Home » Traumtagebuch » Reise nach Calmus

Reise nach Calmus

Genau kann ich es nicht sagen, wie dieser Ort mit französisch klingendem Namen geschrieben wird; Calmus oder Camus. Allerdings bin ich sicher, den richtigen Namen noch während meiner Reise, spätestens bei der Ankunft zu erfahren. Ich werde also Calmus schreiben, um nicht vorab um etwas zu berauben, das sich später womöglich als notwendig erweist.

Traum:
Mary Poppins Time. Vorspiel: Ich erinnere mich traumhaft… an mehrere kleine Salons, die ineinander übergehen. In allen stehen einige Damen und Herren beisammen. Ich höre sie philosophieren… charmant, galant, auch manieriert, so dass es reine Freude ist. Sie zeigen sich stilvoll gekleidet. Die Herren in feinen schmalen Hosen, mit Frack und vornehm zurückhaltendem Chapeau Claque. Eine Dame im Vordergrund, in langem tintenblauen Kleid, bauschiger Stoffrosette direkt über dem Popo, nonchalant hochgesteckte Haare, lange Abendhandschuhe, Perlendes im Glas – so wunderschön anzusehen. Sie wechseln die Räume, formieren sich immer wieder neu. Wie körperlos bewege ich mich zwischen ihnen und höre zu. Immer mal wieder werfe ich einen Blick durch eine offene Tür, die in die häusliche Bibliothek des Herrn führt: Bücherwände; ein Stuhl mit Armlehnen und bequemer Rückenlehne, mit rotem Samt gepolstert – Privat. Ein paar Mal bin ich versucht einzutreten – möglich, dass ich ihn sogar dort angetroffen hätte, während er sich für ein paar Minuten zurückzog, um sich zu besinnen. Nur auf der Schwelle überkommt mich stets eine mädchenhafte Scheu, und ich fühle mich meinem Drang nicht mehr gewachsen… – so klein. Ein Fuß schwebend, im Begriff hinüber zu gehen, der andere wie fest verwurzelt vor der Schwelle, schaue ich innehaltend durch den Schleier scheu gesenkter Wimpern.

Irgendwann aber ergibt es sich doch. Ich bin mit dem Herrn allein in seinem Salon. Nicht ganz allein, sein Hund ist auch dabei. Ein hellfelliger Hund von schlanker adliger Gestalt. Seinem Herrn nicht unähnlich, wenn auch seine Zähne spitzer und bissiger erscheinen, und sei es nur durch die Unberechenbarkeit bedingt, die einem Tier doch immer innezuwohnen scheint. Vielleicht ließe ich ihn nah an mich heran, den Hund, naja, den Herrn, da ich Vertrauen fasse. Gerade dies ließe aber meine Abwehr fallen, die sich nicht schnell genug wiederaufbauen ließe um mich vor plötzlichen schmerzhaften Bissen zu schützen. Ach, selbst ein lautes Gebell direkt vor meinem Gesicht erschütterte mich zutiefst und lähmte mich, machte mich zu einer lächerlichen Gestalt…

Aber nun bin ich hier und die Furcht legt sich rasch, ebenso wie die Scheu und Zurückhaltung. Der Herr und ich stürmen aufeinander zu, meine Haare verlocken sich vor Aufregung und Hitze, unsere Glieder wachsen wie junggrüne Blumenstängel zueinander hin. Auf seinem Stuhl vereinigen wir uns – irgendwie. Jedenfalls zu Anfang war ich mit dem Herrn, jetzt jedoch zeigt sich sein Hund, was mich kurz irritiert, die Lust aber nicht mindert.
Eines habe ich so erfahren: Der Hund des Herrn beißt nicht; jedenfalls nicht zum Zeitpunkt höchster Vollendung. Das ist beruhigend. Noch während ich meine Körperlichkeit zusammensammele – es ist so, als habe ich mich verloren – erscheint eine keck-brave Zofe im kleinen Schwarzen mit weißem Schürzchen und Spitzenhäubchen. Mit einem Staubwedel aus weißen Federn pinselt sie hier und da. Das ist das Zeichen. Der Empfang neigt sich dem Ende zu.

Western Union Times. Auf der Reise nach Calmus. Calmus ist eine Insel in den Vereinigten Staaten, ein Land der Unabhängigkeit. Die Planung dieser Reise war mit großer Tüftelei verbunden. Calmus ist ein Ort, der nicht so einfach zu erreichen ist. Mike hatte geduldig mehrere Fahrplanbücher gewälzt, bis er alle Verbindungen zusammengesucht hatte. Die einzelnen Daten zu dieser Reise sind nicht abrufbar. Jeder Reisende muss seinen ganz eigenen Weg dorthin finden.

