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Der Laubesser

Traum:
Reise im Flugzeug. Das Innere erinnert an einen gemütlichen Eisenbahnwaggon. Ich sitze mitten auf einer Dreierbank. Auf der gegenüberliegenden Dreierbank und neben mir verteilen sich meine Koffer und Taschen. Einige Passagiere steigen hinzu. Ich sollte die Sitzplätze freiräumen. Während des Zusammensammelns werfe ich einen Blick in die Gepäckstücke und stelle betroffen fest, dass diese nur halb gefüllt sind. Klar, mir war aufgefallen, dass sie bei der Anreise viel praller gewesen waren. Aber dieser Anblick, alles fliegt lose in Koffer und Taschen umher, weist auf einen größeren Verlust hin, als ich bisher erwartet hätte! Hinzu kommt die Tatsache, dass Mike und Moina bereits vor mir abreisten, weil ich wieder nicht rechtzeitig in die Pötte gekommen war. Vage ein Gefühl der Verlorenheit – eine Verlorenheit, die gar nicht hätte sein müssen…

Auf der Dreierbank rechts des Ganges sitzt eine Mutter mit ihrem Baby. Es ist ein kleiner Junge. Als die Mutter aufbricht, um ein paar Zeitschriften zu besorgen, gehe ich zu ihr: „Ich nehme Ihnen gerne solange den Jungen ab! Da können Sie ungestört und in aller Ruhe auswählen. Das ist doch auch mal schön, oder?“

Erfreut nimmt sie das Angebot an und überreicht mir ihren Jungen. Nun bin ich aber doch etwas unsicher und frage vorsichtshalber: „Es ist doch ein Junge!?“

„Ein Mädchen; sie heißt Rosi“, antwortet die Mutter.

Rosi… ah ja… ein ziemlich draller Name, der dem Kind einiges an rotwangiger Mädchenhaftigkeit abverlangt, überlege ich. „Ach ja, die Babys, da erkennt man den Unterschied noch nicht so…“ murmele ich kleinlaut, nun doch ein wenig unangenehm berührt. Die Mutter zeigt sich von meinem Irrtum unberührt; da ist wohl alles okay.

Etwas später erscheinen zwei oder drei Männer in Uniform. Auf den ersten Blick Fahrkartenkontrolleure, wie sie in Frankfurt häufiger anzutreffen sind: ostdeutsche, oft sächselnde Angehörige der unteren Schicht. Diese Kontrolleure wirken auf den zweiten Blick jedoch ernst und gebildet; vielleicht doch nicht der unteren Schicht abstammend, sondern eher neu verarmt. Sie sind gekommen, um Spenden einzusammeln. Ich sage gleich, wie es ist: „Ich habe selbst nur einige Cent.“ Aber okay, ein wenig will ich davon abgeben. Als ich mein Portemonnaie öffne, fällt eine 1 Euro Münze zu Boden. Oups, so viel Geld habe ich? Mir scheint, die Blicke aller Menschen um mich herum fallen auf die verräterische Münze am Boden, die zweifelsfrei von meinem Reichtum kündet. Aber ich kann, ich will diesen Euro nicht geben – es ist ja auch damit noch wenig genug für mich…

Wenige Zeit später treffe ich wieder auf die Spendensammler. Sie haben sich nah bei meinem Sitzplatz eingefunden. Einer der Männer sammelt das feuchte braune Laub vom Boden in einen Beutel. Ah, verstehe! Letztlich geht es um das angesammelte Gewicht, das die Männer ihrem Arbeitgeber am Ende des Arbeitstages vorweisen müssen. Da ist feuchtes Laub natürlich günstiger als trockenes Laub. Es sieht so aus, dass die Männer wieder nicht ausreichend Spenden sammeln konnten, und nun auf diese Weise versuchen, auf den mindesten Ertrag zu kommen. Es hat etwas still Niedergebeugtes; die Männer klagen nicht. Nun sitzt der Mann auf der Bank und stopft sich hektisch feuchtes Laub in den Mund. Gerade isst er an einem großen Spitzahornblatt, wie an einer Butterstulle. Tapfer schluckt er die unnatürliche Kost hinunter, um selbst noch ein wenig an Gewicht zuzulegen. Meine Güte, wie groß ist die Not, wenn sie dahin führt, dass ein Mensch Laub isst? Wie viel Verzweiflung steckt wohl hinter dieser Maske gleichmütiger Akzeptanz? Es ist unerträglich! Sofort öffne ich mein Portemonnaie, um großzügig zu spenden. Ein Blick in das Fach für Geldscheine… Hey! Da sind, völlig unerwartet, zwei Geldscheine! Ein 5 Euro und ein 20 Euro Schein. Der 20 Euro Schein fällt ins Auge: seine Farbe ist gelblichgrün. Davon habe ich bis zu diesem Augenblick nichts gewusst! Uih, das ist ja toll. Hm, wie viel will ich denn jetzt spenden? Ich muss echt überlegen, denn das ist eine unerwartete Ausgangsbasis.

Einige Schritte nach links, ein Vorraum zu einer Kegelbahn, die heute nicht genutzt wird. Hier ein kleiner Tresen – ursprünglich nur für den Ausschank von Tee mit kleinem Gebäck gedacht. Liane ist die neue Besitzerin dieser Lokalität. Wagemutig installierte sie an diesem Tresen eine Bierzapfanlage. An den gefüllten Gläsern, die Liane in großer Zahl verteilt, sehe ich, dass es sich um Köpi handelt. Das Geschäft läuft super! Das Bier läuft in Strömen in die Gläser und in kleinem Bach über den Fußboden. Schnell hebe ich meine Fahrradtasche an, damit sie vom Bier verschont bleibt. Da hat Liane klug investiert. Bier, Bier, Bier!

Einige Schritte weiter geradeaus, in jenem Raum, in dem ich meine Unschuld verlor. Hier sitze ich auf einem Behandlungsstuhl. Ein freundlicher Mann um die Vierzig wendet sich mir aufmerksam zu, betrachtet mein Gesicht genauestens und schlägt dann vor: „Wenn Sie etwas cremegelben Lidschatten und hellen Puder haben, dann schminke ich Ihnen die gelblichen Hautverfärbungen an den äußeren Augenwinkeln fort.“

Ah so, okay. Zwar störte mich die Verfärbung bisher nicht – ich wusste ja auch nichts davon – aber was sollte ich schon gegen eine Verschönerungsaktion haben? Also: „Ich selbst habe weder Lidschatten noch Puder, aber ich sah vorhin, dass eine der Frauen im Abteil so etwas vorrätig hat.“

Der Mann zweifelt: „Ich glaube nicht, dass dies eine der Frauen bei sich hat.“

Mit den Worten „Aber ja, doch! Noch auf dem Weg hierher sah ich ein paar Frauen, die den Fahrgästen eine Gesichtspackung mit Rapunzel Mandelmus anbieten. Ich sah sogar einige Leute mit Mandelmus im Gesicht!“ laufe ich los.

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