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Augenblicke und Kopfgeschichten

Traum:

Viel um die Ohren! Einige große Tische an denen Bekannte und Verwandte sitzen. Für alle habe ich gekocht, bewirtete sie mit Getränken und bereite die Tische für das gemeinsame Essen vor. Dann endlich, nach vielen Stunden Arbeit, will auch ich mich dazusetzen. Ich gehe zu einem freien Platz am Familientisch und frage: “Ist dieser Platz noch frei?”
Wilma, die bei Alexander auf dem Schoß sitzt, ruft: “Nein, das ist mein Platz!”
Okay, da ist ein weiterer Stuhl frei: “Ist dieser Platz für mich frei?”
Eine Frau, die bei ihrem Partner auf dem Stuhl sitzt, schüttelt mit dem Kopf: “Nein, da sitze ich!”

Beide antworten fest entschlossen – keine Chance für mich. Weitere Plätze sind nicht frei. Es kränkt und erzürnt mich, dass beide nicht bereit sind, mir diesen Platz zu überlassen! Nun koche ich innerlich. Mühsam beherrscht verkünde ich: “So viel Arbeit mache ich mir nie wieder! So undankbar wie ihr seid!” Ich bin stinksauer.

Mike betritt die Räumlichkeiten. In seiner Begleitung ein Kollege – ein sanftmütiger Steinbocktyp – den er mir heute vorstellen will. Auf das Kennenlernen freue ich mich schon, seitdem ich davon weiß, dass es heute stattfinden wird. Leider muss ich das noch einen Moment verschieben, denn unerwartete Essensvorbereitungen haben Vorrang. Der Kollege schaut zu mir herüber. Sein Blick ist ernst, lang und tief, und ein wenig traurig.

Wenige Minuten serviere ich auf dem Familientisch einen Blumenkohlkopf auf einem ovalen Silbertablett. Kaum steht es auf dem Tisch, da fällt mir auf, dass viel zu viel Kochwasser auf dem Tablett schwimmt. Mit einem Esslöffel schöpfe ich die Gemüsebrühe zurück auf einen Teller in meiner Hand. Die Ältere hilft mir dabei, hebt den Blumenkohl an, damit ich besser an das Wasser komme. Dabei sticht sie mit dem Zeigefinger mitten in den Kohlkopf! Oje, jetzt ist ein Loch drin! “Bitte tue das nicht – sei bitte vorsichtig!” Was mir nicht gefällt, wozu ich aber nichts sage: Der Blumenkohl ist noch nicht gar.

Nach einer Weile kehre ich aus der Küche zurück an den Tisch. Dabei einen Teller mit leckerer gebundener Gemüsesauce. Mit einem Schaumlöffel hält die Ältere den Kohlkopf hoch und ich löffele die Sauce dazu. Klasse, der Blumenkohl brutzelt inzwischen richtig auf dem Silbertablett, so als sei ein Feuer unter dem Tisch. Finde ich gut, dass die Brühe noch gebunden werden musste, denn in der Zwischenzeit ist der Blumenkohl richtig durchgegart.

Wegen dieser Sache allerdings gab es immer noch keine Gelegenheit, den Kollegen zu begrüßen, was ich bedauere. Unser Blick begegnet sich, bleibt zusammen – tief und ernst. Es berührt mich. Umso unbefriedigender erlebe ich es, dass es zu keiner direkten Begegnung kommt. Der Kollege geht dann. Auch ich mache mich bald darauf auf den Weg.

Ich eile eine menschenleere Gasse mitten in einer alten Stadt entlang. Spüre das Kopfsteinpflaster unter meinen Füßen. Eine Stille, vielleicht schlafen die Menschen in ihren Häusern. Bald sehe ich den Kollegen, der hier all sein Hab und Gut mitten auf die Gasse gestellt hat. Er will das alles anderen Menschen geben. Als ich daran vorbeilaufe, begegnen sich wieder unsere Blicke – wortlos, tief und ernst… und da ist wieder diese Traurigkeit, vielleicht auch Sehnsucht in seinen Augen. Und mit einem Male wird mir etwas klar: Dieser Mann hier, Mikes Kollege, das ist Hans vom See; er hat seine körperliche Erscheinung gewechselt. Ich laufe weiter, es geht langsam; meine Beine sind wie Gummi. Ich erinnere mich, dass das eine Eigenart mancher Träume ist, einen nicht vorankommen zu lassen. Also, es ist kein Grund, mich zu sehr davon beeindrucken zu lassen. Einfach weiterlaufen und akzeptieren, dass es nicht schneller geht. Ein Blick zurück. Der Kollege steht immer noch still da, schaut mir nach und unsere Augen begegnen einander. Weiterlaufen. Ehe ich um die Hausecke nach links abbiege, noch ein Blick zurück. Ganz fern sehe ich den Kollegen. Sein Blick folgt mir.

Irgendwann erreiche ich die Wohnung des Kollegen. Die Einrichtung fühlt sich dänisch an. Seine Tochter hat Freundinnen zu Besuch; sie feiern, als Prinzessinnen verkleidet; vielleicht ihren Geburtstag. Ihr Vater, der Kollege, kümmert sich fürsorglich und aufmerksam um seine Tochter. Es ist berührend zu erleben. Neben dem Kollegen steht ein Freund; ein dreißigjähriger, etwas zynisch wirkender Steinbocktyp. Der Kollege fragt mich mit einem warmherzigen Lächeln, ob ich auch ein Stück Himbeertorte haben möchte – er hat diese extra für diese Feier gebacken. Ich habe allerdings schon einen Teller mit Himbeertorte in der Hand und habe mir gerade ein großes Stück des leckeren Kuchens in den Mund gesteckt. So kann ich nur mupfelnd anworten: “Mh, dnke, mmhm, ich hab scho.”

Da sagt der Freund zum Kollegen: “Die ist dumm, die kann ja nicht mal richtig sprechen.” Mit anderen Worten: Kümmere Dich mal nicht um die, sie ist es nicht wert.
Aha!? Erbost stelle ich fest: “Und ein Stummer, der gar nicht sprechen kann, der ist dann wohl komplett verdummt, oder wie?”
Ich bin jetzt echt sauer. So ein Unfug!

Am unteren Treppenabsatz im Hause der Älteren treffe ich wieder auf den Kollegen. Die Feier ist zu Ende und ich will mich nun wenigstens von ihm verabschieden, wenn schon das Kennenlernen nicht geklappt hat. Mit der Kappe, die ich in der Hand trage, schlage ich ihm neckend mehrmals auf den Kopf. Erschrocken bedeckt er seinen Kopf mit den Händen und sagt: “Nein, nicht! Bitte tue das nicht”!
Oh, er ist echt erschrocken. Ich scheine ihm wirklich wehgetan zu haben. Oh, mein Gott, das wollte ich ja wirklich nicht – nun bin auch ich erschrocken, möchte mich entschuldigen und… da liegen wir uns irgendwie in den Armen. Ganz nahe sind sich unsere Gesichter und wir schauen uns lang in die Augen – ernst und ein bisschen traurig. Ich entschuldige mich, errötend, und tauche unabsichtlich noch tiefer in seine Augen. Worauf er leise fleht: “Nicht mein Herz brechen… – bitte nicht!”
Okay.

Notiz:
Das Loch mitten auf dem Blumenkohlkopf lässt mich an eine Aussage denken, die Moina gestern machte: “Ich war so müde, ganz dolle müde, aber der Schlaf ist immer aus meinem Kopf raus.” Dabei zeigte sie auf den Scheitelpunkt.

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