Tages liegt. Ein Fest – Ernte- oder Schützenfest – geht zu Ende. Viele lange Tische mit Stühlen oder Bänken stehen unter freiem Himmel. Die meisten Plätze besetzt mit Dorfbewohnern, die ich größtenteils kenne. Doch jedes Mal, wenn ich einen von ihnen ins Auge fasse, erscheint er mir fremd. Sonderbar… Besonnen weitergehen… Obwohl ich neue Klamotten trage, die mit aller Sorgfalt ausgewählt wurden, fühle ich mich nicht wohl. Den Platz zu zwei Dritteln überquert, entdecke ich den Worpsweder Millionär. Zumindest ähnelt er diesem und ich spüre eine gewisse Wiedersehensfreude, denke auch, ich könnte mich angesichts des vertrauten Menschen jetzt aufgehobener fühlen… Doch auch der Millionär ist nicht der, der er scheint. Meine Beine… meine Schritte sind wie getrieben…. – und schon verlasse ich den Platz.

Gar nicht weit von dort. Das Wohnhaus – meine Wohnung? – ist erreicht. Es liegt einsam und verlassen, in spürbarer Stille. Kurz vor dem Eintreten finde ich mich in unbegreiflichem Raum im Außen und finde etwas Interessantes: zwei großformatige Fotografien, die ich vor längerer Zeit machen ließ. Längst waren sie in Vergessenheit geraten, aber der Anblick erinnert mich, dass ich der Auslöser war. Die Bilder zeigen beide das gleiche Motiv in graubraunen Farbtönen, wobei das kleinere der Bilder nur zwei der drei Steinfiguren zeigt, die in das Gemäuer der Hausecke gemeißelt sind. Steinfiguren, genauer Kinderfiguren, die mich an etwas erinnern… das Gemäuer formt diese Erinnerung in wortloses Gewand. In Ritzen und Winkeln der Figuren verdunkelt sich das Grau zu Kohleschwarz… Ablagerungen der Zeit. Jemand, der nur das kleinere Foto kennt, bliebe im Glauben, es gäbe nur diese zwei Figuren. Ja, und einen Augenblick hatte ich überlegt, dieses kleine Foto meinem Sohn als Erinnerung zu geben; das größere würde ich, der Vollständigkeit halber, gerne selbst behalten. Doch habe ich mit dieser Lösung ein schlechtes Gefühl, so als enthielte ich meinem Sohn etwas Entscheidendes vor… Ich kann doch meinem Sohn die dritte Figur nicht vorenthalten.

In einer erhöhten Wandnische steht, ähnlich einer Engelsgestalt, die vermeintlich blinde Worpswederin. Mit wortlosem Lächeln, das ich als wohlwollend empfinde, blickt sie bewegungslos auf mich herab, während ich ein großes Plakat entfalte, das ich ebenfalls hier vorgefunden habe. Ich erinnere mich… Es ist einige Jahre her, dass ich dieses Plakat gestaltet und drucken lassen habe. Es war bis jetzt völlig in Vergessenheit geraten. Wie angenehm an den Fingerspitzen, das geschmeidige Plakat aus weichem PVC zu entfalten. Auch der Aufdruck in Cremeweiß und Pflanzengrün gefällt mir heute noch. Ah ja… ich wählte eins der damals aktuellen Spiegel-Titelseiten als Motiv auf der Vorderseite. Die Rückseite zeigt ein sehr ähnliches Motiv, ohne das ich es jetzt näher beschreiben könnte. Der Anblick dieses Plakats erinnert daran, etwas begonnen und nicht zu Ende geführt zu haben. Ursprünglich hatte ich es an eine Glaswand anbringen wollen, um den Raum damit zu schmücken. Es ist nichts daraus geworden. Diese Glaswand existiert nicht. Es widerstrebt mir sehr, dieses Plakat nun mit einem „Gesicht“ zur Wand aufzuhängen. Das geht ja mal gar nicht!

Übergangslos bringt mich die Bildbetrachtung durch die Eingangstür und einige Stufen hinab in den Keller. Ich folge dem Kellergang nach links und entferne nebenher mit entschiedenem Druck eine hartnäckige Sandablagerung am unteren Saum der Wand zu meiner rechten Seite. Dies tue ich mit einem großen Brotmesser, dessen alter Holzgriff und die Schneide mit Wellenschliff deutlich ins Auge fallen. Einen klitzekleinen Augenblick irritiert es mich, mich in dieser Situation vorzufinden. Ich kann mich nicht erinnern, mir diese Aktion vorgenommen und mich darauf vorbereitet zu haben. Ich kann mich nicht erinnern, das Messer extra an mich genommen zu haben. Überhaupt ist es doch sonderbar, ein Brotmesser für diesen Zweck zu verwenden. Oder nicht?

Und wie schon anfangs, so verspüre ich wieder eine unerklärliche und unaufdringliche Getriebenheit, die mich weitereilen lässt. Vorbei an grauem Gemäuer in fahlem Licht… weiter und weiter. Kann es sein, dass ich etwas hörte…? …?

Dann ist der Keller durchquert und der untere Absatz der Kellertreppe erreicht. Dort oben die Ausgangstür. Langsam, fast zögernd, ja, ein wenig horchend, gehe ich die Stufen hinauf. Kurz vor Erreichen der oberen Türe lässt mich etwas innehalten… Mit einer schnellen Bewegung drehe ich mich um und blicke zurück nach unten in den Kellerraum. Eine Schar kleiner Kinder, die allesamt feuerrote Zipfelmützen aus krausem Strick tragen, und eine junge Betreuerin stehen dort unten, schauen alle still und erwartungsvoll in mein Gesicht. Alle lächeln mit gespannter Freude… Langsam, ganz langsam beginne ich zu begreifen. Erleichterung und Erkenntnis lassen mein Gesicht wie hell werden. Es ist, als fiele etwas von mir ab. Diese Kleinen waren es, von denen ich mich getrieben fühlte. Diese Erklärung nun – die einer Erlösung von etwas, das ich gar nicht hatte benennen, geschweige denn erkennen können, gleichkommt – ist wunderbar und verblüffend. Ein breites Grinsen dehnt sich in meinem Gesicht aus.

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2 Antworten zu Zwergenaufstand

  1. Schein treibt nie! Höchstens zu einem noch breiteren Grinsen :-)

  2. REPLY:
    Na, wo Sie sich überall herumtreiben! Jetzt sind sie auch noch unter die Kellergeister gegangen. Doch Schein im Keller kann nie schaden, finde ich. <;-)