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Schlimmer Finger

Traum:

Ich sitze auf der Straße – genauer gesagt, auf einem Streifen zwischen zwei Fahrbahnen. Der Himmel ist klar, aber es ist noch kühl an diesem Frühlingstag. So trage ich eine alte abgewetzte, billige Lederjacke über meiner Bauernkarobluse. Zwei Männer kommen hinzu. Fast möchte man meinen, es seien Vagabundierende. Einer von ihnen ist der Mann aus dem Traum zuvor : der Kollege von Mike. Wieder tiefe, andauernde Augenblicke zwischen uns… Allerdings sieht er jetzt etwas anders aus. Etwas gedrungener, die Haare dunkler, die Haut wettergegerbt, die Lederjacke vom Leben abgenutzt. Die beiden Männer wollen erst etwas später für einen längeren Aufenthalt zurückkehren. Der Kollege sorgt sich etwas und meint, es sei noch zu kalt, ohne Jacke zu sitzen. Worauf ich sage, dass ich eh vorhabe, meine Jacke erst später auszuziehen. Da nimmt der Kollege die obere Hälfte seines Daumens von der Hand und reicht sie mir einstweilen. Ich nehme das Stück. Die Männer gehen fort.

Oha, die Haut ist braunledrig, an der Abrisskante etwas fransig. Der blauschwarze Daumennagel halb abgerissen. Da muss was gemacht werden. Mit einer Nagelschere schneide ich das lose Stück ab. Darunter kommt ein Nagelrest zum Vorschein, der in klebrigem Wundsekret schwimmt. Ganz vorsichtig versuche ich, auch das Stück zu entfernen, was mir nicht vollständig gelingt. Als der Kollege zurückkehrt, teile ich ihm gleich mit, dass ich nicht alles entfernen konnte. Aber nein, das habe er auch nicht erwartet, kommt zur Antwort. Er streckt mir seine Hand entgegen. Dort, wo eigentlich der Zeigefinger sitzt, gähnt ein schwarzes Loch im Fleisch. Klar, ich soll ihm den Finger gleich direkt aufstecken, das fände er schön. Aber nein, das bringe ich jetzt doch nicht über mich! Ich reiche ihm den Finger in die ganze Hand. Er bemerkt sofort, dass ich immer noch die Jacke trage. “Ja, es ist immer noch zu kalt”, antworte ich. Wieder treffen sich unsere Augen… lange… tief… Und da ist so eine Traurigkeit, so eine Sehnsucht…

Notiz:
Der eigenständige Daumen erinnert mich an ein Seminar. Stichwort: Kritik der reinen Vernunft.

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