Home » Traumtagebuch » Taifun-Hähnchen und Kirschblüte im Schnee

Taifun-Hähnchen und Kirschblüte im Schnee

Traum:
Irgendwann, der Tag neigt sich dem Ende zu.
Ein vielschichtiger Betrieb in einem weiten Gebäude.
Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich mich den ganzen Tag nicht um mein kleines Baby gekümmert habe. Ja, es ist so, als werde mir erst wieder bewusst, dass ich ein solches Baby habe. So schnell wie möglich will ich es stillen! Mein Baby: ein kräftiger Junge, für sein Alter groß gewachsen, gesund. Vermutlich haben die Schwestern sich um ihn gekümmert, ihm Nahrung gegeben. Mein schlechtes Gewissen ist mindestens ebenso groß wie dieses Baby.

Den ganzen Tag arbeite ich in diesem Betrieb. Ein mir gleichaltriger Mann ist seit einiger Zeit an meiner Seite – das ist durch den Arbeitsplatz bedingt. Er ist schlank, groß, dunkelhaarig, trägt einen Anzug; vermutlich ein Kellner. Anfangs denke ich, es sei David Copperfield, wobei dies keinerlei Bedeutung hat. Vielleicht liegt es an dieser Bedeutungslosigkeit, denn der Eindruck, er sei Copperfield, verblasst mit der Zeit, löst sich dann auf, ohne dass es noch erwähnt werden müsste. In seiner Nähe fühle ich mich sehr wohl und aufgehoben. Wärme und Nähe. Dies empfinde ich so stark und tief, dass ich es für selbstverständlich halte, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht. Ich fühle mich beachtet und wertgeschätzt und umsorgt.

Mir fällt ein, dass eine Reisegruppe erwartet wird: zehn Frauen, die alle Taifun-Hähnchen zum Mittagessen bestellt haben. Der Tisch muss noch gedeckt und das Essen zubereitet werden. Meine Kolleginnen wissen nichts davon, und ignorieren es selbst dann noch, nachdem ich darauf aufmerksam machte. Als ich einen Blick in die Vorräte werfe, sehe ich: es wurde kein Taifun-Hähnchen bevorratet!

Am nächsten Tag – gegen Mittag. Mit dem Mann von gestern, dem Kellner, stehe ich wie in einem Boxring, der sich im Personalbereich des Betriebes befindet. Eine Tatsache, der ich keinerlei Beachtung schenke – wozu auch. Meine Kehle ist wie zugeschnürt, in meiner Brust ein Druck, ein Stau von zu vielen trockenen Tränen. Meine Stimme ist weinerlich. Das Gefühl der Verzweiflung und Hilflosigkeit so übermächtig, dass ich mit vorgebeugtem Körper stehe; wie ein Krampf.

Ich sage zu dem Mann: „Der Einkauf für das Essen, für die Reisegruppe, muss schnell erledigt werden. Ich habe im Lager nachgesehen; es sind keine Taifun-Hähnchen bevorratet.“

Er ignoriert das alles – sein Desinteresse empfinde ich als schmerzlich. Er dreht mir den Rücken zu, beugt sich vor und macht Notizen in seinem Block [Wenn das mal kein (innerer) Blogger ist...] Bei diesem Vorbeugen rutscht sein Jackett hoch und gibt den Hosenboden frei. Genau im Bereich des Anus bemerke ich einen leichten Fleck auf dem Hosenstoff [analer Charakter?]. Im ersten Moment bin ich versucht, ihn mit den Fingern fortzureiben. Zögere dann aber, schließlich sind wir uns ja gar nicht so nahe. Traurigkeit macht sich in mir breit.

Etwas bedrückt mache ich mich auf den Weg zum Markt und treffe, noch im Betrieb, die Erdhügel-Leiterin. Ich erzähle ihr, dass sich heute Mittag eine zehnköpfige Reisegruppe angemeldet hat, die Taifun-Hähnchen zum Mittagessen vorbestellt hat.