Inzwischen sind wir gut vorangekommen, dem Ziel schon recht nahe. Soeben besteigen wir die Eisenbahn in Richtung Flughafen. Der Flieger geht dann direkt nach Calmus. Ich steige flink in den Waggon, während Mike und Moina sich damit mehr Zeit lassen. Es ist eine alte Eisenbahn, die sich langsam und ruckelnd in Bewegung setzt. Ich stelle den Koffer auf eine Sitzbank mit dunkelrotem Lederpolster und bleibe gedankenversunken stehen. An der Fensterplätzen auf der anderen Seite des Ganges sitzen zwei Herren, in angeregtem Gespräch vertieft. Einen der Beiden sehe ich: eine Mischung aus väterlicher Westernheld, Abraham Lincoln und Kater Mikesch. Er ist von eher kleinerer Gestalt, trägt schwarze Gamaschen mit schwarzen Lederknöpfen. Die beiden Männer unterhalten sich über Calmus. Soweit ich ihren Worten entnehmen kann, ist Calmus tatsächlich ein besonderer Ort, der nicht alle Tage aufgesucht wird. Das Gespräch ist derart respektvoll, als sei Calmus in seiner Würde unantastbar. Dies beeindruckt mich, da entwürdigende Worte, und seien sie nur im Spaß daher gesagt, im Allgemeinen schnell über die Lippen kommen, aber hinsichtlich Calmus dies noch nicht einmal in der Phantasie geschieht. Interessant, was ich zufällig zu hören bekomme. In diesem Augenblick äußern die Herren ihre Unsicherheit, was die Abflugszeit anbelangt. Sie fragen sich, ob das wirklich um 17:30 Uhr ist. Ah, das weiß ich und so bestätige ich es ihnen voller Freude: „Ja, 17:30 Uhr ist richtig!“ Im gleichen Moment schäme ich mich, senke den Blick und scharre verlegen mit der Spitze meiner Stiefeletten – wie peinlich, etwas sicher zu wissen. Vielleicht unterliege ich ja einem Irrtum? Woher nahm ich die Sicherheit?

Da höre ich hinter meinem Rücken eine Frauenstimme. Eine Frau mit vanillehellem langem Sommerkleid und Hütchen, mit entspanntem Sonnenschirm aus zartem Stoff. Sie fragt die Herren mit vornehmer Stimme: „Wird das Frühstück in Calmus immer noch auf der offenen Veranda eingenommen?“ Es hört sich für mich an, als sei sie dieser Angewohnheit bereits überdrüssig, was die Schlussfolgerung zulässt, dass sie schon häufig dort war. Was für uns einen bemerkenswerten Höhepunkt darstellt, stellt sie mit ihren Worten auf die Ebene langweiliger Alltäglichkeit. Vielleicht ist es mein Neid, der mir vorgaukelt, sie wolle mit diesen Worten einfach nur angeben. Die Kutsche schaukelt heftig als sie spricht.

Und dennoch… mit ihren Worten, die sogar die Männer einen Moment lang sprachlos machen, bekomme ich eine bildhafte Vorahnung von Calmus und dem, was mich erwartet. Mein Herz weitet sich vor Freude, vor all der Schönheit des Landes… „Offene Veranda“… Weites Land, Unabhängigkeit, Südstaaten. Ich sehe einen Mann – Typ Union Jack – mit dem Rücken zu mir stehend, vor einer atemberaubenden Landschaft. Dorthin geht diese Reise? Ich staune, wundere mich, kann es kaum glauben. So etwas habe ich mir in meinen schönsten Träumen nicht ausmalen können. Habe ich eigentlich meinen Fotoapparat mitgenommen? Wahrscheinlich. Jedoch habe ich versäumt, die Akkus zu laden. Es wäre echt bedauerlich, wenn ich dort keine Aufnahmen machen könnte. Aber klar, ich könnte die Akkus in Calmus aufladen. Ach… nein, das geht ja gar nicht. Es ist ja ein Land vor meiner Zeit; damals gab es so was noch nicht.. Ich gebe mir einen Ruck und spüre dann, dass ich recht mühelos von dem Wunsch loslassen kann, das Erleben festzuhalten. Mir fällt etwas ein, das mir viel wertvoller erscheint: Ich werde einen jeden Augenblick meiner Reise voll auskosten, indem ich ihn so bewusst als möglich erlebe. Ich spüre allein bei diesem Gedanken unendliche Fülle.

Verwandter Traum:
Liegewiese beim Brentano
Blitz im Dunkel

Tags:

2 Antworten zu Reise nach Calmus

  1. zuckerwattewolkenmond

    die 17:30 kamen ja auch schon in dem Onkel-Traum vor. Scheint wichtig zu sein. Vielleicht die erste Hälfte der Lottozahlen zum Jackpot. ;o)

  2. REPLY:
    In der Frühe hatte ich noch dran gedacht, aber inzwischen hatte ich es vergessen.

    Ja, mit dem Jackpot, das raffe ich noch gar nicht so richtig. Ist da viel drin? Vielleicht sollte ich mitspielen, dann könnte ich die Reise nach Calmus bezahlen?

    Ach nee, ich lasse Dich gewinnen. Zuviel Aufregung vertrage ich nicht so gut. ;-)