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Der alte Lindenbaum

- Geburtstagstraum -

Traum vom 12. Oktober 2009

[…] Ich würfele… 1 oder 2 oder 3 Augen… es sind nie mehr. Daraufhin findet eine entsprechende Episode aus der Vergangenheit statt. Diese noch einmal zu erfahren, ist wie ein Geschenk.

Draußen am Haus arbeiten zwei Archäologen. Sie graben, während ich in der ersten Etage in der Küche mit Essensvorbereitungen beschäftigt bin. Ich hacke eine Zwiebel in Würfel. In dem Augenblick, da ich diese Arbeit kurz unterbreche, kommen die Archäologen herein. Ich erlebe sie als übergriffig – sie scheinen etwas zu fordern. Zudem bin ich gereizt, weil in meiner Wohnung die Spuren meiner gegenwärtigen Arbeiten zu sehen sind. Schließlich macht mich das Drängen der Archäologen so wütend, dass ich ein zorniges „Hackt euch eure Zwiebeln doch selbst!“ durch die Lippen presse.

Zimmer meiner Kindheit. Auf einem Tisch unter der Dachschräge stehen zwei Monitore. Offenbar arbeite ich gerade mit einem alten Rechner, den ich wohl nur selten hochfahre. Eigentlich will ich nur kurz Mails abrufen. Die Ältere rumort nebenan herum und tritt schließlich in den Flur. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen und gehe zu ihr. Sie ist noch nicht fertig angekleidet.

Während wir uns nun auf einen langen Weg durch das Haus machen, um das nächste Zimmer, das so weit zurück liegt, zu betreten, frage ich sie freundlich, ob ich ihr einen Kräutertee kochen soll. Das möchte sie gerne. So gehe ich bald wieder zurück, um den Tee zuzubereiten und nebenher schnell noch die Mails abzurufen. Moina ist bei mir, funkt mir ständig dazwischen. Ich befürchte durch ihre Spielerei herbeigerufene Datenverluste oder Systemfehler. Immer wieder ermahne ich sie, doch sie macht unbeirrt weiter. Meine Geduld wird auf die Probe gestellt. Bald kostet es mich große Beherrschung, ihr nochmals alles ruhig zu erklären, obwohl ich kurz vor dem Ausrasten bin. Nebenbei bemerkt: Peter kommt ins Haus, geht den Flur entlang, hört mich reden. Später höre ich ihn zu der Älteren sagen: „Solch ein Kind braucht ja wirklich unendlich Geduld.“

Los los! Es geht zur Schule! Erst als ich mit Moina in der Schule ankomme, bemerke ich, dass sie mit ihren Schlappen aus pink-rosa Nickystoff gegangen ist. Oje, bei dem feuchten Wetter. Es regnete sogar kurz. Erstaunlich, dass die Schlappen trocken geblieben sind. Als ich entdecke, dass Moinas Gummistiefel hier sind, sage ich ihr, dass sie diese anziehen soll, wenn sie wieder nach draußen geht. Moina, dieses zarte und scheue Wesen, nickt ganz schüchtern. So elfengleich zerbrechlich und rührend.

Am Lehrerpult sitzen zwei oder drei Frauen, die mit der Zuteilung der Unterrichtsmaterialien beschäftigt sind. Ich nehme mir schnell eines der Cellophantütchen, die mit einer winzigen Bootcut-Hose aus goldenen Pailettenstoff gefüllt sind. Dazu ein Tütchen mit Plastikkügelchen in Rosa, Lindgrün und Weiß. Ah, da liegen auch noch einige braune Kajalstifte. Mascara fehlt. Da warte ich mal die Zuteilung ab.

Erneut gehe ich an den alten Rechner, um vielleicht doch noch nach Mails schauen zu können. Im Wohnzimmer, so unbewohnt, sitzt die Tante, die eigens zum Besuch angreist. Sie trägt ein Kostüm, und ihre Augen sind mit braunem Kajal umrahmt. „Ich bin die Tante ‘Sowieso’“ sagt sie heiter zu mir, als sei ich ein Kind. Ich gehe auf sie zu und sage: „Ich nannte dich gerade Tante ‘Sowieso’.“ Das hat sie wohl nicht gehört.

Dann, neben dem ach so fern zurückliegenden Haus – Vergangenheit, Großeltern, Böhmers. Draußen. Am Rande eines kleinen dunklen Wäldchens steht ein kleiner Bauwagen. Moina läuft los, weiter zum Entlegenen. Mike an meiner Seite. Am Bauwagen lasse ich die Würfel fallen – 1, 2 oder 3 Augen. Es gibt ein Krachen, ein Zischen, ein heißes Prizzeln. Am Himmel. Ein Gewitter? Schnell nehme ich Mike an die Hand, ziehe ihn rasch hinter mir her, unter das Vordach des Hauses, denn mir kommt es mit einem Male gefährlich vor, obwohl es sich so gar nicht nach Gewitter anfühlt. Eine Sekunde, bevor ich Mike unter das Vordach ziehe, schaue ich mich um und sehe, wie ein Teil eines mächtigen Lindenbaumes abbricht und wie ein Stamm in unsere Richtung fällt. Das war das heiße Prizzeln! Krachend fällt uns der Stamm neben die Füße.

Im Hause dann, vermissen wir Moina. Seit dem Vorfall mit dem Baum ist sie verschwunden. Da das Holz auf das so weit entfernte Gebäudeteil fiel und einen Teil davon zusammenstürzen ließ, ist es möglich, dass sie unter den Trümmern liegt. Wir wissen allerdings nicht, ob sie noch da ist. Vielleicht ist sie zur Schule gegangen. Oder sie ist verschollen. Wir suchen zwei Tage. Ohne Erfolg. Extrem bedrückend.

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