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Tristesse und grüner Zauber

Traum vom 8. November 2009

Der Zug fährt in gemächlichem Tempo an der Küste entlang. Ich sitze in Fahrtrichtung. Rechts neben mir, am Fenster, sitzt der Käpt’n und schaut entspannt hinaus. Ich schmiege mich an ihn, schaue auch zum Treiben am Meer. Ein Fußballspiel findet dort statt – ganz selbstverständlich im Wasser. Der Meeressaum ist von den Zuschauern gefüllt, die auf Luftmatratzen oder Schwimmnudeln herumtreiben, tauchen oder schwimmen oder einfach nur planschen, während sie das Spiel verfolgen. Warum wird solch ein Spiel nicht auf den Sommer verlegt? Da sind die Temperaturen doch angenehmer als jetzt im kühlen Herbst. Doch offenbar ist das Wasser gar nicht so kalt, denn keiner der Zuschauer wirkt fröstelnd.

Ich kuschele mich wieder genüsslich an den Käpt’n. Mein Blick fällt aber auch auf Valerian, der – mit dem Rücken zu uns – auf dem Platz vor mir sitzt. Was er wohl darüber denkt, dass ich so am Käpt’n hänge? Erst kürzlich erzählte Valerian, wie arrogant er den Käpt’n erlebt habe. Er sei richtig unsympathisch gewesen. Doch ich hatte gleich darauf erwidert, dass ich den Käpt’n als gar nicht arrogant erlebt hätte, sondern vielmehr als feinfühlig oder innerlich abwesend. Naja, ich bin Valerian ja auch zu nichts verpflichtet. So schmiege ich mich noch näher an den Käpt’n, der ganz selbstverständlich seine Hände um meine Handgelenke legt – eine unbewegte Berührung, die ich so interpretiere, dass ihm meine Annäherung nicht unangenehm ist. Nach einer Weile sagt der Käpt’n nachdenklich:“ Ich bin mir nicht sicher, ob deine Gefühle für mich echt und tief sind.“

Vielleicht wird er sich abwenden, wenn ich ihm nichts beweisen kann? Nur mehr als eine ehrliche Antwort kann ich ihm nicht geben: „Meine Gefühle sind echt und so tief, wie sie gehen. Das kann ich behaupten, soweit mir das bewusst ist.“
Das noch Unergründete kann ich ja nicht wissen. Vor meinen Augen nun die Großaufnahme eines Querschnittes, der an Haut oder ähnliches denken lässt. Eine rotebeterote Flüssigkeit rinnt in die Vertiefungen, die wie Zäpfchen mehr oder minder tief gehen. Die Flüssigkeit dehnt sich immer mehr aus, und es ist deutlich zu erkennen, dass diese an manchen Stellen sehr tief reicht, an anderen auch wieder nicht – alle möglichen Tiefen sind zu sehen.

Ich wende mich dem Käpt’n zu, warte auf seine Reaktion auf meine Antwort. Befürchte kurz, er könne nun aufstehen und sich aufgrund meiner nicht weitreichenden Antwort von mir abwenden und gehen. Gedankenverloren öffnet er seine Hände, schaut auf seine Handteller. Eine rotebeterote Flüssigkeit hat sich in den Linien und Furchen seiner Hand verteilt, zeichnet diese deutlich sichtbar nach. An einer Stelle sehe ich ein viereckiges Liniengebilde. Es ist die Farbe der Flüssigkeit, die mir auffällt, da sie dem eben erschienenen inneren Bild gleicht.

Der Käpt’n bleibt offen für meine Zuwendung, signalisiert weiterhin mit unbewegten Berührungen sein Einverständnis. Es ist wie ein Beginn von etwas, von dem niemand weiß, ob etwas oder gar mehr daraus entstehen wird.

Nun: Mittagspause. In einem Bahnhofsrestaurant sitzen der Käpt’n und ich uns an einem mit weißem Damast gedeckten Tisch gegenüber. Rundum ist wenig los. Meine rechte Hand liegt auf dem Tisch. Mit einem Male greift er sie sanft, zieht sie etwas zur Mitte, um unsere beiden Hände dort bequem abzulegen. Oh, da wir beide nicht darauf achteten, landen wir genau in einem mit weicher Butter oder Vanillecreme beschmierten Stück Küchenkrepp. Der Käpt’n nimmt ein weiteres Tuch, um unsere Hände zu reinigen. Dadurch lösen sie sich wieder voneinander und hinterher traue ich mich nicht, meine Hand wieder zur Mitte zu legen. Ist es doch nun mit einer Erwartung verbunden, die – würde sie enttäuscht werden – mein Schamgefühl wachriefe. Vielleicht nahm er meine Hand nur zufällig oder aus Gedankenlosigkeit. Aber schön war es ja auch… Langsam lasse ich meine Hand weiter auf den Tisch gleiten. Da nimmt der Käpt’n sie ganz selbstverständlich und hält sie zärtlich fest.

Eher unmerklich wird es um uns herum trübe. Es ist ein sehr verhangener Tag, der das Licht immer mehr schluckt. Eigentlich müsste ein Gefühl der Bedrückung spürbar werden, aber soweit reicht meine Bewusstheit im Traum nicht.

Der Käpt’n und ich stehen wieder im Zug; ich umarme ihn. Außer uns befindet sich offenbar niemand mehr in den Waggons. Nur das trübe Tageslicht dringt spärlich durch die Fenster. Ein luftgefüllter Plastikzeppelin schwebt herein, über unsere Köpfe hinweg. Aha, das sind wohl Überwachungsgeräte mit eingebauten Kameras?! Da außer uns niemand in den Waggons ist, sollen wir wohl überwacht werden, damit wir kein dummes Zeug machen. Mir egal, ich lasse mir eh nichts zu schulden kommen, also kann man mich ruhig überwachen. Doch es kommen immer mehr dieser Luftobjekte in Zeppelin- oder Delfinform hereingesurrt. Sie streben auf uns zu, bleiben sehr nah und ich erlebe sie rasch als beunruhigend, da sie sich als sehr aufdringlich zeigen. Ein Teil von mir amüsiert sich zwar immer noch, aber langsam wird mir mulmig bei diesen fern- und fremdgesteuerten Flugobjekten. Der Käpt’n zeigt sich völlig gleichmütig, wie schon die ganze Zeit.

Das vorhergehende Ereignis verflüchtigt sich, wir bleiben stehen. Ich bin sehr redselig, erzähle fast ohne Unterlass. Dabei fällt das Wort ‘Grün’ und ich bemerke verwundert, dass sich die Fläche oder der Gegenstand, den ich währenddessen ansah, tatsächlich grün färbt. Verspielt, und neugierig darauf, was wohl geschieht, rufe ich erneut: „Grün!“ Ja, es kommt mir vor, als färbe sich daraufhin eine weitere Fläche, die ich bei diesem Wort ansah, grün. Die Arme um des Käpt’ns Hals gelegt, beginne ich im Kreis zu tanzen, ziehe ihn dabei mit herum und rufe, dabei hüpfend vor Vergnügen: „Grün! Grün! Grün! Grün grün grün! Grüngrüngrün!!“ So dass ich eine jede Fläche, die mir unter die Augen kommt, mit diesem Wort belege, auf dass sie sich verfärbe! Das ist ja fast so etwas wie Zauberei, kommt es mir in den Sinn. Was für ein interessantes Spielzeug. Allerdings – so überlege ich ernsthaft – sind bei dieser trüben Witterung kaum die Farben und Konturen zu erkennen. Da kann man sich leicht etwas vormachen, was gar nicht ist. Vielleicht ist das vermeintlich Grüne nur ein grünstichiges Blau?

Wir wechseln den Standpunkt. Mittlerer Einstieg zur rechten Seite in Fahrtrichtung. Wir fahren gerade in einen Bahnhof ein. Ich sehe einen Kontrolleur, Schaffner oder Zugbegleiter – genau ist es wegen der Spiegelung auf der Glasscheibe nicht zu erkennen – der, obwohl der Zug noch nicht hält, auf das Trittbrett springt. Im ersten Moment bin ich fast froh, denn langsam kam mir dieser leere Zug ein wenig geisterhaft vor. Doch wenn ein Bahnbeamter hinzu steigt, wird es sich wohl um eine reguläre Fahrt handeln! Ich gehe einen Schritt näher an die Tür, der Beamte hängt schon am Haltegriff, die Spiegelung fällt weg und erst jetzt kann ich sein Antlitz besser erkennen, auch wenn es finster wirkt. Sein Gesichtsausdruck ist grimmig und auf Krawall gebürstet. Mit großem Schreck erkenne ich den dicken Schlagstock in seinem Halfter. Seine kräftige Hand ist bereits beim Zugreifen, da die Tür noch nicht entriegelt ist und er sich sofort Zutritt zu verschaffen gedenkt. Geht die Tür nicht von allein auf, so öffnet er sie eben mit Gewalt. Mit einem Male kommt es mir vor, als wolle er uns brutal überwältigen und bekomme Angst.

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