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Gesellschaftliche Anpassung

Traum:
Gleich werden die Gäste eintrudeln! Ich eile ins Bad, um mich anzukleiden, komme nicht dazu. Renne barfuss und mit freiem Oberkörper wieder raus, nur mit einem knielangen schwarzen Rock bekleidet, und kümmere mich um meine Gäste. Um aber nicht so nackt durch die Gegend zu laufen, drücke ich mir ein blau-weißes Plaid vor die Brust.

Ein kleiner Teil der Gäste hat sich in das Wohnzimmer der Älteren zurückgezogen. Darunter auch Keno und Carl, deren Absonderung ich etwas bedauere. Vor allem befürchte ich, die beiden könnten gehen, ehe ich Zeit für sie finden konnte.

In der Küche wartet viel Arbeit! Der Herd steht voller großer Töpfe, in denen es kocht und brodelt. Dampf erfüllt den Bereich am Herd; dies und die hohe Arbeitsanforderung erhitzt mein Gesicht. Die Ältere steht in der Küche und hilft, ansonsten könnte ich das wohl gar nicht bewältigen. In Handumdrehen habe ich ein Bündel frisch gewaschene, glatte Petersilie vorbereitet und streue sie nun auf cremegelbe Suppe, die in Suppentellern angerichtet wird.

Mit einigen Suppentellern beladen laufe ich hinaus ins Freie. Einer der Tische erstreckt sich viele, viele Meter weit. Zu beiden Seiten sitzen Gäste. So viele Gäste! Es müssen weit über hundert sein. Als ich an den hintersten Plätzen ankomme, habe ich bereits alle Teller mit Suppe verteilt. Schnell zurück zur Küche, Suppe holen. Dort erfahre ich: Suppe ist aus! Hm, wollen wir welche nachkochen?!? Nein, dafür ist keine Zeit, denn der Hauptgang ist bereits angerichtet und muss serviert werden. Ich renne wieder raus, das Plaid habe ich längst abgelegt. Es behinderte ja nur. Inzwischen habe ich mich wohl auch warmgearbeitet, denn es stört mich nicht, mit nacktem Oberkörper zwischen den Gästen herumzulaufen.

Als ich das Ende des langen Tisches erreiche, ziehe ich mir ein anthrazitfarbenes Shirt mit V-Ausschnitt über. Während ich es über den Kopf streife, bemerke ich den weichen elastischen Stoff, der überraschend durchscheinend ist. Es fühlt sich total angenehm auf der Haut an. Aber es ist – äußerlich betrachtet – ziemlich eng, und ich weiß nicht, ob dieses Kleidungsstück bei Keno und Carl Gefallen findet. Ich fühle mich etwas zu dick dafür. Aber was soll’s, für solche Eitelkeiten ist jetzt keine Zeit. Den Gästen, die auf Suppe warten, biete ich an, diese erst nach dem Hauptgang einzufordern, da das Hauptgericht nun serviert werde und es zu einer Kollision käme, wollte ich mich jetzt auch noch um die Suppe kümmern. Zudem müssten sie die Suppe derart eilig herunterschlingen, dass es sicher kein Genuss wäre. Murrend akzeptieren die Leute meinen Vorschlag.

Also wieder zurück zur Küche. Nach nur wenigen Stühlen komme ich an Irmgard vorbei, die sich mokiert: „Wie kann man nur halbnackt rumlaufen, wenn man so aussieht wie sie!“ Sie weist nickend in meine Richtung, während sie die anderen Gäste darauf aufmerksam macht. Da ich es genau hörte, kehre ich um. stelle mich vor ihr hin und frage mit herausforderndem Blick: „Warum sitzt Du mit nackten Oberarmen hier? Du hast dort Cellulite! 97 Prozent der Frauen haben Cellulite an den Oberschenkeln, aber kaum über 50 Prozent haben dies an den Oberarmen! Also, für mich kein Grund zum Schämen. Aber Du müsstet Dich dafür schämen, zu den 50 Prozent zu gehören.“
Sie zeigt sich verhalten-empört und voller Unverständnis. Ich spüre meine Wut! Und gehe weiter, zurück zur Küche. Kochen, kochen, kochen und servieren – hui, so viel Arbeit auf einmal! Hoffentlich hauen mir Keno und Carl während dieser Zeit nicht ab. Eingeplant ist, dass sie für einige Tage hier bleiben. Allerdings erinnere ich mich, dass sie beim letzten Treffen nach kurzer Zeit wieder gingen, ohne dass wir ins Gespräch gekommen wären. Hinterher war ich darüber sehr traurig. Ich kümmere mich um das Wohl der Gäste, schaue überall nach, ob es noch Wünsche gibt. Reagiere auf alle mit einem freundlichen Lächeln und verrichte ganz souverän meine Arbeit. Es macht mir Freude, dennoch ist es von einem unangenehmen Gefühl begleitet, denn ich frage mich, wie Keno und Carl meine stete Freundlichkeit bewerten. Ist das in ihren Augen auch nur eine übertriebene gesellschaftliche Anpassung? Hm, eine schwierige Frage ist.

Als dann endlich das Essen verteilt und alle Gäste versorgt sind, setze ich mich mit Moina an den Tisch, der im Kinderzimmer der Älteren steht. Keno sitzt am Tisch und reagiert gereizt, weil Moina lautstark herumtobt. Er fährt sie barsch an: „Es nervt!!“ Immerhin, auch Carl ist noch da und dieses Mal macht es wirklich den Eindruck, dass die beiden mich nicht frühzeitig verlassen werden. Ich freue mich auf einen Plausch. Gleich, wenn die Arbeit erledigt ist. Ich muss ja noch aufräumen.

Draußen am Haus ist es nachtdunkel. Ein Lieferwagen vom Obst- und Gemüsekontor ist vorgefahren. Einige Kisten stehen draußen. Wir laden das Gemüse ein, das heute übrig geblieben ist. Ah, das wusste ich bis jetzt gar nicht. Aber das ist ja wunderbar, denn es ist reichlich übrig geblieben. Bei so vielen Gästen lässt es sich schwer einschätzen. So verlade ich knackige Tomaten und frisches grünes Gemüse. Weiter rechts ist es sonnenhell. Wir stehen an einem kleinen Bahnsteig. Einige bunte Wägelchen stehen auf dem Gleis. Ein umgekehrter Kindersturzhelm wird ebenfalls auf die Gleise gerichtet – als extra kleiner Wagen. […]

Zurück am Gemüselieferwagen. Nacht. Mit den Rollwägen, Kästen und dem Lieferwagen überqueren wir den Bahnübergang, gehen am anderen Bahnsteig einige Schritte vor und packen weiter. Herrlich, ein erfrischendes Gewitter naht. Ich blicke, mit in den Nacken gelegten Kopf, in den klaren Nachthimmel. Da, ein Blitz direkt über mir! Ein Streifen Regentropfen nässt meine Haare.

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