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Vor der Untersuchung und U-Boot-Sarg

Traum:
Mit Moina in der Praxis des Kinderarztes. Die Wartezimmertür steht weit offen. Moina vertreibt sich die Wartezeit mit verschiedenen Spielen, die sie sich ausdenkt. Rechts von mir sitzt ein älteres Ehepaar. Der Mann schaute Moina bereits eine Weile zu und flüstert seiner Frau nun zu: „Bemerkenswert, wie ausgereift die soziale Kompetenz des Mädchens ist. Ist es Dir auch schon aufgefallen?“
Was seine Frau darauf antwortet, dringt nicht in mein Bewusstsein. Ich beobachte Moina und überlege, dass mir in dieser Hinsicht noch nichts Nennenswertes aufgefallen ist.
Aber da fällt mir ein: ich muss noch mal nach meinem Fahrrad sehen. Ich verlasse das Wartezimmer, gehe über einen weiten Flur zu den Treppen. Kaum setze ich meinen Fuß auf die erste Stufe, setzt sich die Treppe in Bewegung. Oupsala, eine es ist eine Rolltreppe, eine mit farbigen Trittflächen, wie ich erst jetzt erkenne. Die Treppe trägt eine halbe Etage tiefer, da endet sie an einer niedrigen Wand im Halbdunkel. Ich kauere auf der unteren Stufe, kann nach links einen Blick durch das Treppengeländer werfen. Dort unten, eine Etage tiefer, befindet sich offenbar der stationäre Bereich. Die Räume sind weit, offen und freundlich, und voller Spielsachen. Ich sehe einen Jungen im Krabbelalter und zwei Mitarbeiterinnen aus dem Team. Ich schlussfolgere, dass dies der Bereich ist, wo Kinder über einen längeren Zeitraum beobachtet werden – in den Sinn kommen mir Begriffe wie ‚Verhaltensprotokolle’, ‚Entwicklungsprotokolle’, ‚Videoaufnahmen’. Na, wie auch immer, hier komme ich ja nicht weiter, hier gibt es keinen Ausweg. Ich muss die Treppe finden, die ganz nach unten führt, nach draußen, wo mein Fahrrad steht. Da es einen Weg hierher gab, werde ich ja wohl auch wieder nach unten gelangen können, so versichere ich mir. Ich drehe mich um, will die Stufen nach oben gehen. In dem Moment setzt sich die Rolltreppe in diese Richtung in Bewegung. Oh?! Wird die Treppe von Sensoren und Lichtschranken gesteuert? Oben im Flur vor dem Wartezimmer angekommen, schaue ich mich um; versuche mich erneut zu orientieren und vor allem: die Treppe abwärts zu entdecken, die es doch geben muss! Bis jetzt kann ich sie trotzdem nicht entdecken.

Später. Zurück im Wartezimmer. Moina spielt wie zuvor. Ich gehe an einem Tischchen vorbei und reiche Moina ein Fläschchen mit Apfelschorle. Dabei komme ich einer Frau sehr nahe, die auf dem Tisch sitzt, und der ich bisher keine Aufmerksamkeit schenkte. In diesem Augenblick springt sie mich schreiend an. Einen Moment lang fürchte ich, sie zerkratzt mir gleich das Gesicht. Ihrem schrillen Kreischen entnehme ich, dass ein Kind namens Franziska auf dem Stuhl bei ihr am Tisch sitzt, ich also dort nicht sitzen könne! Sie dachte offenbar, ich habe mich dort setzen wollen. Außer Moina ist kein Kind im Raum; der Stuhl am Tisch ist leer. Mir ist schlagartig klar, worum es geht: dieses Mädchen namens Franziska existiert in Wirklichkeit gar nicht, sondern nur in der Phantasie der Frau. Im gleichen Augenblick tritt eine besorgte ältere Dame – sehr schlank und hochgewachsen – auf mich zu. Sie ist die Begleitperson der aufgebrachten Frau, will mir gerade alles erklären und sich für die Frau entschuldigen. Mit einer beruhigenden Geste gebe ich ihr zu verstehen, dass ich verstanden hab und sage: „Das ist schon okay so.“ Geisterkinder sollen ihren Platz haben.

Ich wende mich Moina zu, streichele ihren Lockenkopf und sitze bald darauf wieder neben dem Ehepaar und warte. Moina spielt nach wie vor, ohne dass ihr langweilig geworden wäre. Wie vom Blitz getroffen fällt mir etwas ein: „Ich habe was vergessen!“ Ich springe auf, laufe los, habe ein ungutes Gefühl, weil ich Moina solange allein zurücklassen muss.

In einem Zug. Ich stehe an einer Reihe von winzigen Fenster, halte mein linkes Ohr an eines dieser Fenster – Telefonat mit den Eltern. Alltägliches. Die Landschaft zieht langsam vorüber. Da fällt mir plötzlich ein: „Mist, ich habe das gelbe Untersuchungsheft vergessen!!“ Ich spreche es vor Schreck laut aus, aber auch um meinen Eltern zu signalisieren, dass ich das Gespräch dringend beenden muss. Mutter redet unbeeindruckt weiter. Während ich mein Ohr vom Fenster löse, höre ich noch etwas von Möhren und Rote Bete, ehe die Stimmen verklingen. Ich muss hier raus! Das Untersuchungsheft holen, sonst kann ich den Termin beim Kinderarzt nicht wahrnehmen.

Erst nun, da ich mitten in dem vermeintlichen Waggon stehe, erkenne ich meine Lage: ich befinde mich in einem Schiffchen auf den Schienen. Das Schiffchen ist vielleicht fünf Meter lang, von innen mit rostbrauner Schutzlasur gestrichen; kleine Fensterchen wie in einem U-Boot. Ja, wie ein U-Boot, so dicht vernietet wirkt alles. Als ich ans Ende gehe, zum erwarteten Ausgang, da sehe ich: hier gibt es keinen Ausweg! Auch am anderen Ende gibt es keinen Ausgang – alles verschweißt! Mein Blick geht durch die Fenster. Die Landschaft zieht vorüber. Für mich gibt es kein Entkommen, noch nicht einmal ein tröpfelndes Entrinnen… – keine Handlungsmöglichkeit, keine Möglichkeit zum Eingreifen, eine Lebende in einem Sarg. Tief in mir macht sich Entsetzen breit, während meine Oberfläche unbeteiligt zurückbleibt – bleich und kraftlos. Es ist ein Alptraum. Ja, nur ein Traum kann auf die Idee kommen, mich in eine solche Lage zu versetzen. Das kann nur ein Traum sein, so denke ich, ohne dass mir bewusst würde, dass ich tatsächlich träume.

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5 Antworten zu Vor der Untersuchung und U-Boot-Sarg

  1. zuckerwattewolkenmond

    und was ist mit dem Fenster? Selbst wenn man nicht weiß, daß man träumt, würde man es doch mit dem Fenster versuchen, oder? ;o)

  2. REPLY:
    die Fenster sind kaum größer als ein Faustumfang. Es gibt keinen losen Gegenstand, der herumliegt oder den man loseisen könnte, und die Fensterchen wirken ziemlich dick. Ein echter Albtraum.
    Aber vielleicht habe ich ja etwas übersehen. Oder! Oder ein Entkommen gibt es mit Hilfe der Traum-Logik. Ich muss nur noch drauf kommen. ;-)

  3. REPLY:
    Hilfe rufe ich trotzdem! :-O

  4. zuckerwattewolkenmond

    REPLY:
    wenn ich so einen Traum hätte, würde ich es mit roher Gewalt versuchen. Zumindest im Traum hilft sowas immer. *gg*
    Ich habe übrigens mal vor sehr vielen Jahren, das muß noch in meiner Jugend gewesen sein, geträumt, daß ich in einem steinernen Verließ über einem Abgrund eingesperrt war. Es gab nur ein kleines Fenster in der Wand über dem Abgrund. Ich überlegte natürlich, was ich mache, und dachte auch daran, daß ich eventuell durch das Fenster fliehen könnte. Aber meine Angst vor dem Abgrund war so groß, daß ich tatsächlich den Hungertod im Verließ wählte. Das erschien mir der leichtere Ausgang, bzw. Ausweg.

  5. REPLY:
    eine Erkenntnis, die mich vielleicht noch retten kann. Vielleicht musste ich erst einmal so drastisch spüren, was das alles mit mir macht. Wenn ich so umpanzert bin, muss halt auch mit heftigen Traumgranaten geschossen werden, um mich aufzuwecken. ;-)
    Aber in gewisser Weise hast Du auch Recht, wenn Du schreibst, damals wähltest Du den Hungertod. Manchmal muss man sterben, um sein Leben zu leben. Na, Du weißt schon, wie ich das meine.

    Äh, Du hast den Hungertod offensichtlich auch ganz gut überstanden – das macht doch Mut. ;-)