Home » Traumtagebuch » Hosentaschenaltar vor der Bergpredigt

Hosentaschenaltar vor der Bergpredigt

Morschach
Traum:
[...]Für eine Weile Aufenthalt in Alt-Worpswede, ohne dass mir klar wäre, was genau hier Sache ist. Mit der Zeit wird es klarer. Eine hügelige Grünfläche an der Bergstraße. Einige Vorbereitungen werden getroffen; von Ernst und Feierlichkeit getragen.

Vor mir am Hang befindet sich eine rechteckige Grünfläche. Ich gehe links daneben den Weg hinauf. Nach nur wenigen Schritten erreiche ich eine nach vorne offene Bretterbude. Genau kann ich es nicht erkennen; es ist möglich das ein Chor darinnen steht. Einige Männer kommen mir hier entgegen. Es sind Sargträger in schlichten dunklen Anzügen und mit Zylinder; ohne Sarg. Sie machen mich auf etwas aufmerksam, was ich vergessen habe – ich habe allerdings vergessen, worum es dabei ging. Es ist ihnen wichtig. So richtig wirklich passt es mir nicht in den Kram, aber wenn es so ist, dann ist es so.

Nun gehe ich den Weg rechts neben der Grünfläche hinauf. Ganz oben findet nachher Lisbeths Beerdigung statt. Sie wartet schon dort oben, wo die Bergpredigt stattfinden wird. Auf gut halber Strecke begegne ich Martin L, der ähnlich aussieht wie Hans B. In Wirklichkeit schaut dieser Mann keinem von beiden ähnlich. Einzig von der Statur und von den Gesichtszügen her sehe ich die Verbindung. Er trägt einen schlichten dunklen Anzug und eine Schiffermütze. So wie ich ihn kenne, vertraut eben. Er ist auf dem Weg zur Beerdigung seiner Frau Lisbeth. Voller Unverständnis sagt er zu mir: „Ich verstehe nicht, dass Deine Eltern noch viel mit dem Rad unterwegs sind – in dem Alter!“
Seine Wange unablässig mit den Fingern streichelnd, bringe ich meine Verwunderung zum Ausdruck: „Aber Du selbst bist in dem Alter noch viel mit dem Rad unterwegs gewesen.“ Wenn ich mich richtig erinnere, ist er bis zu seinem Ende Rad gefahren. Entgeistert, so als könne er nicht glauben, dass ich so etwas behaupte, antwortet er: „Marianne…, Du weißt es doch ganz genau!“ Er meint damit, dass das nicht stimmt, was ich sage.
Deutlich sehe ich sein Zähne und seine straffe Wangenhaut, die ich immer noch unablässig streichele. Ich wiederhole: „Du bist im hohen Alter noch Rad gefahren!“
Er schaut mich an… In seinem Gesicht lese ich Unglauben. Er kann einfach nicht glauben, dass ich diese falsche Erinnerung für richtig halte.

Hans-Martin holt etwas hervor, das er immer bei sich trägt, schon seit sehr langer Zeit, so dass es inzwischen zu einem Altar wurde.. Es ist das Bild seiner Tochter Anneliese. Ich nehme es, betrachte es eine ganze Weile und wundere mich. Der kastenförmige Rahmen enthält ein lebendiges Bild von Anneliese als ganz kleines Kind. Ein leibhaftiges Kind ganz in Türkis gekleidet. Auf dem Kopf eine Strickhaube, unter dem Kinn gebunden. Aus der gleichen Wolle die Schühchen gestrickt und die Strümpfe, Rock und Jäckchen. Der Kopf des Kindes ist verhältnismäßig groß, gleicht eher dem Kopf der erwachsenen Anneliese. Etwas beunruhigend finde ich es schon, ein lebendiges Kindheitsbildnis der längst verstorbenen Anneliese in Händen zu halten. Ihr Gesicht ist ständig in Bewegung, Die Augen dabei meist geschlossen, wenngleich hinter den Lidern sehr bewegt. Vor allem ihre Augenbrauen sind sehr aktiv. Manchmal lacht sie leise. So wie jetzt auch, als Hans-Martin eine liebevoll-neckende Handbewegung in Richtung ihres Bauches macht und dabei Sternenstaub aufflimmern lässt. Da lacht sie leise kichernd, als habe er sie gekitzelt. Er liebt dieses Kind sehr, ich spüre es deutlich.

Es ist eine ganz sonderbare Atmosphäre, sehr dicht, sehr real, sehr intensiv, sehr nahe, fast traumhaft.

Tags: