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Begegnung mit Carl

Traum:
Am Vormittag. Ich bringe Mike zum Bahnsteig und verabschiede mich von ihm. Etwa zehn Meter weiter steht mein Fahrrad – hier schaue ich noch einmal zurück und sehe Mike vor dem Hintergrund des Zürcher Hauptbahnhofs. Da, etwas weiter rechts, hinter einem breiten Strauch, eine Bewegung. Im nächsten Augenblick sehe ich einen Mann hervorkommen. Er geht vor mir vorbei in Richtung Parkplatz. Ja hey… das ist doch!?! Carl?! Mit ihm hatte ich hier nicht gerechnet und ehe ich reagieren kann, ist er vorüber. Aber er wird ja gleich zurückkommen, dann kann ich ihn begrüßen. Das ist toll, ihn hier so überraschend wiederzusehen! Da sein Blick mich kurz streifte, gehe ich ganz selbstverständlich davon aus, dass er mich gesehen, aber ebenfalls zu spät erkannt hat.

Ich schiebe mein Rad zu Mike und berichte erfreut: „Hast Du den Mann gesehen? Das ist Carl! Ich glaube, er holt nur etwas aus dem Auto und kommt dann gleich zurück.“
Schön, da kann ich die beiden Männer gleich miteinander bekannt machen. Um die Hände frei zu haben, stelle ich mein Fahrrad mittig vor zwei Fahrräder, die hintereinander vor dem Gebüsch stehen und gehe wieder zu Mike. Da kommt Carl zurück. Ich spüre die Wiedersehensfreude in meinem Gesicht leuchten, und wie sich mein Arm auszustrecken beginnt. Sein Blick streift mich… bleibt unberührt und er geht vorbei, als seien wir einander fremd. Er erkennt mich nicht? Unglaube macht sich in mir breit. Undenkbar, dass ich mich äußerlich so sehr verändert habe. Bisher erkannte mich jeder wieder – spätestens auf den zweiten Blick. Nun steht Carl da, mit dem Blick zum Bahnhofsgebäude, Mike und mich streifend… immer noch unberührt. In mir erwacht ein vertrauter Impuls: ihm einfach hinterherzugehen, ihn anzusprechen. Aber zum ersten Male spüre ich eine große Müdigkeit dabei. So oft im Leben bin ich hinterhergelaufen. Ich mag nicht mehr, stelle ich verwundert fest. Es war ja doch immer nur ein Aufschub – letzten Endes kam immer der Abschied. Noch einmal schaue ich ihn an… Er sieht mich nicht… mehr. Gedanken kommen: Wege führen zusammen und nach mehr oder weniger Zeit trennen sie sich, um irgendwann wieder zusammenzufinden. Doch manche Wege trennen sich auf immer. Unsere Wege haben sich bereits auf immer getrennt, ohne dass ich es bis heute geahnt hätte. Ich dachte bis heute, wir gingen zwar andere Wege, sie würden aber immer wieder einmal zueinander führen, wenn es sich so ergibt. Ich spüre schmerzliches Bedauern; allein Abschied nehmen.

In der Ex-Küche. Am Tisch, mir gegenüber, sitzt Carl und grinst mich an. Wir haben uns einige Zeit nicht gesehen. „Hast Du meine Farbe auf dem Kopf nicht gesehen?“, fragt er. Ah… hm… Farbe auf dem Kopf? Was meint er? War Röte in seinem Gesicht bis zum Kopf hinaufgestiegen, und ich habe das nicht bemerkt? Aber was will er damit ausdrücken? Carl kämmt sich mit den Fingern durch die Haare. Ach sooo!! Jetzt erst sehe ich es: er hat seine Haare getönt – irgendein Blondton. Über dem Ohr sehe ich einen Flecken, wo die Farbe wohl nicht hielt – ergrautes Blond. Womöglich kann er selbst es nicht sehen, aber es ist ungleichmäßig geworden. Was allerdings kaum auffällt, da der Farbunterschied eh nur gering ist.

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3 Antworten zu Begegnung mit Carl

  1. Ein beeindruckender Traum. In der Seele geht die Verarbeitung von (wichtigen) Beziehungen wohl noch sehr lange weiter, auch wenn sie im realen Leben längst abgeschlossen [z.B. Liebesbeziehungen] oder verändert [z.B. die eigenen Eltern] sind. Dann gibt es aber auch Träume, in denen man spürt: jetzt ist es wirklich (gut) abgeschlossen.

    Liebe Grüße
    B&M

  2. REPLY:
    Dieser Traum hatte mich nachdenklich zurück gelassen, weil ich die letzte Traumszene eher dann verstanden hätte, wäre sie zu Anfang gewesen. Aber am Ende? Da verstehe ich nur… Bahnhof.
    Ihre Gedanken dazu haben irgend etwas in mir berührt, was ich noch nicht greifen kann. Es fühlt sich versöhnlich(?) an. Herzlichen Dank, dass Sie etwas zu diesem Traum geschrieben haben! Liebe Grüße – Traumzeit

  3. REPLY:
    gingen meine Überlegungen inzwischen auch. Manchmal muss eine alte Beziehungsform sterben, ehe sich eine neue, reifere entwickeln kann. Nochmals Danke und ein schönes Wochenende Ihnen! :-)