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Niemandsland

Traum:
Land. Es ist ruhig hier draußen. Ich erreiche einen Platz, an dem ich viele Sommer lang träumte. Drei Wege führen hier zusammen. Ein jeder gibt ein Stück Wegesrand zur gemeinsamen Mitte. So gibt es hier ein kleines dreieckiges Stückchen Natur, das niemandem gehört. Und wenn auch die Felder ringsum beackert werden, so darf hier alles wachsen, so wie es mag. Nur ab und an, wenn es überwuchert, nimmt ein Vorübergehender sich dessen an; ohne jedoch tiefer einzugreifen. So lag ich hier manche Stunde unter dem hohen Baum im Gras. Auf einem kleinen Gräserstück, das gerade so zum Liegen ausreicht – parallel zum Weg. Ich lag mit geschlossenen Augen. Der Wind streichelte meine Haut, ich spürte das Pulsieren der Erde, manchmal wärmte mich die Sonne. Ich lauschte dem Rascheln der Insekten, sah dem Ziehen der Wolken und Vögel nach, Grashalme wippten. Ein Ort der Einkehr und Besinnung.

Der Sommer ist vorbei. Herbst… der Winter naht. Es ist feucht und kühl. Ich sehe einen Landwirt, der den linken Bereich des Niemandslandes durchforstet und von Übertriebenem befreit. Direkt vor mir „mein“ Platz unter dem Baum. Die Gräser sind so hoch gewachsen, zu dicht inzwischen, teils gelb und saftlos. Ich spüre den Wunsch, das Gräserstück zu lichten, von Abgestorbenem zu befreien und dann das Verbliebene kräftig zu stutzen. So kann es im nächsten Jahr ganz frisch und neu heranwachsen. Wenn ich jetzt nicht eingreife, kann es sein, dass im kommenden Frühjahr das, was sich neu entwickelt, unter dem Alten erstickt. Nur habe ich keinerlei Gerät, da ich keinen eigenen Garten haben. So überlege ich, mit einer Küchenschere wiederzukommen. Aber das wäre stümperhaft, wie mir beim Anblick des Landwirts klar wird. So gehe ich weiter, ein paar Schritte nach rechts, und dann gleich links, weiter am Dreieck entlang, bis sich der Weg davon löst.

Der Weg geht nach vorn, wie in den Himmel hinein. Das Land lichtet und weitet sich. Mein Herz weitet sich vor Freude, so sehr, dass ich einen feinen Schmerz dabei spüre. Freies Land.

Nach einiger Zeit erreiche ich die Moorbahn. Wir fahren gemächlich zwischen Wiesen und Felder entlang. Einige Landarbeiter sind hinzugestiegen. Wohlverdiente Frühstückspause. Sie sitzen auf Hockern im Gang. Unter ihnen auch ein gleichaltriger Bekannter aus der Grundschulzeit, der vor einigen Jahren gestorben ist. In seiner Hand hält er einen Becher mit einem dampfend heißen Getränk. Als er und die anderen Landarbeiter eintraten, besprachen sie ihre heutigen Arbeiten. Ihr erdigen und ruhigen Stimmen im Rücken zu spüren, geben mir ein gutes Gefühl der Geborgenheit. Inzwischen hat mich der Bekannte erkannt und spricht seither nur noch das Notwendigste mit den anderen Arbeitern, und mir kommt der Gedanke, es sei meine Gegenwart, die ihn einschüchtert, ohne dass ich mir dies erklären könnte. Das ist schade, denn mir gefiel, was ich von ihm hörte. Mein Blick geht es aus dem Fenster. Einige Regentropfen perlen vor meinen Augen. Da ist auch etwas in meinem Blickfeld, das etwas die Sicht verzerrt. Wie ein längliches klares Weichplastikteil mit vier leicht erhaben Kreisen. Ich wische es mit dem der Hand hinfort, wie einen Vorhang, oder wie die Tränen Regentropfen an der Scheibe. Zumindest versuche ich es, aber so ganz zufriedenstellend gelingt es nicht. Die Sicht ist immer noch nicht ganz klar.
Mir ist ein wenig weh ums Herz.

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