Darauf antwortet sie knapp: „Von einer solchen Reservierung weiß ich nichts.“

Das kann ich bestätigen: „Ja, es gibt tatsächlich keinen Eintrag im Buch! Das wurde versäumt.“

Emotionslos tadelt sie: „Aber das ist doch kein Grund zum Weinen!“

„Jaja, natürlich nicht“, gebe ich kleinlaut zu.

Gereizt sagt sie: „Warum sprechen Sie überhaupt von Taifun-Hähnchen??“

„Ach so, ja, ich meine natürlich Thai-Hähnchen! Ach nein, falsch. Ich meine chinesische Hähnchen!!!“

Endlich, zum ersten Mal, bringe ich es richtig heraus und verspüre nun eine deutliche Erleichterung. Ich selbst hatte bis zu diesem Augenblick, da das Wort von selbst über die Lippen kam, nicht gewusst, wie es richtig heißt.

Auf dem Weg zum Markt ziehe ich ein zerknittertes Notizzettelchen aus der Gesäßtasche meiner Jeans: der Einkaufszettel. Hoffentlich bekomme ich alle Zutaten.

Auf dem Rückweg kommt mir in den Sinn – und dieses Mal ganz pünktlich – dass ich mein Baby gleich stillen muss. Dass ich mich von allein daran erinnere gibt mir ein gutes Gefühl. Überhaupt, dass ich heute sagen kann: ich habe meinen Sohn vier Mal genährt (zwei Mal gestillt, zwei Mal gefüttert). Was bin ich froh und erleichtert. Endlich bringe ich wieder Ordnung in mein Leben. Das einzig Unangenehme ist noch, dass ich bisher keinerlei Beziehung zu meinem kleinen Sohn aufbauen konnte.

Inzwischen habe ich die Nationalbibliothek erreicht – die rein äußerlich an eine „Szenekneipe an der Ecke“ erinnert. Die Abendsonne steht tief. Ihr goldleuchtendes Licht strömt durch die Gassen. Ein Trupp junger Frauen – alle in Jeans, alle mit langen glatten Haaren, alle natürlich hübsch – kommt mir entgegen. Sie kommen vom Betrieb, in dem wir ja alle nicht nur arbeiten, sondern auch leben. Nun haben sie Feierabend und, wie so oft, treffen sie sich mit ihren Leuten in der Nationalbibliothek. Die Stimmung ist angenehm unbeschwert und lebensfroh – selbst ich spüre es in mir, obwohl ich ja noch mit meinem Einkauf zurück in den Betrieb muss.

'Mono no aware' von Traumzeit Nach wenigen Schritten führt mich der Weg durch eine herrliche Schneelandschaft. Zu beiden Seiten des schneeweißen Fahrweges türmt sich der Schnee. Der Blick geht weit. Überall Kirschwäldchen in voller Blüte! Der wolkenlose Himmel ist leicht milchig gemildert. Das alles zusammen ist ein Anblick von atemberaubender Schönheit. Das natürliche Weiß des Schnees, das Rosa der zarten Blüten in einer solchen Fülle, der blaue Himmel…
Ich sollte ein Foto davon machen. Mit dieser Überlegung geht mein Blick nur noch geradeaus. Doch geradeaus ist der Betrieb zu sehen, der sich lang nach beiden Seiten ausstreckt und wie eine Barriere auf dem Weg liegt. Die Fassade zeigt drei Reihen jeweils durchgängigen Balkon, die alle voller Skifahrer sind, die ihr Gesicht der Sonne entgegenstrecken. Nee, wenn ich das Foto mache, dann nimmt das den größten Raum ein und die Schönheit des Schnees und der Kirschblüte verschwindet dahinter. Hm… Natürlich könnte ich auch einen Ausschnitt oberhalb des Betriebsgebäudes wählen, dann würde ich das festhalten können, was mich gerade so berührte. Aber ach nee, das ist doch alles Verfälschung. Ich verliere sofort die Lust daran.

Warum kommt das Traum-Ich nicht auf die Idee, einfach eine Aufnahme vom übrigen Gelände zu machen, wo sich die unberührte Schnee-Kirschblüten-Landschaft weit ausdehnt? Tunnelblick?

Notiz:
linken Am Vortag über die Lustfußigkeit gestolpert. … chinesische “Schönheits”-Methode.

Status:

11/25+5

Tags: