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Drachenfliegen

Traum:
Im Off dieser ersten Traumszene, wie ein zweiter, parallel stattfindender Erlebensfilm: Michael Perkampus steht auf einem Stoppelfeld, sein Blick in fernen Wolken versunken.
Mike und ich stehen auf einem weiten Feld. Moina haben wir bei meinen Eltern untergebracht, denn wir wollen heute etwas Besonderes unternehmen.

Mit unserem Leihwagen, einem Renault Megane, werden wir nach NotNorddeutschland fahren und von dort einen Drachenflug in Richtung Schweiz starten. So sieht zumindest Mikes Plan aus, der für mich total überraschend kommt. Über uns bemerke ich den bunten gespannten Stoff der Drachenflügel… Das ist Wahnsinn! Wir sind noch nie mit einem solchen Gerät geflogen! „Das ist doch leichtsinnig! Muss man nicht wenigstens einmal vorher geübt haben?“

Mike schlägt alle meine Bedenken unwirsch in den Wind: „Ach was, was willst Du denn da groß üben? Wir fliegen los und haben unseren Spaß!“

Allein die Vorstellung – und die ist gerade sehr realistisch… – hoch oben in den Lüften zu schweben und keine Ahnung zu haben wie man so einen Drachen lenkt, macht mir Angst. Okay, man ist mittels Gurten am Gerät gesichert, aber trotzdem… Gurte am Körper? Vor mir ein Bild von vor der Brust gekreuzten gelben Gurten… Das geht nicht! Ich denke an meine operierte Brust, die ich solchen Belastungen noch nicht aussetzen sollte und sage fest entschlossen zu Mike: „Straffe Gurte an meiner Brust könnten jetzt schaden. Drachenfliegen kommt für mich nicht in Frage.“

„Okay, Du hast Recht, das hatte ich nicht bedacht“ gibt Mike sich einverstanden.

Aber was machen wir nun? Mike macht den Vorschlag, da wir ja den Wagen schon für diese Woche geliehen haben, einfach mit diesem in die Schweiz zu fahren.

„Wie, ohne Moina??“

„Ja, sie ist ja schon bei Deinen Eltern untergebracht, dann nutzen wir mal die Gelegenheit zur Zweisamkeit“ meint Mike.

Mein Kind für die nächsten Tage zurückzulassen, obwohl es ja nicht notwendig ist, bereitet mir ein unwohles Gefühl. Dann gebe ich mir einen Ruck, rufe meine Eltern an und frage, ob sie damit einverstanden sind, sich die nächsten Tage um Moina zu kümmern, während wir mit dem Auto auf Tour gehen. Sonnige, leichte Stimmung kommt mir bei diesem Anruf entgegen. Mein Vater sagt, Moina sitze gerade im Schatten eines Holunderbusches und spiele ganz vergnügt. Es sei alles in Ordnung, wir sollten ruhig fahren. Das erleichtert mich, und es bleibt nur ein Rest schlechtes Gewissen, den ich gut in Kauf nehmen kann.

Wir fahren los. Irgendwann frage ich Mike, wohin genau es denn gehen soll.

„Genua… oder Milano…“ antwortet er.

„WAS? Soooo weit? Das sind doch mindestens 900 km von hier aus!“

Doch das juckt Mike wenig. Warum nicht diese Strecke fahren?

Es dauert gar nicht so lange, da liegt die Schweizer Grenze hinter uns. Es ist Abend und wir campieren mit unserem Auto in der Nähe eines gemütlichen Gasthofs. Dann und wann springe ich durch eine Hintertür – die extra für Camper offen steht – in den Gasthof, um Getränke zu holen oder die Toilette aufzusuchen. Daran stört sich ein älteres Ehepaar, das allein in dem Durchgangszimmer speist. Am meisten ärgert den Mann, dass ich die Tür immer einen Spalt offen lasse und so den kühlen Abendwind hereinlasse. Ich registriere das, allerdings ohne den Drang zu verspüren, etwas ändern zu müssen.

Zu später Abendstunde stellt sich ein kleiner Reisebus neben uns auf die Grünfläche. Eine Frau lenkt ihn, wirft einen lächelnden Blick zu uns ins Auto, während sie einparkt. Ein Teil ihre Fahrgäste beginnt bald mit einer Vorführung auf einer kleinen Bühne, die schnell errichtet ist. Ich werde in das dortige Geschehen mit einbezogen, woran ich Freude finde. Gleichzeitig falle ich durch mein Verhalten, das durch das Mitspielen ausgelöst wird, bei einigen Zuschauern unangenehm auf. Sie lassen es mich durch abschätzige Blicke spüren. Ich registriere das, verspüre jedoch nicht den Wunsch, mich anders zu benehmen.

Am nächsten Morgen in unserem Wohnwagen. Die Räumlichkeit des älteren Ehepaars, die mir am Vorabend begegneten, geht fließend in den Wohnwagen über. Der Wohnwagen verliert auf diese Weise die materiellen Wände der hinteren Hälfte, die nur noch als durchsichtige Energiemasse wahrnehmbar ist. Die Frau ist in unseren Bereich übergetreten, steht im Eingangsbereich und fordert missmutig: „Geben Sie mir doch schon mal die 200 Euro!“ Sie erklärt, der Betrag würde ihr zustehen, wegen der Unannehmlichkeiten die ich ihr und ihrem Mann durch meine Gegenwart, durch mein lärmendes Auftreten und durch das Offenlassen der Tür bereitet habe.

Zweihundert Euro? War so etwas abgemacht? Ich kann mich nicht daran erinnern. In mir sperrt sich alles dagegen, ihr den Betrag auszuzahlen. Gleichzeitig fühle ich mich auch in ihrer Schuld. Das alles verwirrt mich unangenehm.

Notizen:

Gestern schrieb P.-:
„ich sehe in die wolken hinein und denke, daß ich eigentlich gehen könnte. nichts hält mich auf, nur noch mein werk.“

Link:
Making Of: Die Geschichte des Uhrenträgers 3/2

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