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Schamgefühl und ‘Traubensaft’ singen

Traum:
Im Erdhügel-Kindergarten – kurz vor der Aufnahme neuer Kinder. Die Kinder singen und tanzen im Kreis, sich an den Händen haltend. Dicht gedrängt, im Gang, stehen viele Erwachsene in dunklen Anzügen. Der dunkle Trommler erscheint; ebenfalls – das ist ungewöhnlich – mit einem dunklen Anzug bekleidet. Der Trommler sieht heute kleiner aus, als ich gewohnt bin; erinnert vage an einen Ausbilder. Er trägt Rastazöpfe – selbstverständlich. Im Augenblick des Erkennens hebe ich meine Hand zum Gruß und nicke ihm erfreut zu. Er strahlt, grüßt zurück und tritt durch die bereits geöffnete Tür in einen Raum. Schon bald gehe ich hinterher.

Auch dieser Raum ist dicht gedrängt voller Menschen in dunklen Anzügen – sie haben etwas Jüdisches an sich. Die Veranstaltung beginnt. Der Trommler steht im Mittelpunkt des Interesses. Er winkt jemanden herbei, der bei der Vorstellung mitwirken soll. Anfangs fühle ich mich aufgefordert; weil auch ich Rastazöpfe trage. Stelle alsbald fest, dass ich gar nicht gemeint war – jedenfalls nicht ausdrücklich. Nun stehe ich aber bereits bei dem Trommler und er sagt, es sei okay. Mir ist dieser kleine Irrtum ziemlich unangenehm.

Ich stehe in der Ecke, mit gesenktem Kopf, und schäme mich – etwas übertrieben in Szene gesetzt, die feuchten Lippen vorgestülpt, wie ein Weinen unterdrückend. Meinem Empfinden nach ist dies zu Ehren des Schamgefühls in Szene gesetzt. Forschend streift mein Blick die Gesichter im Publikum. Alle schauen mich an. Eine an sich beschämende Situation; oh Schande! Genau so ist es vom dunklen Trommler gewollt – dieser Showeffekt soll vor allem als Lehrstück dienen. Ich finde, ich mache meine Sache gut. Mein Schamgefühl ist glaubhaft, wenngleich mir bewusst ist, dass ich mich kein bisschen damit identifiziere. Aus diesem Grund sind die auf mich gerichteten Blicke auch nicht unangenehm, sondern einfach nur interessant. Nebenbei bemerke ich den stillschweigenden Mann, der links hinter meinem Rücken steht. Vermutlich ist das der Mann, den der Trommler vorhin tatsächlich zum Mitmachen aufforderte.

Zu dieser Aufführung singt der Trommler ein Lied, das genau davon handelt; vom Schamgefühl Unschuldiger, die von der Masse begafft werden, wodurch erst Schande auf sie fällt. Ein Lied, das zum Nachdenken anregen soll; das bewusst machen soll, dass wir manchmal allein durch unser Verhalten Menschen ausgrenzen. Der Trommler singt es mit ergreifend melodischer Stimme und aus vollem Herzen – berührend.

Dieser Raum hier ähnelt einem alten Bahnhofslokal. Links von mir hängen vier Utensilien an der dunklen Holzwand – vielleicht zum Zubereiten von Mixgetränken. Alle sind ganz eigen geformt; gemeinsam ist ihnen ein spiralförmiges Element. Dem Trommler genügen zwei dieser Geräte. „Weiter“, fordert er auf und ich muss mal sehen, welches von den vier Teilen er gemeint hat.
Nach diesem Auftritt gibt es sehr viel Freude unter den Menschen, die sich in lautem Beifall ausdrückt. Es ist sehr bewegend.

Dann sind alle gegangen. Ein Ehepaar im Seniorenalter bleibt im Hauptraum des Speiselokals zurück. Sie saßen an einem Tisch am Fenster. Der Mann hat den Betrag für das Essen bereits auf den Teller mit der Rechnung gelegt – Trinkgeld inklusive – und ist zur Toilette gegangen. Seine Frau spricht den Trommler an; bekundet ihre Begeisterung. Ich stehe direkt bei ihnen und überlege, den Tisch abzuräumen. Mir ist mit diesem Vorhaben nicht ganz wohl, denn schließlich will ich das Trinkgeld unangetastet lassen. Wie leicht könnte ich es aber während der Arbeiten vom Teller rühren, so dass es zwischen dem gebrauchten Geschirr abhanden kommt?!
Der Trommler freut sich sehr über die Begeisterung der Frau, die gerade sagt: „Ich will Sie noch einmal sehen!“
Er antwortet: „Ein Mann kann niemals so schön ‚Traubensaft’ singen wie eine Frau!“ Dabei singt er das Wort ‚Traubensaft’ so melodisch und geradezu überirdisch schön, dass ich ihm spontan zustimmen möchte. Nur vage dringt dabei in mein Bewusstsein, dass er ja ein Mann ist und es so wunderschön singt, dass es auch von einer Frau kaum zu überbieten wäre.
Die Frau sagt: „Ich will Sie unbedingt noch einmal sehen und hören!“
„Oh“ antwortet der Trommler, nun etwas überrascht, „Sie wollen nach Paris kommen? Wenn Ihnen das gelingen will… Da müssen Sie die Route aber sehr genau kennen!“

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3 Antworten zu Schamgefühl und ‘Traubensaft’ singen

  1. Liebe Traumzeit,
    an diesem Traum finde ich faszinierend, dass das (Ihr) Schamgefühl geehrt wird. Eine tolle positive überraschende Um-Deutung von etwas, was man auf den ersten Blick einfach weghaben will. Das macht einen ganz neuen Blickwinkel möglich …
    Ebenso spannend, weil – so denke ich mir’s zumindest – befreiend (oder vielmehr: die bereits vorhandene Freiheit zeigend): Ihre Fähigkeit im Traum, sich mit diesem Schamgefühl nicht zu identifizieren, oder zumindest dieses Gefühl nicht ganz zu sein, darin gefangen.

    Herzliche Grüße
    B&M

  2. REPLY:
    Lieber B&M, Ihre Gedanken möchte ich noch etwas wirken lassen, ehe ich darauf reagiere. Sie sprechen nämlich etwas an, was ich bisher übersehen hatte. :-)

  3. REPLY:
    dauert länger als vermutet – die Worte wollen noch nicht in voller Blüte. Aber egal. Was ich übersehen hatte: dass man sich im Schamgefühl meist nicht so wohl fühlt. Ja, tatsächlich, oft genug möchte ich es (und so manch anderes) einfach nur weghaben. Ich kam nun zu der Überlegung, dass ich – wenn ich in dieses unbehagliche Gefühl ganz bewusst hineingehe – wenn ich praktisch in dieser “Rolle” ganz aufgehe, gar nicht mehr dieses unangenehme Gefühl damit habe. Es ist eine Facette, die mich nicht mehr vereinnahmt und mein Handeln womöglich fehlleitet, wenn ich diese Facette meines Erlebens für mich vereinnahme.
    Okay, damit erzähle ich nichts Neues, aber dennoch muss ich mir manches immer wieder ins Gedächtnis rufen. Dank Ihres Anstoßes ist das hier gelungen. Liebe Grüße.